Haben Sie auch was ohne Fleisch?

Gemüse ist das Fleisch der Vegetarier. Aber sollte sich ein Fleischesser wirklich zwei Monate nur davon ernähren? Foto: dpa

"Haben Sie auch was ohne Fleisch?", frage ich die Backwarenfachverkäuferin und blicke finster auf die Reihe belegter Brötchen, die in der Auslage hinter der Glasscheibe...

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. "Haben Sie auch was ohne Fleisch?", frage ich die Backwarenfachverkäuferin und blicke finster auf die Reihe belegter Brötchen, die in der Auslage hinter der Glasscheibe liegen. "Nein, tut mir leid", sagt die Frau und schaut mich voller Mitgefühl an. Ich scheine nicht der Erste zu sein, dem sie diese traurige Mitteilung machen muss. Ich seufze, dann mache ich mich auf den Weg zu meiner nächsten Anlaufstelle. Eine Dönerbude. Dort gibt es tatsächlich vegetarische Döner, meine Mittagspause ist gerettet. Auf dem Rückweg in die Redaktion ist sie wieder da, die Frage, die ich mir seit drei Wochen immer und immer wieder stelle. "Wieso hast du dich nur auf sowas eingelassen?"

Und einmal mehr verfluche ich jenen denkwürdigen Abend auf dem Balkon, an dem ich zusammen mit einem guten Freund auf diese schreckliche Idee kam: zwei Monate kein Fleisch essen.

Ich, der seinen rechten Arm für ein saftiges Rinderfilet geben würde. Ich, der so gerne Vegetarier veräppelt. Ich, der sich selbst mit dem Spruch beschreibt: "Ich bin ja auch Vegetarier, ich esse halt nur noch Fleisch dazu." Ausgerechnet ich habe mich auf dieses Selbstexperiment eingelassen.

Doch ein Rückzieher kommt nicht infrage, allein schon, weil mein Kumpel sich darüber noch jahrelang herzhaft auslassen und keine Gelegenheit verstreichen lassen würde, allen von meinem Versagen zu erzählen. Nein, diesen Triumph würde ich ihm nicht gönnen.

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Gelüste zunächst immer da

Schon am ersten Tag merke ich, dass es alles andere als einfach ist, was ich mir da vorgenommen habe. Nicht unbedingt, weil es mich jetzt schon nach Fleisch gelüstet, nein, so ist es nicht. Aber in punkto Auswahl bin ich sowohl im Supermarkt als auch an Bäckerei-Theken und in Restaurants doch deutlich eingeschränkt. Bei meinem ersten Einkauf stelle ich immer wieder fest, wie Artikel in meinem Warenkorb landen, die da eigentlich nicht landen sollten. So etwa der Frischkäse, den ich mir anstelle von Salami abends aufs Brot schmieren will. Zielgenau greife ich mir das Produkt in der Geschmacksrichtung "Räucherlachs" und werfe es in den Wagen. Moment mal. Räucherlachs. Ich schlage mir mit der flachen Hand an die Stirn. Also zurück ins Kühlregal damit, stattdessen wird es dann eben die Variante "Natur". Na lecker…

Der restliche Einkauf gleicht einer Tortur. Gemüse- statt Fleischbrühe, Tiefkühlpizza vegetarisch, bei jedem zweiten Produkt bin ich gezwungen, die Angabe der Inhaltsstoffe zu durchforsten, um auch sicher sein zu können, dass ich nicht aus Versehen gegen mein neues Gelübde verstoße. Es ist schon eine lästige Sache, dieses Dasein als Vegetarier.

Kaum Auswahl im Restaurant

Und doch… Je länger meine fleischlose Zeit dauert, umso stärker entdecke ich da noch etwas anderes. Ich ertappe mich, wie ich mich immer häufiger darüber empöre, wieso die Auswahl an vegetarischen Gerichten in Restaurants meist so furchtbar klein ist. Ich stelle fest, wie ich im Freundeskreis in schönster Regelmäßigkeit voller Leidenschaft meine Fleisch-Abstinenz begründe und auf die Unmenschlichkeit der Massentierhaltung aufmerksam mache. Erst neulich habe ich einen Bekannten lautstark zurechtgewiesen, der mir allen Ernstes erklären wollte, als Vegetarier könne man ja statt Fleisch einfach Fisch essen. Voller Stolz habe ich bei einem gemeinsamen Grillabend im Sommer meinen vegetarischen Burger samt Folienkartoffel verzehrt. Und mit leichter Überraschung festgestellt, dass man auch ohne Fleisch sehr lecker essen kann.

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Ich bin mir beinahe sicher, dass ich nach dem Ende meines Experimentes wieder zur alten Gewohnheit zurückkehren werde. Zum Vegetarier kann ich nach jetzigem Stand der Dinge einfach (noch) nicht konvertieren. Zu tief verwurzelt ist die Leidenschaft für ein saftiges Steak oder ein zartes Stück Lachs. Doch eins ist ebenfalls sicher: Die fleischlose Zeit war und ist hilfreich. Hilfreich, um den eigenen Horizont zu erweitern und auch einmal die Position der anderen Seite zu verstehen. Geschadet hat mir der Verzicht bislang nämlich in keiner Weise. Im Gegenteil: Er hat meinen Blick geschärft für eine hochkomplexe Thematik, die diese Gesellschaft auch in Zukunft noch sehr beschäftigen wird.

In diesem Sinne: Zur Nachahmung empfohlen!

Steffen Nagel