Kroatien - ein ganzes Land ist stolz

Wie in Zagreb fiebert ein ganzes Land mit den 23 Kroaten mit, die am Sonntag nach dem WM-Pokal greifen. Foto: dpa

Vor dem Finale hat Kroatien eigentlich schon alles erreicht. Wie das Team und das Volk ticken, kann sich an der Szene des Halbfinals, als Siegtorschütze Mario Mandzukic mehrere...

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. Von Anita Pleic

Mein Herz ist rot-weiß kariert. Es schlägt bis zum Hals, wenn ich nur darüber nachdenke, wie ich diesen Text hier anfangen soll. An das Finale am Sonntag darf ich eigentlich noch gar nicht denken. Ach was, seien wir ehrlich. Ich denke an nichts anderes. Spätestens seit dem Viertelfinale tanzt mein Herz, schlägt Purzelbäume: Es ist ein Sommer, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Wenn Sie wissen wollen, wie die vier Millionen Kroaten in Kroatien und die circa vier Millionen weiteren in der ganzen Welt ausgesehen haben, als Mario Mandzukic (ich möchte hier am liebsten einfügen: Fußball-Gott) in der Verlängerung des Halbfinals gegen England zum 2:1 traf, schauen Sie sich die zahllosen Bilder der Fotografen an. Das waren wir alle. Acht Millionen Kroaten weltweit in völliger Ekstase sahen in diesem Moment genau so aus.

Das ganze Land erlebt den Sommer seines Lebens

Ich möchte den ganzen Tag rufen „Hvala, Vatreni“. Vatreni nennen wir unser Team. Weil es so ist, wie es ist. Feurig. Gut, ich gebe es zu, sind wir alle. Manchmal zu laut, viel zu laut, viel zu emotional, viel zu impulsiv. An dieser Stelle würde ich mich eigentlich bei unseren Nachbarn entschuldigen wollen für den lauten Jubel, das verzweifelte Schreien, wenn ein Ball nur an den Pfosten geht oder ein Fehlpass den letzten Nerv raubt. Aber ich glaube, das muss ich diesmal nicht. Unser Team, die Vatreni, begeistert so viele Menschen, dass sie einfach mitjubeln.

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Unsere Nachbarn packen eine Hupe aus und steigen in den Jubel ein (Danke, Josef!), gratulieren mir überschwänglich, wenn ich sie auf dem Weg zum Auto treffe. Meine Kollegen fiebern bei jedem Spiel mit, fragen live auf Facebook, ob ich noch lebe ...

Ich bin diesen Sommer 35 Jahre alt geworden und ich lege mich vor dem Finale fest: Ganz sicher hatte ich in meinem Leben wunderschöne Sommer. Aber das hier, das übersteigt alles. Wir sind ein kleines Land, wir sind das jüngste EU-Mitglied. Meine Generation ist eine, die noch genau vor Augen hat, wie es ist, wenn im eigenen Land Krieg ist. In einem Land, aus dem junge Menschen immer noch wegziehen, weil sie sich an anderer Stelle eine bessere Zukunft erhoffen. Eine, in der sie nicht trotz bester Ausbildung bei 1000 Euro Durchschnittsgehalt herumkrebsen.

Authentische und herzliche Menschen

In so einem Land wird sportlicher Erfolg schnell zum Highlight. Mein Kroatien ist ein wunderschönes Land mit unsagbar authentischen und herzlichen Menschen. Und wenn ich ehrlich bin, freut es mich am Allermeisten, dass dieses Team genau so rüber kommt. Wenn sie vor lauter Freude den Fotografen umrennen, ihm dann, als sie erschreckt feststellen, was ihnen gerade passiert ist, hoch helfen und im Falle von Domagoj Vida einen Kuss verpassen, dann ist das so Kroatien pur, wie Kroatien für mich ganz persönlich immer war. Genau so sind meine Verwandten, die im Sommer schon warteten, wenn wir aus Deutschland nach Dalmatien und Zagreb in die Ferien gefahren kamen.

Das alles potenziert sich, wenn einer unserer Sportler international von sich reden macht und Titel holt. Für ein kleines Land wie unseres ist das die Möglichkeit in höchst positiver Weise von sich zu erzählen. Und sportliche Helden und Erfolge, die gibt es bei uns en masse. Sie kennen sie: der große, viel zu früh verstorbene Basketballer Drazen Petrovic, Goran Ivanisevic, die Kostelic-Geschwister im Skifahren, Ivano Balic und die Handballer, Hochspringerin Blanka Vlasic und und und.

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Der Finaleinzug belebt die Geister

Wie wir das machen? Fragen Sie mich bitte nicht, ich habe keine Ahnung. Ich könnte nur platzen vor Freude darüber. Im Moment wache ich jeden Tag mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf, singe beim Kaffee kochen „Srce vatreno“, eines der Fanlieder, und juble einfach nur, weil wir im Finale sind. Wer mich kennt, lacht an dieser Stelle sicher lauthals. Eigentlich rede ich morgens wenig bis gar nicht, trinke still Kaffee, lese die Zeitung, fahre in die Redaktion. Hvala, Vatreni. Danke dafür, dass ihr zeigt, wie herzlich, echt und lebensfroh Kroatien ist.

Danke, dass ihr zeigt, dass wir mehr sind als Zdravko Mamic und ein problematischer Fußballverband. Die Spieler des Teams von 1998 sind unsere Helden, meine Helden und die Helden der aktuellen Nationalspieler. Wir alle haben als Teenies jubelnd vorm Fernseher gesessen, als sie durch die WM in Frankreich marschierten. Boban, Suker, Bilic, sie alle sind Sportlegenden für jedes kroatische Kind. Die Kinder von damals haben ihren Erfolg schon jetzt übertroffen. Das ist so unglaublich und immer noch ein bisschen unwirklich. Was am Montag in Zagreb passiert, wenn Kroatien tatsächlich ... ich will es noch gar nicht aussprechen. Was dann passiert, kann ich mir gar nicht vorstellen, bis auf die Tatsache, dass mein fast 70-jähriger Vater, der jeden mit „Ei guuude“ begrüßt, dann ganz sicher der erste im Auto für den Autokorso ist. Aber im Grunde ist es egal, was am Sonntag passiert, es wird so oder so eine riesengroße Party.

* Die Autorin ist Redakteurin dieser Zeitung und als Tochter kroatischer Einwanderer in Mainz geboren und in Rheinhessen aufgewachsen.