Piraten lieben dicke Engel

Friedlich wird’s allüberall. Castor-Transporte befahren, mit Adventskränzen geschmückt, bald den neuen Bahnhof S 21. "S" steht für die "Super-Schwaben", denn die...

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. Vorweihnachtszeit. Besinnlichkeit. Liebe unter den Menschen. Advent, Advent, der Christbaum brennt, oder so. Im Ernst: Manchmal können einem wirklich Zweifel kommen. In einer berühmten Sonntagszeitung stießen wir beim Durchstöbern der Immobilienofferten zufällig auf folgende Annonce. Aufpassen, es kommt auf jedes Wort an: "Wer heiratet mich? Liebe Frau, 47 Jahre, 1,73 m, 82 kg, mit vierjährigem Kind, sucht begüterten älteren Herrn (gern 70 - 80 Jahre), der sie heiratet. Denken Sie nicht, ich wäre berechnend. Bin auf der Suche nach der wahren Liebe, möchte aber, dass diese sich - ganz altmodisch - im Rahmen bestimmter Verbindlichkeiten entfaltet. Ich lebe z. Z. von Hartz IV, bin aber gebildet (Dr. phil.), kultiviert, vorzeigbar, häuslich und habe ein großes Herz. Ich werde Sie lieben und für Sie da sein, bis dass der Tod uns scheidet. Zuschriften erbeten unter..."

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Nachdem wir aus dem Koma wieder aufgewacht sind und eine Stunde vor Erschütterung geweint haben, sagen wir: Okay. Die Welt da draußen ist knüppelhart. Der Euro ist praktisch im Eimer, die Racheagenturen, Pardon, Ratingagenturen Mutti‘s und Stehende Armut, (Moody’s, Standard & Poor‘s) stufen in einem Aufwasch die USA und die FDP knapp hinter Nordkorea ein, dahinter kommt seit Sonntag nur noch der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Kretsch¬mann, Bahnhofs-Winfried, wie wir ihn nennen. Stuttgart 21. Blöd mit dieser Demokratie. Da fragst Du das Volk, und es gibt Dir tatsächlich Antwort. Frechheit. Und es kann uns auch keiner erzählen, dass das ein Zufall war, dass genau an dem Wochenende von S 21-Völkerball, äähh, Volksbefragung der Castor unterwegs war. Da hat die Bahn ihre überlegene Technologie voll zur Schau gestellt. Wahrscheinlich setzen sie genau diese Wagen künftig im Winter ein. Nix mehr Verspätung wegen vereister Weichen. Hier heizt der Brennstab. Aber all das ist Kinderkräppelkaffee gegen einen Satz wie "Denken Sie nicht, ich wäre berechnend...".

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Wie kriegen wir jetzt den Übergang zum englischen Königshaus, in Fachkreisen auch "Lissy und die Feier-Biester" genannt? Wir lesen in der wunderbaren Zeitung "Die Welt" die Überschrift: "Pippa macht die Party schön", was uns zunächst zu der Mahnung veranlasst: Aufpassen, liebe Schülerinnen und Schüler, ein falscher Vokal kann das Leben verändern. Also. Pippa, die Schwester von Kate Middleton, schreibt einen Ratgeber für Feste, und wir lesen Folgendes: "Wenn Männer eine Party feiern wollen, rufen sie ein paar Kumpels an, holen zwei Kästen Bier und legen Würstchen auf den Grill. Wenn Frauen eine Party feiern wollen, legen sie ihre persönlichen Würstchen, also ihre Männer auf den Grill...." Halt, nein. Das wäre originell gewesen, wenn der Text so weitergegangen wäre. Es heißt aber, Frauen ".....kaufen erst mal ein Buch." Grundgütiger! Was für ein Geschlechterbild! Männer: saufen, zwei Kästen Bier. Frauen: intellektuell. Kaufen Buch. Womöglich aber eines, in dem ein Kapitel lautet: "Wie verfasse ich eine Heiratsannonce, deren absoluter Höhepunkt lautet: ‚Denken Sie nicht, ich wäre berechnend...‘."

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Liebe Leserinnen und Leser, Sie müssen jetzt ganz stark sein. Vielleicht ist dies unsere letzte "Woche". Es ist nämlich so, dass wir uns für den Bundesparteitag der "Piraten" akkreditiert haben, und ob wir da heil wieder raus kommen, keine Ahnung. Hoffnung macht uns, dass wir durchaus schlachtenerprobt sind. So war eine unserer ersten großen Aufgaben als junger Politikredakteur im Dezember 1984 der Bundesparteitag der Jungen Liberalen (JuLis), bei dem ein gewisser Guido Westerwelle zum JuLi-Bundesvorsitzenden gewählt wurde. Wie meinen? Wer sowas bewältigt hat, den kriegen auch die Piraten nicht klein? Schließen Sie uns vorsichtshalber in Ihr Nachtgebet mit ein.

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Mut macht uns, dass der Piraten-Parteitag in Offenbach stattfindet, jener Metropole der heiteren, weltläufigen, gelassenen Toleranz und der urwüchsigen Kultur, die sich in liebevollen Film-Zitaten spiegelt wie "Indiana Jones und der Bembel des Todes". Bezeichnend auch die Hymne "Erbarme - zu spät, die Hesse komme" der Kultband Rodgau Monotones: "Was kommt denn da für‘n wüster Krach//aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach.....Un de eins und de zwei//und de Äppelwoi//und de drei und de vier//schmeckt besser noch wie Bier//und de hip und de hop//un de Schoppe in de kopp//und de fünf und de sechs//do lacht die Gummihex‘". Wir hoffen, dass sich die Piraten davon inspirieren lassen. Allerdings geben uns einige Sachen auch zu denken. Zum Beispiel die Länge des Links, unter dem man sich über Parteitags-Anträge informieren kann: http://presse.piratenpartei.de/sites/all/modules/civicrm/extern/url.php?u=416&qid=28189. Bei anderen Parteien reicht sowas, um drei Kanzlerkandidaten online direkt zu wählen.

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Und dann der Hammer. Bei "Piratenwiki" heißt es plötzlich: "Dicker Engel". Gut, wir Älteren erinnern uns an den "Blauen Engel" mit Marlene Dietrich und den Film "Auch die Engel essen Bohnen" mit dem dicken Bud Spencer. Wir lesen: "Der ‚Dicke Engel‘ ist der virtuelle Treffpunkt aller Piraten. Es wird frei gesprochen, gestritten, getauscht, gelacht und getrunken. Alles ist möglich." Leute!! Tun sich da Abgründe auf? "Alles ist möglich" erinnert fatal an "Alles kann, nichts muss". Strauss-Kahn, New-York, Hotel, oder wie? Und was, um Himmels Willen, wird denn da getauscht? Und ist es da noch weit zu: "Denken Sie nicht, ich wäre berechnend...."