Rehberg: 05-Heimstärke dank der Offensiv-Asse

Foto: Sascha Kopp

Die 05er unter Trainer Martin Schmidt sind vor eigenem Publikum eine Macht. Das weiß spätestens seit Sonntag auch Bayer Leverkusen. Unser Experte Reinhard Rehberg beschreibt...

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. Die Bundesliga-Spitzenmannschaften fallen in der Coface Arena inzwischen reihenweise um. Dieses Mainzer Stadion ist zur Hölle geworden für die Gäste, ein Kampfkäfig, in dem „Ultimate Fighting“ präsentiert wird. Der VfL Wolfsburg ist hier gestürzt, Borussia Mönchengladbach ist ohne Punkt nach Hause gefahren, der FC Schalke 04 musste sich niederringen lassen. Und am Sonntagabend hatte Bayer 04 Leverkusen beim 1:3 in der Coface Arena keine realistische Chance auf ein Remis. Die 05er unter Trainer Martin Schmidt sind vor eigenem Publikum eine Macht. Eine beeindruckende Entwicklung. 36 Punkte nach 23 Spieltagen. Das lässt sich fast vergleichen mit dem Weg des kleinen Sensationsklubs Leicester City in der englischen Premier League.

Starke erste Halbzeit

Die erste Halbzeit war ein Höhepunkt in dieser starken Mainzer Spielzeit. Bayer Leverkusen wirkte nicht müde nach dem internationalen Match am Donnerstagabend gegen Sporting Lissabon. Ein paar Stammspieler fehlten, doch das galt auch für die Mainzer. Die es schafften, dem Favoriten eine Spielweise aufzudrücken, die für den Gegner eklig war. Das Ergebnis war eine szenische Dichte, eine physische Intensität, ein Pressing- und Gegenpressingschlagabtausch, ein Tempo und eine Wucht wie in einem hochklassigen Spitzenspiel. Eine 45-minütige Highspeed-Veranstaltung. Die auch technische Aktionen im Programm hatte aus der Premiumabteilung. Die Leverkusener traten spielerisch filigraner auf, kombinationssicherer. Die 05er machten in der Defensive die Passwege dicht, sie übten permanent Druck auf die Kugel aus. Und in der offensiven Umschaltung war die Schmidt-Elf geradlinig, zielstrebig, damit im Angriffsverhalten entschlossener, konkreter, gieriger.

Und was man zu diesem Zeitpunkt der Saison auch behaupten darf: Individuell war eine Mainzer Mannschaft in der Offensive noch selten mit derart vielen Könnern ausgestattet wie aktuell. Ein Zehner, der sich im Sommer seinen neuen Klub aussuchen kann, ein Mittelstürmer von Format, dazu Flügelstürmer, die nicht nur schnell und trickreich sind, sondern die auch die ganz weiten Wege nach hinten in Sprintgeschwindigkeit durchziehen. Auf diesen Positionen haben die Spitzenteams im Normalfall die entscheidenden Vorteile. An diesem denkwürdigen Abend nicht.

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Technisch perfekter, butterweicher Heber von Malli

Da war Yunus Malli. Binnen fünf Minuten stand der 05-Zehner zweimal frei vor Bernd Leno. Den ersten Ball am Boden parierte der Bayer-Keeper hervorragend. Dann lupfte der wie aufgedreht spielende Rechtsaußen Pablo de Blasis die Kugel in den Rücken von Stopper Jonathan Tah, Malli entschlüpfte dem Hünen, dann folgte ein technisch perfekter, butterweicher Heber über Leno hinweg zum 1:0. Ein Jubelorkan im Stadion.

Bayer antwortete. Überlegenheit. 7:0 Ecken für die Rheinländer, aber kein Torschuss. Und dann schlug Cordoba zu. Wieder eine Vorlage des wendigen und listigen Unruhestifters de Blasis. Schlecht abgewehrt. Der 05-Mittelstürmer schnappte sich die Kugel, zwei, drei Schritte, ein Vollspanngeschoss. Leno brachte die Hände nicht mehr an das flach über den Rasen zischende Projektil. Das 2:0. Einen Zentrumsstürmer von diesem Zuschnitt hatten die 05er nicht mehr seit Blaise Nkufo: Physis mittels eines stählernen Körpers, Ballsicherheit auch in Bedrängnis, Verdrängungsgewalt, Durchsetzungswillen am Boden und in der Luft (auch im eigenen Strafraum), Geschwindigkeit mit Ball am Fuß, grenzenlose Laufbereitschaft, Dynamik und Wucht Richtung Tor. Mit einem Unterschied: Cordoba hat im Vergleich zum Riesen Nkufo die deutlich bessere Schusstechnik. Drei bis vier Millionen Euro Ablöse werden die 05er inzwischen gerne investieren in den Leihspieler aus Kolumbien. In dieses Topgutachten passte auch jene Szene, als Cordoba kurz nach der Pause nach einem Klassepass von Malli mit einem Außenristschlenzer nur knapp an Leno scheiterte.

Im Gegenpressing auf Augenhöhe

Phasenweise quälten die 05er die spielerisch auffälligen Gäste. Jairo entwischte auf Linksaußen seinen Gegenspielern. Torchancen. Roberto Hilbert rettete auf der Torlinie, Malli schoss übers Tor. Das war die Phase bis zum Halbzeitpfiff, in der die Mainzer den Leverkusener Gegenpressingwall mehrfach überwanden. Mit technischem Geschick und im Überfalltempo. Da rannten Weltmeister Christoph Kramer und Hakan Calhanoglu im Zentrum hinter Julian Baumgartlinger und Fabian Frei her.

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Taktisch waren die 05er, auch im Gegenpressing, auf Augenhöhe mit dem Europaligateam. Dessen gesperrter Trainer Roger Schmidt hoch droben in der 05-Loge gestaunt haben wird ob der hochwertigen Gegenwehr des giftigen Außenseiters. Der auch in der zweiten Halbzeit relativ wenig Mühe hatte, den Erfolg zu kontrollieren. Der Elfmeter, mit dem Malli zum 3:0 sein zehntes Saisontor schoss, war unstrittig. Der eingewechselte Tin Jedvaj fabrizierte gegen den 05-Spielmacher ein Handspiel im Stile eines Torhüters. Bayer 04 hat bis zur letzten Minute alles versucht inklusive des Treffers von Javier Hernandez und weiterer guter Abschlussaktionen.

Doch die 05er hatten immer die Hand auf dem Ergebnis mittels Defensivorganisation, Leidenschaft und Kampfgeist. Ein großer Auftritt auf einer großen Bühne.