Rehberg: 05er erneut im Aufbauprozess

Diskussionbedarf: Die Mainzer (von links) Shinji Okazaki, Niko Bungert und Johanes Geis. Foto: dpa

Bei Mainz 05 hat mal wieder ein Aufbauprozess begonnen. Erfolgstrainer Thomas Tuchel und drei Leistungsträger sind gegangen. Die Einnahmenseite und das Gehaltsbudget erlauben...

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. Die Rolle als unterbelichteter Außenseiter, der mit bescheidenen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Mitteln mit einem putzig-sympathischen Image in der Bundesliga um Wettbewerbsfähigkeit ringt, ist der FSV Mainz 05 los. Mit diesem Etikett hat es sich ein paar Jahre entspannt leben lassen. Das ist vorbei. Dieses Fach besetzt in dieser Saison der SC Paderborn.

Die Westfalen wenden für ihr Profipersonal etwa zehn, elf Millionen Euro weniger auf als die Mainzer. In die Paderborner Heimspielstätte passen knapp 20.000 Menschen weniger als in die Coface Arena. Die Trainingsbedingungen bezeichnet Trainer André Breitenreiter als "nicht mal drittklassig": Ein einziger Rasen im Amateurstation "Paderkampfbahn" im Stadtzentrum, die Spieler parken ihre Mittelklassewagen auf einer schmalen Aschebahn direkt am Spielfeldrand; die Trainer entwerfen ihren Spielplan im Wohnzimmer einer kleinen ehemaligen Hausmeisterwohnung, im Schlafzimmer stehen die Liegen, auf denen die Spieler sich von den Physiotherapeuten kneten lassen, die Trainingsgerätschaften sind untergebracht in der Garage der Hausmeisterwohnung. Das ist Bruchweg zu Beginn der 90er Jahre. Als dort die wichtigen Dinge in einer Mietcontainerlandschaft abgewickelt wurden. Und die Transfers über das Autoverkäuferbüro des ehrenamtlichen Managers Christian Heidel liefen.

Aufsteiger bundesweit für 2:2 gefeiert

Die 05er sind nach oben Lichtjahre entfernt vom FC Bayern München und von Borussia Dortmund - und sie leben von unten gedacht auch für den SC Paderborn auf einem anderen Planeten. Da ist es kein Wunder, dass der Erstaufsteiger für ein 2:2 vor eigenem Publikum gegen den Vorjahressiebten FSV Mainz 05 bundesweit hymnisch gefeiert wird. Die Mainzer? Die kommen in den meisten Artikeln gar nicht vor. Und wenn, dann nur mit dem Hinweis, dass das eine schwierige Saison werden könnte für die Mannschaft mit dem neuen Trainer Kasper Hjulmand.

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Die Gewichte haben sich verschoben. Tatsächlich stehen die Paderborner mit ihrer individuellen Qualität vor einer ausgesprochen problematischen Spielzeit, aber das wird nicht wahrgenommen als Belastung, sondern als spannendes Abenteuer. Die 05er dagegen werden gemessen an den fünf Jahren mit Thomas Tuchel, in denen das Team nicht einen einzigen Tag auf einem Abstiegsplatz verbrachte. Das heißt: Ein - nach der dramatischen Schlussphase glücklicher - Punktgewinn beim kleinen Aufsteiger ist Mist. Ungut.

Leistung (noch) nicht tauglich für Optimismus

Dabei ist das Ergebnis gar nicht so interessant. Das 2:2 war wichtig für den neuen Trainer, weil der Däne mit der dritten Startniederlage im dritten Wettbewerb erheblich unter Druck geraten wäre. Interessanter war die Leistung. Die war zweifellos (noch) nicht tauglich dafür, optimistische Prognosen zu formulieren. Warum? Weil die 05er kein kleiner Aufsteiger mehr sind, sondern ein etablierter Mittelklasseklub. Der, wenn sich ein Erfolgstrainer und drei Leistungsträger verabschieden, zu strampeln hat. Zumal dann, wenn die Qualitätsverluste keinen nennenswerten Einnahmen bescheren. Zdenek Pospech, einer der besten Rechtsverteidiger der Liga, und Maxim Choupo-Moting, einer der besten Tempodribbler der Liga, gingen ablösefrei. Nicolai Müller, einer der besseren Konterstürmer in dieser Liga, brachte rund 4,5 Millionen Euro, das Talent Shawn Parker etwa 1,5 Millionen.

Klassische Aufbauarbeit ist gefragt

Die Aufgabe lautet also, für sechs Millionen Euro drei neue Spieler zu beschaffen, die das Endniveau der drei Abgänger repräsentieren, ohne das Gehaltsgefüge zu sprengen. Das ist mehr oder weniger eine unlösbare Aufgabenstellung. Für sechs Millionen und in den Grenzen des vertretbaren Gehaltsbudgets sind Zugänge zu erwarten, die in etwa das Anfangsniveau der drei Abgänger haben. Also Spieler mit Talent, die Entwicklungszeit benötigen. Das gilt für Daniel Brosinski, das gilt für Filip Djuricic. Und das gilt sicher auch für den nächsten Neuzugang in der Angriffsabteilung. Mit diesem zwischenzeitlichen Qualitätsverlust muss der neue Trainer leben. Da ist die klassische Aufbauarbeit gefragt. Man kann sicher auch mal Glück haben. Mittelstürmer Shinji Okazaki etwa hat in der Vorsaison nahtlos den Abgänger Adam Szalai ersetzt, in der Torquote sogar übertroffen. Das war ein Ausnahmefall.

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Wo stehen die 05er also zu Beginn dieser Bundesligasaison? Mitten in einem Aufbauprozess. Der sich aktuell nicht so richtig beurteilen lässt, weil auch der Trainer noch in einem Anpassungs- und Entwicklungsprozess steckt. Die neuen Ballbesitzideen ziehen bislang nur bedingt, die alten Stärken gegen den Ball sind nur noch rudimentär erkennbar. Sagen wir es so: Wenn der SC Paderborn vor einer schwierigen, aber spannenden Saison steht, dann stehen die 05er vor einer unwägbaren Spielzeit, die ihre Spannung (noch) aus der bislang wackligen Spielidee des Trainers bezieht. Ausgang offen. Am Sonntag erscheint Hannover 96 in der Coface Arena. Danach sind wir wieder einen Tick schlauer.