Rehberg: Auf Mainz 05 wartet die Bergetappe

05-Trainer Martin Schmidt gibt die Richtung für die nächste Etappe vor. Foto: dpa

Der FSV Mainz 05 hat in dieser so schwierigen Zeit viel richtig gemacht. Das beweist der Sieg gegen Hertha BSC am vergangenen Samstag. Doch damit wurde laut AZ-Blogger Reinhard...

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. Das Sechs-Etappen-Rennen geht weiter. Nach der ersten Etappe lässt sich festhalten: Die 05er haben in diesem schwierigen Moment auf vielen Ebenen sehr viel richtig gemacht. Sportdirektor Rouven Schröder hat im Leitstand resolut die Führungsposition an sich gerissen: Trainerdiskussion beendet, Martin Schmidt bestätigt, damit auch die Spieler mit in die Pflicht genommen. Folge: Die Situation im Abstiegskampf ist nicht überdramatisiert worden, mit dem Slogan #Mainzbleibt1 und mit der belebenden T-Shirt-Aktion sind Emotionen geweckt worden in der Stadt; das neue Gemeinschaftsgefühl und die feurige Kampfatmosphäre in der Opel Arena haben zum 1:0-Sieg gegen Hertha BSC Berlin beigetragen.

Der Gegner hat mit seiner Auswärtsschwäche dafür gesorgt, dass die 05er zum Start auf einer Flachetappe überzeugen konnten. Anstrengend, intensiv und spannend bis zum Ende, aber Sprinterqualitäten hatte die Hertha nicht. Wichtig war, dass die 05-Profis wieder Vertrauen gefunden haben in die Wirksamkeit ihrer individuellen und mannschaftlichen Fähigkeiten. Zudem war deutlich erkennbar, dass die innere Dynamik dieses Teams angeschoben worden ist. Die Spieler haben im Kollektiv ihre Nerven im Griff gehabt – und sie haben sich binnen der 90 Minuten gegenseitig unterstützt, mit Gesten, mit Worten; sie haben sich auch nach fehlerhaften Aktionen abgeklatscht und angefeuert. Die Anhänger haben gespürt, dass die Elf mit Leidenschaft unterwegs war. Rettungsaktionen, Balleroberungen oder erzwungene Eckbälle ernteten Jubelstürme. Wenn sich Ultras und Tribünenbesucher noch mehr verbünden, dann kann das noch wilder werden in der Opel Arena.

Die zweite Station ist nun eine Bergetappe. Alpe d'Huez. Der FC Bayern in der Allianz Arena. Dienstagabend wird sich im Bernabéu-Stadion entscheiden, in welcher Stimmung der Branchengigant am kommenden Samstag gegen die Mainzer antritt. Wenn sich die Weltauswahl von Carlo Ancelotti bei den „Königlichen“ von Real Madrid durchsetzt und ins Halbfinale der Champions League einzieht, dann werden die Münchener Stars prächtig gelaunt sein. Wenn die Bayern in diesem Viertelfinale ausscheiden, dann hat der ruhmreiche FCB das ganz große Saisonziel sehr frühzeitig verpasst, dann werden die Medien über Trainer und Mannschaft herfallen; dann werden alle Beteiligten bis Samstag gezwungen sein, sich aus einer Enttäuschung heraus zu rechtfertigen. Niemand kann voraussagen, welche Stimmung für die 05er günstiger ist. Niemand kann voraussagen, ob überhaupt irgendeine Stimmung einen entscheidenden Einfluss haben wird auf das folgende Bundesligaspiel. Die Bayern in Madrid hin oder her, Tatsache ist: Die 05er werden auf dieser Bergetappe die Bereitschaft mobilisieren müssen, sich bedingungslos zu quälen.

Mehr Einflussfaktoren als nur die Reaktion der Medien

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Ein paar ungefärbte Ostereier fand am Samstagabend Martin Schmidt. Er sei enttäuscht darüber, dass die regionale Presse in der Misserfolgsphase so schnell die Geduld verloren habe mit dem Trainer. Und vor einer Fernsehkamera führte der Schweizer aus, der einzige Effekt eines Trainerwechsels sei doch der, dass die Medien mit dem Antritt eines neuen Vordenkers wieder auf eine positive Berichterstattung umschwenken würden. Naja, ganz so einfach ist die Sache nicht. Neuer Trainer - neue Abläufe, eine neue Ansprache, eventuell auch neue spielerische und taktische Elemente, ein neuer Impuls für Spieler, die vorher eher in der zweiten Reihe standen. Da gibt es zuweilen schon ein paar mehr Einflussfaktoren als nur die Reaktion der Medien. Da hat der 05-Chefcoach arg dünnhäutig reagiert.

Bei dieser Trainerdiskussion ist es nur vordergründig um die Person Martin Schmidt gegangen. Prinzipiell steht in diesen Krisenmomenten der Verein im Mittelpunkt. Schröder hatte nach der Niederlage in Freiburg die Frage zu prüfen, zu bewerten und zu beantworten: Wie schafft der Klub den Verbleib in der deutschen Eliteliga? Die zeitnahe und glasklare Antwort lautete: mit Martin Schmidt. Das war ein ebenso mutiges wie starkes Signal. Und zu diesem Zeitpunkt am Sonntagvormittag wusste der Sportdirektor noch nicht einmal, dass ein paar Stunden später der Abstand zu einem direkten Abstiegsplatz auf einen Punkt zusammengeschmolzen sein würde. Unter den Mainzer Journalisten hat niemand das Gefühl, Martin Schmidt wäre zuvor überhart oder gar unfair angegangen worden. Die Tür für ein Bekenntnis zum Cheftrainer ist immer offen geblieben. Die mediale Reaktion auf diese Entwicklung war konstruktiv.

Fastenzeit ist beendet

Nun sind die 05er der einzige Klub in der Abstiegskampfzone, der in dieser Saison nicht den Trainer gewechselt hat. Das ist bemerkenswert. Ausgang offen. Das bleibt ein enger, ein steiniger, ein steiler Weg. Die zweite Etappe wird das Tabellenbild wieder neu sortieren. Der VfL Wolfsburg muss sich bei der Heimmacht Hertha BSC behaupten. Der Hamburger SV steht unter dem Druck eines Pflichtheimsiegs gegen das wehrhafte Schlusslicht Darmstadt 98. Der FC Augsburg muss in Frankfurt über die Runden kommen. Der FC Ingolstadt muss vor eigenem Publikum gegen das aufstrebende Werder Bremen das 0:3 in Wolfsburg aus den Köpfen vertreiben.

Und die wiederauferstandenen 05er haben in der Allianz Arena ein Minimalziel: Das Team sollte sich zumindest nicht die - noch sehr werthaltige - Tordifferenz versauen lassen. Die Fastenzeit ist beendet, hat Martin Schmidt nach der Hertha-Partie resümiert. Der 05-Trainer kann sich in München also auch einen Punktgewinn vorstellen. Auch gut.