Rehberg: Blutleeres Sicherheitspass-Festival

Torwart Manuel Neuer (r.) und seine Teamkollegen Jonas Hector (Mitte) und Thomas Müller gehen nach der Niederlage über den Platz. Foto: dpa

Nach dem WM-Aus für Deutschland sind die Fans fassungslos und maßlos enttäuscht - bei der DFB-Elf dagegen hatte man den Eindruck: Völlig überraschend kam für die deutschen...

Anzeige

. Am Mittwochabend gegen 20 Uhr habe ich einige Nachrichten aufs Handy bekommen. Das kurze Statement „Wir sind raus!“, war relativ häufig dabei. Danke für die Info. Das war zu diesem Zeitpunkt auch mir schon bekannt. Natürlich war das von den Freunden anders gemeint. Das sollte heißen: Wir sind maßlos enttäuscht, wir leiden. Mit einem Schuss „Erkläre mir das, ich kann das nicht verstehen…!“ Die Anhängerschar der DFB-Elf investiert Gefühle. Die Spieler von Jogi Löw wirkten nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Russland weniger erschüttert.

Thomas Müller und Joshua Kimmich drückten ein paar Tränen. Mats Hummels war konsterniert. Sami Khedira analysierte hyperkorrekt und fast schon emotionslos. Kapitän Manuel Neuer fand das frühe Ausscheiden „erbärmlich“, das aber sehr gefasst. Der Eindruck verdichtete sich: Völlig überraschend kam für die deutschen Spieler dieser krasse Misserfolg nicht. Wahrscheinlich haben viele Spieler gespürt: Bei uns hat etwas von Anfang an nicht gestimmt, und zwar gravierend. Das 0:2 gegen Südkorea war nur mehr der letzte Beweis dafür, dass diese Mannschaft bei diesem Turnier keinen inneren Zusammenhalt, keine Führung und keine Wehrhaftigkeit hatte – die Gruppe war nie als geschlossene Kampfgemeinschaft auf einer Titelverteidiger-Mission.

Merkwürdige Form von Fehlervermeidungsfußball

Jogi Löw mag das mitbekommen haben. Aber der Bundestrainer hat keine Lösungen gefunden. Und er hat aus dem 0:1-Start gegen Mexiko die falschen Schlüsse gezogen. Löw hat sich geklammert an seinen vor Jahren gefassten Plan. Seine Mannschaft muss „spanisch“ spielen, Dominanz über eigenen Ballbesitz geht über alles. Und nun war aber frühzeitig absehbar, dass die aktuelle Besetzung aus unterschiedlichsten Gründen keine Sicherheit und keine Überzeugung hat für die Durchsetzung dieser spielerischen Anforderungen. Nach dem Mexiko-Spiel lautete die Analyse: zu viele Ballverluste, das müssen wir reduzieren. Das hat der Bundestrainer seinem Team so lange eingetrichtert, bis dann gegen Südkorea nicht mehr mehr möglich war, als eine ganz merkwürdige Form von Fehlervermeidungsfußball.

Anzeige

Der amtierende Weltmeister schob die Kugel hin und her, ohne Körperspannung, ohne Druck auf dem Ball, ohne Temposteigerungen und ohne Tempodribblings, ohne Risikobereitschaft im Angriffsdrittel, ohne Leidenschaft, ohne Herzblut, ohne kollektive Widerstandskraft. Ein seelenloses und blutleeres Sicherheitspass-Festival. Die Spieler schlichen umher, als hätte ihnen jemand als Arbeitskleidung einen Taucheranzug verpasst nebst Flossen an den Füßen, und das noch mit einer defektiven Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Rhythmuswechsel? Nach der Pause schaltete die Zuckeltrab-Elf vom zweiten in den dritten Gang. Mehr ging nicht. Drei Gänge blieben ungenutzt. Und das gab Auskunft darüber, in welcher Verfassung sich die Mannschaft bei diesem Turnier befunden hat. Da fehlte es an der grundsätzlichen Bereitschaft, Opfer- und Leidensbereitschaft zu mobilisieren für ein großes Ziel. Da fehlte es zudem am nötigen glühenden Miteinander und Füreinander.

Die Demut fehlte, auf basis-orientierten Lauffußball umzuschalten

Der gesamte DFB-Laden hat sich vor diesem Turnier maßlos überschätzt. Löw und seine Spieler dachten, wenn es erst mal richtig losgeht, dann sind wir da, dann sind wir spielerisch eine Macht. Und als sich abzeichnete, dass das diesmal nicht funktionieren würde, da hatte keiner die Demut, umzuschalten auf einen basis-orientierten Lauf- und Kampffußball. Für die Sicherung der nötigen ersten Ergebnisse und damit für das Erreichen des Achtelfinales. Keiner im deutschen Tross hat den Glockenschlag gehört. Herausgekommen ist der letzte Platz in der Gruppe. Aus in der Vorrunde. Das gab es nie zuvor in der deutschen WM-Geschichte.

Bis auf Jerome Boateng hatte kein Spieler den Widerstandsmodus eingeschaltet. Schon gegen Mexiko, auch jetzt wieder gegen die wilden bis übertrieben harten Südkoreaner war der ein oder andere Spieler erstaunt und teilweise auch beleidigt, dass der Gegner Fouls einstreute. Toni Kroos oder auch Mesut Özil schauten dann hilfesuchend zum Schiedsrichter, sie schüttelten den Kopf, nach dem Motto: Darf der Gegenspieler das? Die Antwort hätte lauten müssen: Jammere nicht, steh auf und wehre dich… Die deutschen Spieler hatten nicht die mentale Kraft dazu. Nach dem 2:1 gegen Schweden war erkennbar, dass einige Spieler diesen Glückssieg empfunden haben als Genugtuung vor dem Hintergrund der harten Medienkritik nach dem Mexiko-Spiel. Auch das war der falsche Ansatz. Und der hat nicht einmal zu einer Wagenburg-Mentalität geführt. Im Gegenteil.

Südkorea spielt bedingungslos leidenschaftlichen Aggressivfußball

Anzeige

Die Südkoreaner hatten mit ihrem bedingungslos leidenschaftlichen Aggressivfußball den Erfolg verdient. Den drei, vier Siegchancen für die Deutschen in der zweiten Halbzeit standen nahezu im Minutentakt aussichtsreiche Überzahlkonter und Torabschlüsse des Gegners gegenüber. Da hatten die DFB-Elf längst jede taktische Ordnung verloren. Die Bemühungen um einen nächsten Zittersieg spulte die Mannschaft herunter ohne Tempo, ohne Wucht, ohne emotionale Kraft. Das wirkte zuweilen verzweifelt zusammenhanglos. Ein Systemabsturz.

Als Löw vor dem Raustreten ins Stadion seine Spieler noch einmal abklatschte im Kabinengang, da hatte man schon eine leichte Vorahnung. Das strahlte überhaupt keine Energie, keine Entschlossenheit aus. Hummels wirkte sogar überrascht: Wie Trainer, du auch hier?

Sollte Löw zurücktreten? Das kann nur er selbst beantworten

Einzelkritik können wir uns ersparen. Ob da einige Spieler schlicht und einfach keine Form und kein Selbstvertrauen hatten oder ob das fehlende Gemeinschaftsgefühl sowie die fehlende innere Turnier-Botschaft jeden Einzelnen in einen selbstherrlichen Gleichgültigkeitssog gerissen hat, das kann wahrscheinlich nur Löw beurteilen. Der Bundestrainer hat es jedenfalls nicht geschafft, nach dem Mexiko-Spiel eine nachhaltig wirksame Wende einzuleiten. Ob Löw nach sehr guten Jahren und sehr erfolgreichen Turnieren deshalb jetzt zurücktreten sollte, das ist eine Frage, die nur er selbst beantworten kann.

Rücktritte von Spielern werden sich in Grenzen halten. Der Kader für die EM 2020 wird sicher auf einigen Positionen anders aussehen. Aber neue Leistungsträger oder neue Führungspersönlichkeiten zeichnen sich bis dahin nicht ab. Eine Erkenntnis werden alle Spieler mitnehmen: Nur mit spielerischen Mitteln, ohne Lauf- und Kampfbereitschaft, ohne Wettkampfhärte und ohne einen von Leidenschaft gespeisten Teamgeist gewinnt man keine Turniere. Unabhängig davon, dass einige Mannschaften bei dieser WM aggressivere Mittelfeldreihen und torgefährlichere Sturmbesetzungen am Start haben als die Deutschen.