Rehberg: Boateng ist die Macht im deutschen Team

Jerome Boateng gibt Instruktionen während des Spieles Deutschland gegen die Ukraine. Foto dpa

Boateng ist die Macht im deutschen Team, eine Naturgewalt, eine Erscheinung, findet Reinhard Rehberg nach dem 2:0-Auftaktsieg gegen die Ukraine. Seelenruhig organisiert der...

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. Das 2:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine im ersten EM-Gruppenspiel hatte nur einen Haken: Das waren die fünf Dutzend Dumpfbacken in schwarz-weißer Nationaltracht, die sich in der Innenstadt von Lille mit einer wehenden Reichskriegsflagge auf die Suche machten nach Menschen, die man mal so eben zusammenschlagen könnte. Im Stadion in Lille saß auf der Tribüne Daniel Nivel, jener französische Gendarm, der bei der WM 1998 in Lens von deutschen Schlägern aus dem Ruhrpott auf die Intensivstation geprügelt worden war. Wenn man dann 2016 in der Bretagne gemeinsam mit (eher politisch interessierten) Franzosen vor dem Fernseher hockt, dann schämt man sich ob der Bilder von dieser sächsischen Gewalthorde. So viel zum Gauland-Thema Wunschnachbar.

Zum deutschen Fußball. Die Weltmeisterachse steht. Im vorderen Bereich ist der Steigerungsbedarf unübersehbar. Aber hinten und in der Mitte dieser das System tragenden Antriebswelle ist die DFB-Elf überragend gut aufgestellt bei diesem Turnier in Frankreich. Der Erfolg gegen die Ukraine geriet nur in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit in Gefahr. Da retteten Manuel Neuer und Nachbar Jerome Boateng die 1:0-Führung. Beginnen wir damit: Boateng ist die Macht im deutschen Team, eine Naturgewalt, eine Erscheinung. Wie der Berliner mit Ghana-Wurzeln in der 37. Minute auf der Torlinie im Rückwärtsfallen den sicheren Ausgleichstreffer verhinderte, das war eine Mischung aus Willenskraft, Orientierungskunst und Akrobatik. Der Innenverteidiger-Nachbar Shkodran Mustafi, Torschütze zum 1:0 nach einer akkurat einstudierten Standardvariante, ließ sich 90 Minuten tragen von der beeindruckenden physischen Präsenz seines Abwehrchefs.

Boatengs beeindruckendes Aufbauspiel

Nicht minder bedeutend ist der Beitrag von Boateng zum deutschen Aufbauspiel. Seelenruhig organisiert der Hüne im Zentrum mit Kurzpassvarianten über Toni Kroos und/oder Sami Khedira die Spieleröffnung. Schiebt sich das Spiel Richtung Mittellinie, dann hat das deutsche Team zwei Spielmacher: Raumdeuter und Passfinder Kroos, der im engen Radius Muster aufbaut, der mit auffälliger Leichtigkeit Linien und Gegner überspielt – und Boateng, der großflächig denkt, der aus dem Hintergrund entscheidet, wann eine öffnende diagonale Seitenverlagerung den Vorteil bringt; wobei der extrem flexible Deckungschef auch die Flure sieht, über die sich ein kerzengerader Flachpass direkt in den Zehnerraum verschicken lässt. Diese Ballbesitzstruktur hat Klasse. Ganz hohes Niveau. Da dürften bei diesem Turnier bestenfalls die Spanier heranreichen. Aber das sehen wir noch.

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Woran es mangelte gegen die defensiv, aber nicht destruktiv orientierte Ukraine, das war das Spiel im Angriffsdrittel. Klar, da war alles zugestellt. Aber da fehlten die Sprints in die Tiefe, auch die diagonalen Laufwege in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe. An diesen Abläufen muss Löw noch arbeiten. Die Laufwege geben im letzten Drittel des Feldes die Passauswahl vor. Die Außenverteidiger wurden durchaus oft freigespielt. Aber weder Jonas Hector noch Benedikt Höwedes verkörpern dieses Eins-gegen-Eins-Profil mit Endgeschwindigkeit Richtung Grundlinie.

Defensiv Probleme in der ersten Hälfte

Hector ist ballsicher, er flankte ganz ordentlich aus dem Halbfeld. Höwedes, der in der ersten Halbzeit auch defensiv massive Probleme hatte gegen das starke linke Flügelpaar Vyacheslav Shevchuk/Yevhen Konoplyanka, bemühte sich - der gelernte Innenverteidiger bleibt in den Offensivräumen aber eine Notlösung. Julian Draxler als Linksaußen – der Dribbler muss mutiger, zielstrebiger werden. Thomas Müller als Rumtreiber – großer Arbeitseinsatz, aber wenig Bindung diesmal. Mesut Özil und Mario Götze im Zentrum– da ging überhaupt nicht viel. Zu wenig Bewegung, zu wenig Initiative, zu wenig natürliche Spiellust in Richtung Strafraum.

Was Özil im Nationalteam wirklich stark macht, das zeigte sich in der Schlussminute. Kontersituation. Özil sprintete links in die Tiefe, glänzende Ballbehandlung, Übersicht in hohem Tempo, grandios getimter Querpass – und die Luxusvorlage verwertete der eingewechselte Bastian Schweinsteiger technisch perfekt zum erlösenden 2:0. Es ist noch viel zu früh für Formvorhersagen. Aber die WM-Offensivformation könnte im Verlauf des EM-Turniers wieder interessant werden: Özil links, Kroos und Schweinsteiger flexibel rochierend in der Zehnerzone, Müller rechts. Vielleicht mit Mario Gomez als Zielstürmer in einer ähnlichen Rolle wie in Brasilien Miroslav Klose.

Übrigens: Unsere Sat-TV-Anlage funktioniert. Einwandfrei. Seit der 46. Minute von Schweiz gegen Albanien. Wir haben noch eine Halbzeit benötigt, um mit einem zufälligen Knopfdruck den Gehörlosentext von der Bildschirmmitte zu zaubern. Danach war das französisch-deutsche Fünf-Tage-Projekt abgeschlossen. Nervenaufreibend. Hat aber auch Spaß gemacht. Wir haben mit unseren (am Fußball null interessierten) Vermietern Anne und Pascal Kumpels gewonnen. Die Obstlerflasche aus der Wetterau ist leer. «Eau de vie de Cidre de Bretagne» ist jetzt am Start. Auch gut.