Rehberg: Das Drehbuch wollte es so

Der Mainzer Trainer Kasper Hjulmand (links) gibt Johannes Geis Anweisungen. Foto: dpa

Die 05er hatten den grün-weißen Fisch ab dem 1:0 nach nur drei Minuten fest an der Angel. Mit einem leicht möglichen 2:0 hätten die Mainzer ihre Beute wahrscheinlich schon...

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. Die menschliche Psyche lässt sich selten überlisten. Wer sich ganz viel vornimmt, wer in eine Aufgabe körperlich und emotional sehr viel investiert, der fällt in ein Loch, wenn er für seine großen Anstrengungen wenig bis nichts bekommt. Wir funktionieren eben nun mal nach einem Belohungssystem. Die 05er haben gegen Werder Bremen ihre beste Halbzeit in dieser Saison gespielt, das war glänzender Fußball: Wucht, Schärfe, Dominanz, eine nahezu perfekte Organisation gegen den Ball und mit Ball, chirurgisch präzise Spielzüge, Tempo, Spielwitz, Torchancen. Für diese Leistung holte sich die Elf von Kasper Hjulmand keine Belohnung ab. Es ging mit einem 1:1 in die Pause. Und am Ende stand die erste Heimniederlage. 1:2 gegen Werder Bremen. Der Fußball schreibt zuweilen makabre Drehbücher.

Die 05er hatten den grün-weißen Fisch ab dem 1:0 nach nur drei Minuten fest an der Angel. Mit einem leicht möglichen 2:0 hätten die Mainzer ihre Beute wahrscheinlich schon auf den Grill gelegt gehabt. Doch das 2:0 fiel nicht. Und dann bekam der zappelnde Fisch von der Weser plötzlich wieder Dynamik in die Kiemen. Rückkehr ins Leben. Eine Minute vor der Halbzeit. Der Ausgleich. Aus dem Nichts heraus. Mit dem ersten Schuss aufs gegnerische Tor, ein Foulelfmeter. Bitter. Fin Bartels fahndete gegen den herausgestürzten 05-Keeper nach einer Kontaktstelle, der Bremer Techniker fand diese am nicht sonderlich aktiven Ellbogen von Loris Karius. Angenommen. Als Bremer wird man sagen: So muss ein Stürmer das machen. Die Gegenposition lautet: Bartels hat den Elfmeter schuftig-clever gezogen. Auf jeden Fall gab dieser für die 05er ernüchternde Zwischenstand keine Auskunft über das vorherige einseitige Geschehen.

Die Gräte in der Fischsuppe

Die Gastgeber waren hellwach, laufstark, aggressiv, kombinationssicher. Und extrem flexibel in ihren Angriffszügen. Permanent waren alle Positionen in der gegnerischen Hälfte besetzt, mit ständigen Rochaden. Shinji Okazaki malochte im Zentrum, Jairo lief geschickt in die Lücken zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger ein, Yunus Malli betätigte sich in der Offensive als freischaffender kreativer Dribbler und Anspieler, Ja-Cheol Koo drehte sich als Achter in der linken Halbposition nach Belieben auf und sandte Pässe ab in die torgefährlichen Räume. Und auf den Außenbahnen kurbelten Daniel Brosinski und Junior Diaz an, nach schnellen Seitenverlagerungen kamen die beiden Außenverteidiger immer wieder in die Tiefe durch. Große Probleme hatten die nicht eben antrittsschnellen Werder-Sechser Felix Kroos und Zlatko Junuzovic, wenn die 05er nach ihren - meist von Julian Baumgartlinger initiierten - gnadenlosen Gegenpressingaktionen in offensive Umschaltsituationen kamen.

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Will man eine Gräte in der Fischsuppe suchen, dann nur diese: Der Ball, der vom Flügel aus die Torchance vorbereitet, kam zu selten vor dem gegnerischen Kasten an. Trotz unzähliger Balleroberungen, trotz glänzender Kombinationen, trotz diverser tempogeladener Raumöffnungszüge, trotz drückender Überlegenheit: nur 1:0. Und dann dieser Strafstoß zum 1:1. Den 05-Profis muss diese gesamte ersten Halbzeit in der Pause vorgekommen sein wie eine einzige große verpasste Entscheidungschance.

Elfmeter als emotionale Wende

Über 90 Minuten gesehen hatte insbesondere Brosinski, immer wieder glänzend freigespielt, ein gutes Dutzend Flankenmöglichkeiten, die Kugel kam mal zu lang, mal zu kurz, mal blieb sie am Gegenspieler hängen, mal verpasste der Sprinter den passenden Zeitpunkt. Brosinski, auch Diaz: Leidenschaftlich gearbeitet, gut gespielt, aber kein Ertrag - weil der letzte Ballkontakt nicht funktionierte. Selbst als die immer defensiver werdenden Bremer in der letzten halben Stunde tief gestaffelt ihre Wagenburg aufgebaut hatten, blieben die Mainzer im Spielaufbau konstruktiv, flott in der Raumüberwindung, klug in der Verlagerung auf die Seiten - aber der Bremer Strafraum blieb eine Sperrzone, dort passierte nicht mehr viel. Werder hielt den Belagerungszustand aus.

Die emotionale Wende in dieser Partie war der die Bremer labende, die 05er erschütternde Elfmeter. Der entscheidende Treffer zum 1:2? Der ereignete sich wahrscheinlich nicht zufällig kurz nach Wiederanpfiff. Ein überragender Chipball von Kroos in den Rücken der Mainzer Abwehr, ein feinfühliger Heber von Franco di Santo über Karius hinweg. Großartig, eine perfekte Aktion.

Die 05er hätten den an der Angel zappelnden Fisch in der ersten Halbzeit aus dem Wasser ziehen müssen.

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"Glück erzwungen"

Die Statements der Sieger sagten viel aus über diesen nicht unbedingt gerechten Nachmittag. "Wir waren sicher nicht die bessere Mannschaft", sagte Werder-Torhüter Raphael Wolf. "Aber wir haben die drei Punkte geholt. Nur das ist wichtig. Wir haben uns nach einer schlechten ersten Halbzeit aufgerafft. Alles andere ist doch scheißegal." Und Zlatko Junuzovic vermeldete: "Wir haben aus sehr wenigen guten Aktionen sehr viel gemacht. Wir hatten Glück, aber das haben wir erzwungen, auch mit dem für uns eminent wichtigen Elfmeter." Und die schwache Leistung in der ersten Halbzeit? Junuzovic: "Wir haben als Mannschaft gelebt, auch nach dem 0:1. Das war 100 Prozent Kampfgeist, wir sind die ganz weiten Wege gegangen. Das war die Reaktion, die unsere Fans sehen wollten. Schlecht gespielt? Danach fragt doch schon morgen niemand mehr."

Werder-Sportdirektor Rouven Schröder gab zu, dass er lange nicht daran geglaubt habe, seine Mannschaft könne mit einem besseren Ergebnis als 0:1 oder 0:2 in die Halbzeit kommen. "Dann hat uns der Elfmeter den entscheidenden Auftrieb gegeben." Verdient? "Wir haben immer alles versucht. Und manchmal hat man mit einem neuen Trainer eben auch das nötige Glück." Viktor Skripnik hat sein erstes Spiel als Bundesligatrainer gewonnen. Mit einem Tabellenletzten. Im Duell mit einem Gegner, der an diesem Tag die stärkere Mannschaft stellte. Das Drehbuch wollte es so.