Rehberg: Das Gutachter-Schauspiel der 05er ist missglückt

Symbolfoto: dpa

Mit einem Gutachten ist der Vorstand von Mainz 05 am Donnerstag in die Offensive gegangen. Und hat, so unser Experte Reinhard Rehberg, ein Eigentor geschossen: Dieses Gutachten...

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. Gutachten sind in Mode gekommen. Auch Gegengutachten. Beide Varianten erscheinen nicht selten überzeugend, absolut schlüssig. Nun haben auch die 05er bei einer Frankfurter Wirtschaftskanzlei ein Gutachten bestellt. Das sagt aus: Die Bezüge der Vorständler sind satzungsgemäß, rechtmäßig und angemessen. Und es heißt, dass der Präsident „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ für seine „permanente“ juristische Beratertätigkeit für den Klub (Honorar pro Monat: 14.000 Euro) eher unterbezahlt ist. Das gelte auch für die Aufwandsentschädigung von 9.000 Euro für den in ein Ehrenamt gewählten Präsidenten Harald Strutz. Zitat aus dem Gutachten: „Auch der Vergleich mit vergleichbaren Unternehmungen oder Vereinen in und außerhalb des Fußballs bestätigen zweifelsfrei diese Angemessenheit.“

Woher bezieht die Kanzlei die Vergleichsinfos?

Da stellt sich zunächst einmal die Frage: Woher bezieht die Frankfurter Wirtschaftskanzlei TaylorWessing ihre Vergleichsinformationen? Am vergangenen Montag war im Fachmagazin „kicker“ ein Aufsatz zu lesen unter der Überschrift „Transparenz muss die Bundesliga noch lernen“. Da schrieb der verantwortliche Redakteur Rainer Franzke: „Mit Ausnahme des börsennnotierten Unternehmens Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA publiziert kein Verein die Bezüge seiner leitenden Mitarbeiter. Auch bei DFB und DFL ist das nicht Usus.“ Haben die Frankfurter Anwälte also einfach mal ein paar Führungskräfte aus der Bundesliga angerufen und deren Gehälter/Bezüge abgefragt? Diese Vorstellung ist zweifelsfrei lustig.

Unabhängig davon behandelt dieses Gutachten an keiner Stelle, wie es überhaupt um die Vergleichbarkeit der Führungspositionen im Profifußball bestellt ist. Eingetragene Vereine in der Bundesliga sind lediglich noch der FSV Mainz 05, der FC Schalke 04, der VfB Stuttgart und der SV Darmstadt 98. Deren Organisationsstrukturen sind mit denen der 14 Wirtschaftsgesellschaften überhaupt nicht vergleichbar.

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Ein Vergleich, der nicht statthaft ist

Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach das Organigramm der 05er aufgezeigt: Christian Heidel ist als angestellter Manager und Vorstandsmitglied der Chef von vier Geschäftsführern, in diesen zehn Händen liegt das operative Geschäft; der neunköpfige Vorstand, angeführt vom Repräsentanten Harald Strutz, segnet die von der operativen Ebene gefällten Entscheidungen bestenfalls noch ab. Den Arbeitsaufwand dieses Gremiums zu vergleichen mit geschäftsführenden Vorständen von Wirtschaftsgesellschaften ist nicht statthaft. 2.000 Euro im Monat für jedes Vorstandsmitglied (den Präsidenten und den Manager nehmen wir hier aus) als Aufwandsentschädigung für zwei Vorstandssitzungen pro Monat: Da möchte sicher mancher Bürger die Hand heben und nebenberuflich um Aufnahme in den 05-Vorstand bitten.

280.000 Euro im Jahr für den Klubrepräsentanten entsprechen ziemlich exakt den Bezügen der deutschen Bundeskanzlerin (290.000 Euro). Nein, wir wollen Profisport und Politik nicht miteinander vergleichen. Aber hinter einer solchen Summe muss eine nachvollziehbar angemessene Arbeitsleistung und Verantwortlichkeit stehen. Da fehlt es am Bruchweg nach wie vor an Transparenz. Und 14.000 Euro monatlich für die juristische Beratung eines Klubs? Hat die Frankfurter Wirtschaftskanzlei da Vergleichszahlen aus der Bundesliga? Und lässt man Bau- und Finanzierungsverträge für die Coface Arena oder einen vielseitigen 260-Millionen-Lizenzvertrag wie jenen mit dem 05-Partner Infront nicht von - in diesen sehr speziellen juristischen Zusammenhängen versierten und erfahrenen - Fachanwälten prüfen? Wenn nicht, dann wäre das fahrlässig. Und das rüttelt überhaupt nicht an der Kompetenz des Rechtsanwalts Harald Strutz.

Dieses Gutachten ist unausgegoren und angreifbar

0,5 Prozent des Gesamtumsatzes von 100 Millionen Euro wende der Klub für die Bezahlung seiner Führungskräfte auf, sagt das Gutachten, und das sei völlig in Ordnung. Was soll das? Vor fünf Jahren lag der Umsatz des Klubs noch bei rund 60 Millionen. Da lagen die Bezüge der Führungscrew nicht niedriger. Dieses Gutachten ist unausgegoren und angreifbar. Und die vom Vorstand formulierte Eingangsbemerkung auf der Klub-Homepage, dass man diesen Transparenzschritt eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte, zeigt, dass der Bewältigungsprozess noch nicht weit fortgeschritten ist. Wenn man will, dann erkennt man da bestenfalls ein schlechtes Gewissen.

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Der 05-Vorstand hätte auf dieses Gutachter-Schauspiel besser verzichtet. Diese Rechtfertigungsstrategie ist missglückt. Dieses Schreiben aus Frankfurt wirft mehr Fragen auf als es Fragen beantwortet. Und manche Formulierungen tendieren zu dem Prädikat: Gefälligkeitsgutachten. Die Vorstandsmannschaft hätte sich einer Pressekonferenz stellen sollen. Dann wären die Vereinsmitglieder inhaltlich tiefer informiert worden.

Zur Zukunft. Wenn Christian Heidel in den nächsten 14 Tagen seinen Abschied nach Gelsenkirchen verkündet, dann will er am Bruchweg geordnete Verhältnisse hinterlassen. Für diesen Zustand liegen bis heute keine belastbaren Fakten auf dem Tisch. Ein Manager-Nachfolger soll im Anflug sein. Ob der die Führung dieses Vereinsunternehmens, das die Neustrukturierung mit neuen Köpfen auf den Herbst 2017 vertagen will, umfänglich übernehmen kann? Schwierig. Das Vertrauen in die vorbehaltlose Offenheit, Kompetenz und Handlungsfähigkeit des Restvorstandes ist ins Wanken geraten. Auch wegen der mangelhaften Moderation von Heidels Veränderungswunsch. Eine überzeugende Problembewältigungsstrategie und Führungsstärke sehen anders aus. Und nun noch dieses missglückte Gutachten.