Rehberg: Der Knappen-Catenaccio

Domenico Tedesco. Foto: dpa

Schalke 04 ist eine Ergebnis-Maschine. Trainer Domenico Tedesco will aus einem Spiel das Ergebnis ziehen. Dem ist alles andere untergeordnet. Vielleicht steckt die Liebe zur...

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. Domenico Tedesco ist geboren in Rossano, Provinz Cosenza, Kalabrien. Als er zwei Jahre alt war siedelte die Familie von Italien nach Esslingen um, Baden-Württemberg. Der Vater arbeitete bei der Eßlinger Zeitung als Drucker. Der Sohn wurde kein großer Fußballer. Kreisliga A. Domenico studierte Wirtschaftsingenieurwesen. Heute ist er im Alter von 31 Jahren Bundesligatrainer. Auf Schalke. Die Sache läuft. Tabellendritter.

Berauschend spielt S04 nicht. Die Mannschaft ist eine Ergebnis-Maschine. Tedesco, der die Fußballehrer-Lizenz als Jahrgangsbester mit der Traumnote 1,0 erworben hat, ist ein Pragmatiker. Der junge Mann will aus einem Spiel das Ergebnis ziehen. Dem ist alles andere untergeordnet. Auch die Bereitschaft zum Risiko. Seine Mannschaft hat taktisch eine klare Handschrift. Gegen den Ball. Kein Gegentor – und die Siegwahrscheinlichkeit ist hoch. Beim 1:0 in Mainz holte sich das tabellarische Spitzenteam drei Punkte ab mit keiner herausgespielten Torchance. Der Siegtreffer entsprang einem Sololauf mit Traumabschluss. Den Rest erledigte die vielbeinige Abwehrwand. Danach feierte der impulsive Trainer, der so technokratisch über Fußball redet wie ein Bauingenieur über Brückenstatik, in einer Reihe mit seinen Spielern ausgelassen vor der Schalker Fankurve. Als wäre gerade ein Pokal überreicht worden.

Schalke erinnert an Juventus Turin

Wir wissen nicht, ob Tedescos 24 Monate Lebenszeit in Kalabrien genügt haben, um die italienische Auffassung von Fußball zu verinnerlichen. Eher nicht. Frühkindlich hat selbst der Italiener weniger Interesse an Catenaccio als an Karottenbrei, Rasseln und kleinen Holzautos. Vielleicht steckt die Liebe zur Defensivkunst bei den Italienern in den Genen. Jedenfalls erinnert der aktuelle Schalker Erfolg stark an die Art und Weise, wie Juventus Turin unter der Woche in der Champions League das Achtelfinal-Rückspiel bei den Tottenham Hotspurs erfolgreich überstanden hat.

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Nach dem 2:2 im Hinspiel rannten die Englänger den Italienern die Bude ein. Spielerisch hochwertig. Zur Halbzeit führten die Spurs „nur“ mit 1:0. Juve verteidigte stur in der eigenen Spielhälfte. Catenaccio. Offensivaktionen? Eine Elfmeterszene für Douglas Costa. Sonst nichts. Und dann genügten den Turinern in der zweiten Halbzeit 196 Sekunden zwischen der 64. Und 67. Minute, um die Partie komplett zu drehen. Die ersten beiden Torchancen. Die Torjäger Higuain und Dybala vollstreckten. Eiskalt. Experten sprachen nach dem Abpfiff von Zynismus. Juve hatte sich mit der Mentalität eines Playstation-Nerds ausschließlich um das nötige Ergebnis gekümmert.

Erst Führung, dann Totaldefensive

Bei den Schalkern fällt auf: Sobald die Elf mal in Führung gegangen ist, lässt Tedesco umschalten auf Totaldefensive. Dann rennt der Gegner gegen ein auf das Zentrum konzentriertes engmaschiges Bollwerk an. Nach einer Führung wird beim Arbeiterklub nur noch gearbeitet. Schmucklos. Aggressiv und effektiv. Stimmen die Ergebnisse, und die stimmen, dann gefällt das den S04-Fans. Die Gegner? Die sind genervt. Das dürfen die Schalker als Kompliment verbuchen. Wie lange das gut geht? Erfolg zieht Erfolg an.

Ob Tedesco diese Spielweise in seiner ersten Saison als Bundesligatrainer nutzt als pragmatischen Zwischenschritt innerhalb eines mittelfristig angelegten Entwicklungsplans, das wird sich zeigen. Sollte es für die Knappen in die Champions League gehen, und danach sieht es aus, dann ist dieser „Ergebnisfußball“ der Königsweg gewesen. Spielerisch wird sich die Mannschaft dann aber binnen weniger Wochen nach vorne entwickeln müssen. Und Sportvorstand Christian Heidel wird im Sommer auf dem Transfer-Schachbrett noch den ein oder anderen klugen Zug machen müssen.