Rehberg: Die 05er dürfen sich ärgern

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann. Foto: dpa

Nötig war diese Niederlage nicht. Die Schmidt-Elf hätte mit einer Führung in die Pause gehen können, eher müssen. Dann wäre die brutale Offensivtaktik des Gegners als...

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. Nach diesem spektakulären Schlagabtausch im Sinsheimer Stadion konnte man den Eindruck gewinnen, die 05er hätten erstens ihren vom Trainer ausgerufenen Charaktertest nicht bestanden und das zweitens deshalb, weil die Mannschaft von Martin Schmidt nicht in der Lage war, mit elf Mann einen Julian Nagelsmann zu schlagen. An dieser Legendenbildung wollen wir nicht mitstricken.

Keine charakterlichen Defizite

Die Mainzer haben bei diesem 2:3 gegen die TSG Hoffenheim keine charakterlichen Defizite aufgezeigt. Und der Gegner stand ebenfalls mit elf Mann auf dem Feld. Und der jüngste Trainer in der Geschichte der Bundesliga hat keine taktische Revolution vorgestellt. Der 28-Jährige Nagelsmann hat ein Team auf den Platz gestellt, das einen flexiblen Plan hat und das diesen Plan unter einer hohen nervlichen Anspannung mit enormer Laufbereitschaft, Aggressivität, Tempo und Willen bis zum Ende durchgezogen hat. Das ist eine beachtliche Leistung. Und die 05er? Die haben eine mannhafte Vorstellung geboten - aber sie haben schlicht und einfach drei defensive Zweikämpfe zu viel verloren und/oder aus relativ vielen Chancen das ein oder andere Tor zu wenig gemacht. Das passiert im Fußball gelegentlich.

Die 05er dürfen sich ärgern. Nötig war diese Niederlage nicht. Die Schmidt-Elf hätte mit einer Führung in die Pause gehen können, eher müssen. Dann wäre die brutale Offensivtaktik des Gegners als extrem riskantes, tatsächlich untaugliches Experiment entlarvt gewesen. Die Hoffenheimer beförderten in ihrem Tempobolzeifer derart viele Leute in das Angriffsdrittel, dass die Gäste nach Balleroberungen im Gegenzug offene Räume fanden wie noch nie zuvor in dieser Saison. Nach der Ouvertüre mit den frühen Treffern zum 1:0 durch Jhon Cordoba und dem 1:1 durch den an der Kugel überragenden 19-jährigen Nadiem Amiri erarbeiteten sich die 05er bis zum Pausenpfiff ein Chancenverhältnis von 4:1.

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Listiger Beinschuss führte zum Führungstor

Da lag der erste Schlüssel für diese Niederlage. Die 05er mussten teilweise nur den Ball in die Tiefe spielen, und es ergab sich ein Überzahlangriff. Aber Jairo, Cordoba, Danny Latza und Christian Clemens vollendeten nicht. Auch, weil Oliver Baumann sehr gut reagierte. Die einzige Schwäche des TSG-Torhüters nutzte Cordoba mit seinem listigen Beinschuss beim Führungstor. Nach einem Traumpass von Jairo in die unbemannte Weite der Prärie. Nur ein Mainzer Tor mehr, und die junge Hoffenheimer Mannschaft - die mit zwei Flügelstürmern und zwei permanent offensiv hinterlaufenden Außenverteidigern, mit einem Mittelstürmer und einem Zehner, im Rücken oft nur noch geschützt durch die zwei Innenverteidiger - nach vorne rannte, hätte daran zu knabbern gehabt.

Dann bewies Nagelsmann schon eine gewisse Reife als Trainer. Seine Mannschaft drosselte nach der Pause die Überfallgeschwindigkeit, auch das zuvor bedingungslose Risiko. Doch dann griff der zweite Schlüssel für diese Mainzer Niederlage: Die Schmidt-Elf schaffte es an diesem Tag nicht, fehlerlos zu verteidigen. Mag sein, dass das auch daran lag, dass die Abwehr auf zwei Positionen verändert werden musste. Das ist aber eine hypothetische Diskussion. Tatsache ist, dass der tatsächlich sehr antrittsschnelle Daniel Brosinski beim 1:1 und beim 1:2 vom flotten Kevin Volland überlaufen wurde, zweimal machte der 05-Rechtsverteidiger die Grundlinie nicht zu gegen den Torvorbereiter. Beim 1:2 ließ sich zudem im Zentrum der junge 05-Innenverteidiger Alexander Hack, der ansonsten eine Topleistung ablieferte (abgesehen von zwei riskanten Fehlabspielen in der Spieleröffnung), von einer kleinen Körpertäuschung des Torschützen Marc Uth irritieren. Und beim 1:3 reagierte Linksverteidiger Gaetan Bussmann nach einem simplen langen Pass die Linie lang zu spät auf den Raketenantritt des TSG-Rechtsverteidigers Pavel Kaderabek. Dessen flache Hereingabe auf den langen Pfosten war dann brillant und kaum mehr zu verteidigen. Das 1:2 ereignete sich, als das Spiel gerade zur Ruhe gekommen war. Bis zu dieser 68. Minute hatten die Hoffenheimer nach Wiederanpfiff keine Abschlussszene. Wobei man konstatieren muss: Die Mainzer verloren in dieser neutralisierten Phase in den umkämpften Mittelfeldzonen ein paar Zweikämpfe zu viel.

Drei Gegentore sind zu viel

Und dann fehlte den 05ern am Ende auch ein wenig das Matchglück. Der Stopperhüne Niklas Süle kratzte einen Schulbuchkopfball von Fabian Frei gegen die Laufrichtung des Keepers von der Torlinie. Statt 2:2 hieß es knapp drei Zeigerumdrehungen später 3:1 für die Gastgeber. Dann markierte Jairo mit einem technisch vollendeten Vollspannböller das Anschlusstor. Und drei Minuten später passte Julian Baumgartlinger flach vor das ungeschützte Hoffenheimer Tor, doch die im Ansatz perfekte Vorlage fand keinen Abnehmer.

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In diesem tempogeladenen Pressing- und Gegenpressingfight mit vielen brachialen Zweikämpfen und geradlinigen Konterzügen mit kurzen Ballkontaktzeiten war der Tabellenvorletzte gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz unterm Strich einen Tick wilder, entschlossener, konsequenter. Was nehmen die 05er mit aus Sinsheim? Drei Gegentore sind zu viel. Stabilität in der Defensive ist und bleibt die Grundlage für Punktgewinne. Das wird auch wieder der Schlüssel sein im Hinblick auf das kommende Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Und Martin Schmidt wird sich nach dieser taktisch hoch interessanten und aufregenden Partie gefreut haben über das erste Bundesligator von Jhon Cordoba sowie über die ansprechende Leistung des eingewechselten Mittelfeldstrategen Fabian Frei.