Rehberg: Die Aufklärungskampagne des DFB zur WM-Vergabe...

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Reiner Calmund fordert in einer Talk-Sendung die lückenlose Aufklärung über die Vergabe der WM 2006 und verteidigt asiatische Wahlmänner. Der Moderator schlägt Angela...

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. Für Karikaturisten, Kabarettisten und Komiker sind das prächtige Zeiten. Die Aufklärungskampagne des DFB zur Vergabe der WM 2006 an und in Deutschland bietet ernsten und heiteren Kalauerstoff ohne Ende. Auch die Sky-Plaudersendung am Sonntagabend hatte etwas von einem gelungenen Witze-Format. Da saß zum Beispiel Reiner Calmund in der Runde. Der clevere „Calli“, der durch sämtliche Talksendungen dieser Republik reist und immer wieder erzählt, wie er im Dienste von Bayer Leverkusen auf seinen vielen Südamerikareisen grundsätzlich ein paar Tausender im Gepäck hatte, weil das bei Spielereinkäufen auf diesem Kontinent Türen und Herzen öffne, forderte die lückenlose Aufklärung, wo denn die 6,7 Millionen Euronen abgeblieben sind, die das deutsche WM-OK da auf irgendein Verrechnungskonto (der Fifa?) überwiesen hat. Herrlich.

Zwanziger, Netzer und Angela Merkel

Bestochene asiatische Wahlmänner? Nein, das kann „Calli“ sich überhaupt nicht vorstellen. Zwei aus diesem Quartett kenne er persönlich, das seien ultraerfolgreiche Unternehmer, Milliardäre, die hätten das überhaupt nicht nötig. Wunderbar, dann wäre das ja geklärt. Und die Streithähne Dr. Theo Zwanziger und Günter Netzer sollten sich doch endlich mal mit einem Mediator an den Tisch setzen - Moderator Patrick Wasserziehr schlug später tatsächlich Angela Merkel vor - und sich auf einen anständigen Umgang miteinander einigen, forderte Calmund. Herrlich. Da möchte man einwenden: Die Wahrheit zu erfahren wäre interessanter als diesen albernen Schlagabtausch in der Öffentlichkeit unter Hinzuziehung öffentlich auftretender Anwälte zu stoppen.

Und da saß noch Jörg Wontorra mit in der Debattierrunde, der lange Jahre den feucht-fröhlichen Sport1-Stammtisch geleitet hat. Der Fernsehmoderator erzählte munter, er habe bei der Erstellung seiner Steuererklärung auch mal nicht mehr gewusst, wo denn 20.000 DM hergekommen und wo diese Kujambeln hingewandert seien. Ein einziger Anruf bei seiner Hausbank habe genügt, den Fall zu seiner eigenen und zur Zufriedenheit der Steuerbehörden zu klären. Tja, so einfach kann das manchmal sein. Und dann schlug Wontorra vor, die beteiligten DFB-Funktionäre müssten doch nur eingestehen: „Wir haben da einen Fehler gemacht“, und dann könne die Öffentlichkeit doch gut damit leben. Herrlich, so einfach geht das manchmal.

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Papiere unterm Teppich

Und dann musste der zur (von Wasserziehr extrem zerquasselten) Pokal-Auslosung ins Sky-Studio angereiste Helmut Sandrock noch erklären, warum denn die Aufklärung einer einzigen Überweisung viele Wochen in Anspruch nehme. Tja, erklärte der DFB-Generalsekretär, der 2006 im WM-OK als Turnierdirektor diente, wenn man den Anspruch habe, nichts unter den Teppich kehren zu wollen, dann müsse man sämtliche Papiere in Zusammenhang mit jenem „Sommermärchen“ gründlich sichten, und das dauere dann eben seine Zeit. Man möchte antworten: Umgekehrt würde es Sinn machen - kehrt das eine unterm Teppich lagernde Überweisungspapier hervor und gebt Auskunft über Sinn und Zweck dieses Geldtransfers. Braucht es dafür tatsächlich zehn Spitzenanwälte aus der renommierten Wirtschaftsanwaltskanzlei Freshfields/Bruckhaus/Deringer? Und wer zahlt eigentlich die sicher nicht sonderlich bescheiden ausfallende Freshmoney-Rechnung der Freshfields-Juristen?

Über die merkwürdigen, von der „Süddeutschen Zeitung“ aufgedeckten Testspielabkommen, die da einst Günter Netzer mit seiner damaligen Schweizer Fußballrechte-Agentur CWL für den FC Bayern ausgehandelt hat, wurde am Sonntagabend überhaupt nicht gesprochen. Wenige Wochen vor der WM-Vergabe verpflichtete sich der FC Bayern München zu diversen Testspielen in fernen Ländern mit Funktionären im Fifa-Wahlgremium. Beispiel: Malta – da kassierte der Verband von der Netzer-Agentur für ein Freundschaftsspiel vor ein paar Hundert Zuschauern ein Honorar von 250.000 Dollar (zu überweisen auf ein Treuhandkonto); die Kosten für Anreise und Unterkunft trug der FCB. Bei dem der WM-Beschaffer Franz Beckenbauer als Präsident fungierte. Der damalige maltesische Verbandschef Josef Mifsud war einer der WM-Wahlmänner.

Lückenlose Aufklärung ist längst eine Floskel

Der Verdacht lieht nahe, dass in der langen Ära des Fifa-Sonnenkönigs Sepp Blatter eine WM-Ausrichter-Wahl ohne politische Hinterzimmermauscheleien, undurchsichtige Geldtransfers und üppige Geschenke gar nicht zu gewinnen war. Wie es aussieht, haben die deutschen Funktionäre sich Mühe gegeben, Abläufe zu organisieren, die den Vorwurf „Bestechung“ oder „Korruption“ verwässern, kaschieren, schwer beweisbar machen. In einem moralisch-ethischen Klima, das von der allmächtigen „Blatter-Fifa“ vorgegeben war. Es ist längst an der Zeit, darüber offen zu reden. Und das ist nicht die Aufgabe von Reiner Calmund oder Jörg Wontorra. Die beteiligten Personen sollten sich bekennen. Die Wendung „lückenlose Aufklärung“ ist längst zu einer Floskel verkommen, daraus ziehen nur noch Karikaturisten, Kabarettisten und Komiker Gewinn.