Rehberg: Die Bayer-Chance für Bosz

Bayer-Trainer Peter Bosz. Foto: dpa

Offensiven, tempo-geladenen, begeisternden Fußball will Bayer Leverkusen künftig bieten. Das soll der neue Trainer Peter Bosz gewährleisten.

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. Das klappt bei den Werksklubs meistens ganz ordentlich. Heimlich, still und leise werden da Umbauarbeiten durchgezogen. Ohne das ganz große Mediengetöse. In Leverkusen gab es durchaus ein paar merkwürdige bis lustige TV-Interviews, in denen Rudi Völler nachwies, dass er nach wie vor etwas von Defensivtaktik versteht. Nach dem letzten Hinrunden-Spieltag war dann binnen weniger Stunden alles erledigt. Heiko Herrlich wurde beurlaubt. Der neue Bayer-Trainer hatte schon Tage vorher seine Zusage gegeben: Peter Sylvester Bosz übernimmt den Laden nach dem Jahreswechsel.

Bayer 04 steht nach der Hinrunde mit 24 Punkten auf dem 9. Tabellenplatz. Der Kader ist top besetzt und teuer. Die Ansprüche zielen auf die Champions League ab. Herrlich hat nicht geliefert. Nun geht der Werksklub mit einem neuen Übungsleiter in die Rückrunde, mit Simon Rolfes als neuem Kaderplaner für den ausgeschiedenen Jonas Boldt und mit einem Rudi Völler, der noch die Oberaufsicht hat, aber amtsmüde wirkt. Völler soll sich nicht sonderlich gut verstehen mit dem neuen Geschäftsführer Fernando Carro, einem aus der Wirtschaft gekommenen machtbewussten Managertypen, der schon die Direktoren für Kommunikation und Marketing ausgetauscht hat.

Liebe zum spektakulären Offensivfußball

Peter Bosz. Der kantige Holländer liebt den spektakulären Offensivfußball. Spektakuläre Erfolge kann der 55-Jährige in seiner Trainerkarriere noch nicht auflisten. Nach „kleinen“ Stationen in Apeldoorn, De Graafshap, Almelo, Arnheim und bei Maacabi Tel Aviv schaffte er erst 2016 den Sprung zu einem Spitzenklub. Ajax Amsterdam. Schon nach einer Saison mit Rang zwei in der Liga und dem Einzug ins Finale der Euroleague zog Bosz weiter zu Borussia Dortmund.

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Traumstart mit der Borussia in der Bundesliga mit sechs Siegen und einem Remis bei 21:2 Toren. Danach der Absturz: Nach nur noch drei Punkte aus dem folgenden acht Spielen (14:21 Tore) wurde Bosz gefeuert. Bis heute weiß niemand so richtig einzuordnen, ob die damals schwierige Dortmunder Mannschaft den sturköpfigen Trainer schlicht und einfach hat fallen lassen - oder ob der Holländer tatsächlich ein beratungsresistenter Offensivfanatiker ohne realistische Risikoeinschätzung ist.

In Leverkusen ist die sportliche Führung davon überzeugt, dass der Holländer zur Kaderstruktur perfekt passt. Simon Rolfes will in Zukunft offensiven, tempo-geladenen, begeisternden Fußball sehen. Weil mit Julian Brand (22), Leon Bailey (21), Kevin Volland (26), Karim Bellarabi (28), Lucas Alario (26), Paulinho (18) sowie Kai Havertz (19) eine mit Talent und Erfahrung, mit Geschwindigkeit und Technik gesegnete Offensivabteilung am Start steht, die an den Flügeln, auf der Mittelstürmerposition und im Zehnerraum keine Wünsche offenlässt.

Woran scheiterte Herrlich?

Woran Herrlich gescheitert ist unterm Bayer-Kreuz? Manche Experten sagen, im Leverkusener Kader fehle es an Ehrgeiz, an Kampfbereitschaft, an Erfolgsmentalität; nach zwei besseren Spielen tendiererten viele Spieler zu Zufriedenheit und Genügsamkeit. Andere sagen, Herrlich mangele es an einer tragenden Spielidee und an Begeisterungsfähigkeit. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte.

Champions League? Ein weiter Weg für Bosz. Sieben Punkte Rückstand auf den Tabellenvierten RB Leipzig. Da müsste der Holländer mit seinem Angriffswirbel in der Rückrunde punkten wie ein Titelanwärter. Ohne eine funktionierende Defensive, das lehrt die Erfahrung, klappt das in der Bundesliga eher selten. Manche behaupten, Lucien Favre sei das Gegenbeispiel. Doch das stimmt nicht. Der Schweizer hat Erfolg in Dortmund auf der Basis einer bis ins Detail abgestimmten Defensivstabilität nebst rasanten Umschaltüberfällen. Peter Bosz lässt angreifen mit offenem Visier. Eine Belebung für die Bundesliga stellt das in jedem Fall dar.