Rehberg: Die drei Aufgaben zum Sieg gegen den HSV

Levin Öztunalis Zug zum Tor von wird gegen Eintracht Frankfurt gebraucht. Archivfoto: Sascha Kopp

Weiter geht's im Abstiegskampf - und nun gegen den Hamburger SV. Welche Chancen haben die Mainzer und wer könnte in die Startelf kommen? Reinhard Rehberg zur möglichen Taktik...

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. Der Abstiegskampf eingangs der Zielgeraden. Die Samstagergebnisse der Bundesliga haben weder dem Mainzer noch dem Hamburger Wunschzettel entsprochen. Es hätte auch noch schuftiger können. Der FC Ingolstadt führte gegen Bayer Leverkusen - und musste sich am Ende mit einem 1:1 zufriedengeben. Der FC Augsburg führte bis in die vierte Nachspielminute in Mönchengladbach mit 1:0 - dann fiel noch der Ausgleich. Der VfL Wolfsburg hat mit dem 2:0 in Frankfurt auf jeden Fall ein paar Beruhigungstropfen getankt.

Wir halten für den Moment fest: Wenn die 05er am Sonntagnachmittag beim HSV gewinnen, dann ist die Gefahr des direkten Abstiegs gebannt. Denn das wären dann zwei Spieltage vor Schluss sechs Punkte Vorsprung vor den Ingolstädtern plus die um zehn Einheiten bessere Tordifferenz – das muss genügen. Im Umkehrschluss gilt das natürlich auch für den HSV, wenn der heute als Sieger den Platz verlässt. Der Verlierer? Der hat bei drei Zählern Vorsprung vor dem FC Ingolstadt Sorgen – und der hechelt dann auf dem Relegationsrang auch schon drei Punkte hinter dem rettenden 15. Platz her.

Niemand sollte annehmen, dass diese Ausgangslage den HSV weniger belastet als die 05er. Die Schmidt-Elf hat am vorletzten Spieltag ein Heimspiel gegen die Eintracht – und die Hamburger müssen zum FC Schalke 04. Da wird in der Hansestadt längst wieder die tickende Stadionuhr gestresst, Stadionsprecher Lotto King Karl singt seine Hymne „Hamburg, meine Perle“ hoch droben auf der engen Kranbühne noch inbrünstiger und das lebende Klub-Denkmal Uwe Seeler muss mit seinen 80 Jahren bibbern, dass ihn jetzt nicht ausgerechnet sein für den Gegner kickendes Enkelchen in die Zweitligahölle schickt. Vorstandsboss Heribert Bruchhagen mag sich an den Mai 2011 erinnern: Abstieg mit der Frankfurter Eintracht - nach einer derben Abfuhr in Mainz.

Welche Taktik?

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Zurück an den Bruchweg. Während die Drittligamannschaft der 05er am Samstagmittag im alten Stadionkasten den VfR Aalen besiegte, beendeten die Bundesligaprofis ihr Abschlusstraining. Daniel Brosinski setzte sich danach noch auf die Haupttribüne und schaute in Seelenruhe den jüngeren Kollegen zu. Dann ging es ab zum Flughafen.

Auf welche taktische Variante wird der Trainer setzen? Wir wissen, dass der HSV nicht gut darin ist, ein Spiel von hinten heraus zu gestalten. Das Team von Martin Gisdol arbeitet in der Spielmacherrolle mit vielen Hoch-weit-Schlägen, im Angriffsdrittel entbrennt dann der Kampf um die abgewehrten Bälle. Das ist die erste Aufgabe der 05er: Es braucht eine hohe Gewinnquote beim Gerangel um diese zweiten Bälle, da ist eine hoch konzentrierte, aggressive, kompromisslose, technisch saubere Abwehrarbeit gefragt.

Darüber hinaus wird dem HSV daran gelegen sein, im Mittelfeld gegen das Mainzer Aufbauspiel viele Balleroberungen zu erzwingen, um dann selbst ins schnelle Umschaltspiel zu kommen. Für die Sprints fehlt zwar der Spezialist, das ist der verletzte Ex-05er Nicolai Müller. Aber Linksaußen Filip Kostic und Mittelstürmer Bobby Wood haben auch schnelle Beine. Rechtsaußen Aaron Hunt und Zehner Lewis Holtby kommen mehr über ihre technischen Fähigkeiten. Das ist die zweite Aufgabe der 05er: Leichte Ballverluste vermeiden in den relevanten Zonen im Zentrum, damit der HSV nicht mit einfachen Mitteln ins geradlinige Tempospiel kommt.

Und die dritte Aufgabe besteht darin, den HSV bei jeder passenden Gelegenheit dazu zu zwingen, nach hinten rennen zu müssen. Genau das nimmt den Gastgebern die Wucht, mit der sie ihre Heimspiele gerne bestreiten. Gideon Jung und Gotoku Sakai sind Streetfighter, aber im Ballbesitz und im Antritt haben die beiden Sechser Probleme. Letzteres gilt auch für die beiden Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos und Mergim Mavraj. Das heißt: Im Zentrum besteht für die Mainzer die Möglichkeit, Bälle zu klauen, den Umschaltknopf zu drücken, mit kurzen Ballkontaktzeiten Geschwindigkeit aufzubauen - und auf den Halbbahnen und an den Seitenplanken die Sprinter in die tiefen Räume zu schicken.

Wer geht in die Offensive?

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Auf wen Martin Schmidt dort setzt, das wissen wir nicht. Sicher auf Jhon Cordoba; der Kampfstier wird sich in der aufgeheizten Atmosphäre in Hamburg wohl fühlen. Seeler-Enkel Levin Öztunali kann dem im Deckungsrücken unsicheren Linksverteidiger Matthias Ostrzolek weglaufen. Für die beiden dann noch offenen Offensivpositionen kann Schmidt wählen zwischen Bojan Krkic, Yoshinori Muto, Pablo de Blasis, Robin Quaison und Karim Onisiwo. Entscheidet sich der Trainer für eine Variante mit drei Mittelfeldsechsern und „nur“ drei Offensivspielern, dann dürfte der Techniker Bojan aus dem Rennen sein.

Gut ins Spiel gekommen ist die Schmidt-Elf in dieser Rückrunde immer dann, wenn sie in der vordersten Reihe aggressiv angelaufen ist und im Mittelfeld Pressing aufgezogen hat. Die passive Variante mit einem Defensivring um den eigenen Strafraum herum hat zuletzt kaum noch gezogen. Die aktiven Balleroberungen, die das Futter sind für die überfallartigen Konterzüge, ergeben sich aus dem Kampf in den Mittelfeldregionen. Sollte der HSV diesen Duellen aus dem Weg gehen mit extrem vielen Mondbällen über das Zentrum hinweg, dann muss das kein Nachteil sein für die 05er. In dieser Spielweise steckt sehr viel Zufall. Und in der Luft können sich die langen Stefan Bell und Alexander Hack in der Vorwärtsverteidigung immer behaupten.

Die Nerven? Die sind bei beiden Mannschaften angespannt. Druckgefühle? Nur wer negativen Druck spürt, der verkrampft. Wie man positiven Druck aufbaut? Mit der puren Lust darauf, Dinge zum Gelingen zu bringen, wenn man es am dringendsten braucht. Es gab mal einen Mainzer Trainer, der hat in diesen Situationen gerne gekalauert: Wir sind alle gesund, wir haben genügend Spieler dabei, das Wetter ist okay, wir haben auch gerade nichts anderes vor heute Nachmittag – es spricht also nichts dagegen, uns so richtig auszutoben in den kurzen Hosen.