Rehberg: Die Lilien sind keine Daueropfer

Die Lilien-Spieler bejubeln den Aufstieg. Foto: dpa

Mainz 05 gegen Darmstadt 98? Ziemlich klar, wer da gewinnt. Unterschätzen sollte man die Lilien aber nicht, findet AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg, denn Chefcoach Norbert Meier...

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. Im italienischen Cafe meines Vertrauens am Marktplatz in Frankfurt-Höchst wurde auch am Donnerstag wieder heißblütig über Fußball diskutiert. Zwei junge Männer im Bankangestellten-Outfit haben in der Mittagspause auf ihren Handys Wetten platziert. Dann kam die Begegnung Mainz 05 gegen Darmstadt 98 an die Reihe. „Sieg Mainz, ganz klar!“, legte sich der eine fest. „Na ja, aber nur mit Sieg Darmstadt kannst du Geld verdienen“, entgegnete der Kollege. „Das stimmt“, antwortete der erste Kollege – und beider Finger flutschten über die Handytastaturen. Kurze nachdenkliche Blicke zur Decke. Und dann stöhnte der erste Kollege: „Nee, das ist doch Quatsch. Geht gar nicht. Sieg Mainz, mit drei, vier Toren, alles andere ist doch völliger Blödsinn!“ Der Tipp war schnell korrigiert. Von beiden.

Was lernen wir daraus? Selbst in Frankfurt stehen die 05er hoch im Kurs. Und den „Lilien“ traut niemand irgendetwas zu. Und genau darin steckt die Gefahr: Wer die Darmstädter ausschließlich nach ihrem Tabellenstand und nach ihrem „ewigen“ Außenseiterstatus einstuft als Daueropfer, der könnte sich verrechnen. Denn diese mit kleinen Scheinen neu zusammengebaute Elf hat sich nach Anfangsschwierigkeiten stabilisiert. Dass die Europapokal-05er am Sonntag den regionalen Konkurrenten leichtfüßig aus der Opel Arena schießen, das ist nicht überragend wahrscheinlich. Das können unterhaltsame, aber durchaus auch zähe 90 Minuten werden.

Beim 1:1 gegen die TSG Hoffenheim, beim 0:1 in Augsburg und zuletzt beim 2:2 gegen Werder Bremen waren die „Lilien“ ein gut organisierter, wehrhafter Gegner. Der neue Chefcoach Norbert Meier hat es zügig geschafft, mit seinem „Team von der Resterampe“ Wettbewerbsfähigkeit herzustellen. Trotz der heftigen personellen Veränderungen. Dazu später mehr. Zunächst ein kurzer Rückblick.

Mit 4:2 gegen Arminia in die Zweite Liga

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19. Mai 2014. Relegationsduell zwischen dem Zweitliga-Drittletzten Arminia Bielefeld und dem Drittliga-Dritten Darmstadt 98. Die Bielefelder landeten am Böllenfalltor einen 3:1-Auswärtssieg. Da schien schon alles klar zu sein. Auf der Bielefelder Alm hieß es nach 90 Minuten 3:1 für die Gäste. Überraschung. Verlängerung. Die Arminia schaffte das 3:2. Wieder schien alles klar zu sein. Und dann schoss Elton da Costa Sekunden vor dem Abpfiff mit seinem Tor zum 4:2 die „Lilien“ doch noch in die Zweite Liga – und die Arminia in die Dritte Liga. Der jubelnde Trainer: Dirk Schuster. Der am Boden zerstörte Trainer in Bielefeld: Norbert Meier.

Und nun hat in diesem Sommer beim Bundesligisten Darmstadt 98 genau dieser 58 Jahre alte Meier den trotz Treuebekundungen nach Augsburg abgewanderten Schuster beerbt. Eine wunderbare Fußballgeschichte. Und nach einem Himmelfahrtskommando sieht das am Böllenfalltor nicht mal aus. Der HSV, der FC Ingolstadt, Schalke 04 (!) und Werder Bremen stehen nach sechs Spieltagen schlechter da. Die 98er haben da ein paar Zugänge gefischt, die man nicht unterschätzen sollte. Nur ein paar Beispiele.

Rechtsverteidiger Artem Fedetskyy (31) hat für die Ukraine 52 Länderspiele absolviert und in Donezk und Dnipropetrovsk auch eine Reihe Europapokalspiele. Innenverteidiger Alexander Milosevic (23) war mit der schwedischen U21 Europameister und er hat inzwischen auch fünf A-Länderspiele bestritten; Bundesligaerfahrung bringt der 1,92 Meter hohe Hüne mit aus seinem halben Jahr bei Hannover 96. Linksaußen Roman Bezjak (27) hat A-Länderspiele für Slowenien in der Statistik – und 20 Tore für den kroatischen Erstligisten HNK Rijeka (2015/16); der schnelle Dribbler war auch schon dreimal bulgarischer Meister in Rasgrad. Zehner Laszlo Kleinheisler (22) ist ungarischer Nationalspieler; bei der EM 2016 in Frankreich wurde er nach dem Sieg im Gruppenspiel gegen Österreich zum „Man of the Match“ gekürt; Bundesligaerfahrung bringt der Techniker mit aus seinem halben Jahr in Bremen.

Problem ist einzig das Stadion

Und dann haben die „Lilien“ auch noch zwei interessante Mittelstürmer ausgegraben. Antonio Colak (23), ein in Ludwigsburg geborener Deutsch-Kroate, zuletzt von der TSG Hoffenheim ausgeliehen an den FCK, hat für die Darmstädter beim jüngsten Heimspiel gegen Werder das 1:0 und das 2:2 markiert. Als Ersatzmann steht der lange Sven Schipplock (27) bereit, der für den VfB Stuttgart, die TSG Hoffenheim und den HSV schon 119 Erstligaspiele (17 Tore) abgespult hat.

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Der in Mainz geborene Christian Mathenia, in Darmstadt in der Vorsaison die überzeugende Nummer eins in der Arbeit mit Torwarttrainer Dimo Wache, hat sich auf die Ersatzbank des HSV verändert. Diese Entscheidung rechtfertigt wahrscheinlich nur der Blick auf den Gehaltszettel. Norbert Meier lebt bislang mit Nachfolger Michael Esser (29), der davor in seinen acht Jahren beim VfL Bochum eher selten die Nummer eins war, ausgesprochen gut. Im Moment haben die „Lilien“ nur ein Problem: Das museale Stadion am Böllenfalltor kann nicht modernisiert/ausgebaut werden; die Anwohner haben sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Die Suche nach einem Standort für den geplanten Neubau kann dauern.