Rehberg: Die Rolle des "ewigen Außenseiters" wirkt eher...

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: Sascha Kopp

Die Underdog-Rolle passt nicht mehr auf Mainz 05. Dieser Status ist für die Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt reserviert. Das Selbstverständnis von Werder Bremen oder der...

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. Enttäuschung ist oft das Resultat einer überhöhten bis unrealistischen Erwartungshaltung, hat Martin Schmidt kürzlich mal gesagt. Das war eine Reaktion des 05-Trainers auf die Pfiffe in der Coface Arena nach der Einstiegsniederlage gegen den FC Ingolstadt. Nun, dass die Mainzer zu Hause einen Aufsteiger bezwingen könnten, das ist sicher kein übertriebenes Anspruchsdenken. Aber klar ist, was der Cheftrainer bezweckt: Der Schweizer will seine in einer neuen Entwicklung steckende Mannschaft, die erneut auf einigen Positionen verändert worden ist in diesem Transfersommer, schützen vor einem bremsenden bis blockierenden Erfolgsdruck. Sein Team fühle sich wohler in der Außenseiterrolle, erklärt Schmidt.

Das Selbstverständnis von Werder Bremen oder der Frankfurter Eintracht, die in der Vorsaison nicht viel besser waren als die 05er, ist ein anderes. Den Bremern gelang am vergangenen Wochenende in den letzten Spielsekunden ein eher glücklicher Sieg in Hoffenheim, prompt sprachen Trainer Viktor Skripnik und Starzugang Claudio Pizarro davon, nun wolle man auf der Grundlage von sieben Punkten nach vier Spieltagen internationale Ziele anpeilen. Nicht viel andere Einschätzungen hörte man in Frankfurt nach dem spektakulären 6:2-Heimsieg gegen den 1. FC Köln. Das geht in diesen größeren Traditionsklubs, die auch schon bessere Zeiten erlebt haben, immer sehr schnell.

Zu den 05ern passt die Außenseiterrolle nicht mehr

An den Bruchweg passt diese Denkweise nicht. Auf der anderen Seite wollen Profisportler auch gefordert werden. Zumindest in den Handlungszielen. Nach dem Motto: An diese unserem Potenzial gemäße Spielweise stellen wir – unabhängig vom Mediengetöse oder von Analysen diverser Experten – an uns selbst die höchsten Ansprüche. Und dazu passt in Mainz nicht mehr die Stilisierung der totalen, Spieltag für Spieltag determinierten Außenseiterrolle. Dieser Status ist in der Bundesliga für die Aufsteiger FC Ingolstadt und Darmstadt 98 reserviert, diesen Anspruch dürfen diese Newcomer-Mannschaften freizügig ausleben. Mit dem schönen Effekt, dass jede Niederlage normal ist und jeder gewonnene Punkt einer kleinen Sensation gleichkommt. Das hat eine mental befreiende Wirkung, das konserviert die nötige Leichtigkeit im Umgang Erfolg und Misserfolg.

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In Mainz wird man da einen Mittelweg finden müssen. Das ist eine mit belastbaren Fakten nicht belegbare Hypothese: Die 05er nehmen sich innere Stärke, wenn sie so tun, als könnten sie nur in der Außenseiterrolle ihre Fähigkeiten auf den Platz zimmern. In der siebten Bundesligasaison hintereinander taugt ein schwarz-weiß-gemaltes Favorit/Außenseiter-Schema nur noch bedingt. Am kommenden Freitagabend schlägt die mit nur einem Punkt aus vier Spielen desaströs in die Saison gestartete TSG Hoffenheim in der Coface Arena auf. Diese Elf hat Stärken und Schwächen – und offensichtlich Anpassungsprobleme wegen diverser neu besetzter Positionen. Brauchen die 05er auch für diese Partie den (mühsam herzuleitenden) Underdogmodus?

Eine Maus wird selten zum Löwen

Beim 1:2 auf Schalke ist das Schmidt-Team, Favoritendiskussion hin oder her, sportlich und emotional bis auf zwei kurze Phasen jeweils zum Ende der beiden Halbzeiten nie so richtig aus den Schuhen gekommen. Das kann passieren. Insbesondere gegen einen wie entfesselt startenden Gastgeber. Die Frage ist: Haben sich die 05-Profis in der Veltins-Arena vom Anpfiff weg zu wenig zugetraut? Oder anders ausgedrückt: Wäre der schlechte Einstieg in diese Partie zu verhindern gewesen mit mehr Zutrauen in die eigenen Prinzipien und in die eigenen Stärken und in einen nicht nur reaktiven Ansatz?

Diese Frage lässt sich für diese Partie nicht mehr beantworten. Für die Zukunft kann diese Diskussion aber geführt werden: Wer sich in seinem Selbstverständnis gerne als Maus begreift, der wird in gewissen Spielszenarien eher selten zum brüllenden Löwen. Da kann das Schalke-Spiel eine wichtige Erfahrung gewesen sein. Denn immer, wenn die 05er den Favoriten konsequent gestellt und bespielt haben, dann zeigte sich, dass die Elf von André Breitenreiter noch keine betonierte Sicherheit hat, schon gar nicht in der Defensivarbeit.

Spannende Weiterentwicklungschance

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Die Mainzer können auch mit Passspiel nach vorne kommen und im letzten Drittel Druck erzeugen. Zumal dann, wenn der zweite Mittelfeldsechser, in diesem Fall Danny Latza, weniger der aggressive Balljäger denn mehr ein begabter Passlieferant ist. Was überhaupt nichts daran ändert, dass dieses Team in dieser Zusammenstellung mit Geschwindigkeitsspielern in der Offensive in erster Linie eine klassische Pressing/Gegenpressing- und Umschaltmannschaft sein wird.

Aber, die Schalke-Partie hat das deutlich aufgezeigt: Wenn sich die nötigen Balleroberungen in relevanten Mittelfeldzonen nicht bewerkstelligen lassen, dann braucht es auch das konstruktive Passspiel aus der eigenen Hälfte heraus. Das behindert den Gegner in seinem Angriffsmodus, das drosselt das Tempo des Gegners, das bringt insgesamt Ruhe ins Spiel, das sorgt für Entlastung und für Erholungsphasen. Das sorgt im Idealfall auch für Torgefährlichkeit, wenn der Gegner damit gar nicht rechnet. Die These lautet: Auf diesem Gebiet liegt die spannende Weiterentwicklungschance dieser Mannschaft - die ihre Stärken in Kampfkraft, Dynamik und Tempo in die Tiefe deshalb überhaupt nicht relativieren muss.

Ewige Außenseiterrolle eher bremsend

Eines darf man herausstellen: Es ist keine Normalität, dass die 05er nach dieser problematischen ersten halben Stunde auf Schalke noch mal zurückgekommen sind, dass die Mannschaft sich Torchancen erspielt hat, dass sich am Ende sogar noch die Ergebnischance aufgetan hat. Das spricht für eine tragfähige Mentalität, für Widerstandsgeist und Behauptungswillen, auch für - selbst unter enormem Druck abrufbare - Automatismen im Umschaltkonzept. Da ist Martin Schmidt mit seiner Mannschaft auf einem guten Weg. Flexibilität, wachsende Anpassungsfähigkeit an Chancen und Notwendigkeiten in speziellen Ballbesitzmomenten, das kann in den nächsten Wochen ein weiteres Ziel sein. Die Behauptung der ewigen Außenseiterrolle könnte auf diesem Pfad eher bremsend wirken.