Rehberg: Die verschiedenen Gesichter des 34. Spieltages

Harald Strutz. Archivfoto: Sascha Kopp

Der Mai ist der Monat der Entscheidungen. Da werden die Teller und Pokale verteilt. Da wird über Auf- und Abstiege entschieden. Da vibrieren die Nervenstränge. Nicht so in...

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. Der Mai ist der Monat der Entscheidungen. Da werden die Teller und Pokale verteilt. Da wird über Auf- und Abstiege entschieden. Da fühlt sich die Luft zum Atmen an wie elektrisch aufgeladen. Da vibrieren die Nervenstränge. Nicht so in Mainz. Wirklich nicht?

Die Bundesligaprofis laufen an diesem Samstag beim FC Bayern München auf. Worum geht es? Pep Guardiola könnte das Gefühl haben, seinen Fairplay-Ruf verteidigen zu müssen gegen Dieter Schatzschneider, den "Männeken Piss" aus Hannover. Martin Schmidt weiß, dass sein Klub es gerne sehen würde, wenn der aktuelle Tabellenplatz verteidigt werden könnte, das käme gut im Hinblick auf die Fernsehgeld-Rangliste. Na ja, das alles ist überschaubar spannend.

Nach dem Abpfiff wird dem alten und neuen Deutschen Meister die Schale übergeben. Da wird dann auch noch viel Bier verschüttet werden aus riesigen Gläsern mit riesigen Werbeaufschriften. Diese Alkoholduschen haben die 05er schon mal gemeinsam mit dem FC Bayern zelebriert, am Bruchweg, nach einem 4:2 für den Branchengiganten. 2005, 32. Spieltag, 7. Mai: München Meister, Mainz gerettet. Also, hatten wir schon. Auch nicht mehr spannend.

Eine Riesenerleichterung

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Stress am letzten Spieltag? Das gab es nicht mal 2007. In der damals noch sehr neuen Allianz-Arena. 19. Mai. Die 05er unterlagen beim FC Bayern mit 2:5: Der Mainzer Bundesligaabstieg stand schon vorher fest, die Zuschauer würdigten ausgelassen das Karriereende von Mehmet Scholl. Harald Strutz hat sich jetzt noch einmal daran erinnert. "Wir vom Vorstand haben uns damals in der Allianz-Arena mit schwarzen Zylindern von unseren Fans aus der Bundesliga verabschiedet", erzählte der 05-Präsident. "Ich habe in den letzten Wochen immer nur gedacht: Bitte, bitte, so etwas will ich nicht noch einmal erleben! Und dann kamen unsere Siege in Freiburg und gegen Schalke…" Eine Riesenerleichterung, so der Klubboss. "Wir haben diesmal durch den letzten Termin in München immer das Gefühl gehabt, wir müssten den Abstiegskampf bestehen mit einem Spiel weniger."

Wenn man diese Erlebnisse hatte, dann weiß man ein spannungsfreies Schlusswochenende zu schätzen. Aber ganz ohne Nervenkitzel geht es nicht. Die zweite Mannschaft der 05er kämpft an diesem Samstag ab 14.30 Uhr am Bruchweg um den Klassenverbleib in der Dritten Liga. Ein Endspiel. Die junge Elf von Trainer Sandro Schwarz empfängt den Chemnitzer FC. Auch da werden Erinnerungen wach an nervenaufreibende Zeiten.

Krasse Unterschiede

1995/96. Nach der Vorrunde wies die Zweitligatabelle aus: 6. Chemnitz mit 34 Punkten, 18. und Letzter Mainz 05 mit 12 Punkten. Das Bild nach dem 34. Spieltag: 15. und erster Absteiger der Chemnitzer FC (im Team: der junge Michael Ballack) mit 42 Zählern, 11. und auf der Ziellinie gerettet Mainz 05 mit 44 Zählern. Nach einem 1:0-Endspielsieg gegen den Aufsteiger VfL Bochum. Ein Meilenstein: Der 3:1-Erfolg in Chemnitz am 30. Spieltag (5. Mai).

Knapp 20 Jahre später. Heute duellieren sich die Chemnitzer am alten Bruchweg mit Mainz 05 II. Die 05-Erstligaprofis stehen vor ihrer siebenten Bundesligasaison hintereinander und vor der zehnten Bundesligasaison seit 2004. Und in den Bretzenheimer Feldern steht eine neue Arena. Krass, dieser Unterschied zwischen den ehemaligen Zweitligakonkurrenten.

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Zwei Gesichter eines Endspieltages

Die zwei Gesichter eines Endspieltages im Mai erleben an diesem Wochenende zwei Männer, die 1996 diese sensationelle Rückrunde der 05er unter Trainer Wolfgang Frank aktiv mitgestaltet haben: Keeper Dimo Wache und Linksverteidiger Uwe Stöver.

Dimo Wache ist inzwischen Torwarttrainer beim SV Darmstadt 98. Dort hat er den früheren 05-Nachwuchskeeper Christian Mathenia zu einem der besten Zweitliga-Torhüter geformt. Die "Lilien" stehen am kommenden Sonntag vor einem Endspiel: Sieg in der Heimpartie gegen den FC St. Pauli - und die Darmstädter dürfen sich feiern lassen als einer der sensationellsten Bundesligaaufsteiger seit vielen Jahren. 2011 noch Regionalligist. 2013 nur deshalb nicht abgestiegen aus der Dritten Liga, weil den Offenbacher Kickers die Lizenz entzogen wurde. 2014 in die Zweite Liga aufgestiegen über zwei spektakuläre Relegationsspiele gegen Arminia Bielefeld: 1:3 zu Hause, 4:2 nach Verlängerung auswärts; das Siegtor fiel in der 120. Minute.

Und nur ein Jahr später die Bundesligachance mit Dirk Schuster, dem in Karl-Marx-Stadt geborenen Erfolgstrainer. Ein großer Tag für den 05-Ehrenspielführer Wache, der 2004 (23. Mai) und 2009 (24. Mai) mit den Mainzern den Bundesligaaufstieg geschafft hat.

Ein stressfreier 34. Spieltag ist wunderbar

Und Uwe Stöver? Der einstige 05-Verteidiger, 05-Nachwuchstrainer und 05-Marketingleiter war bis vor wenigen Tagen Manager des FSV Frankfurt. Vor dem letzten Spieltag wurde Trainer Benno Möhlmann entlassen. Stöver trug diese Entscheidung mit, danach stellte er im Vorstand die Vertrauensfrage. Negativ. Der Manager wurde beurlaubt. Und nun sitzt Stöver am Sonntag in seinem Eigenheim in Finthen vor dem Fernseher und schaut den Bornheimern zu, wie sie in Düsseldorf versuchen, den Zweitligaabstieg zu vermeiden. Am 26. Spieltag stand der FSV auf dem 10. Platz mit 34 Punkten, das waren satte 12 Zähler Vorsprung vor dem Relegationsrang; mit dem Manager wurden intensive Gespräche geführt über eine Vertragsverlängerung. Und nun das.

Man sieht: Ein stressfreier 34. Spieltag kann eine wunderbare Sache sein, die 05-Profis können ihren sportlichen Ausflug in die Allianz-Arena genießen. Aber nach nervenaufreibenden Wochen erfolgreich ins Ziel zu sprinten, das ist auch schön. Vielleicht erlebt das an diesem Wochenende die 05-Zweite in einem gut besetzten Bruchwegstadion. Und die "Lilien" am alten Böllenfalltor. Schwer wird es für den FSV Frankfurt an der längsten Theke der Welt.