Rehberg: Eine desolate 05-Aufführung

Loris Karius nach seiner roten Karte. Foto: dpa

Die Chance, sich aus dem gröbsten Abstiegskampfgetöse zunächst mal rauszuhalten, haben die Mainzer mit ihrem Spiel gegen Hertha BSC vertan. Man könnte auch sagen: Diese...

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. Das wichtigste Spiel in dieser englischen Rückrundenstartwoche haben die 05-Profis verloren. Nicht irgendwie verloren, auch nicht unglücklich. Sondern uninspiriert. Nach einer grottenschlechten Leistung, gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz. Begleitet von einer Mentalität, die überhaupt keinen Hinweis lieferte auf die Bedeutung dieser Partie. Merkwürdig. Dass die sportlich angeschlagene Berliner Hertha mit ihrem neuen Trainer Pal Dardei für dieses 2:0 in der Coface Arena, für diese extrem wertvollen drei Auswärtspunkte nicht viel mehr investieren musste als eine gut geordnete Zementdefensive, drei, vier nette offensive Umschaltszenen und ein wenig Zweikampfengagement, das wirft kein gutes Licht auf die grundsätzliche Herangehensweise der Elf von Kasper Hjulmand.

Die Chance, sich aus dem gröbsten Abstiegskampfgetöse zunächst mal rauszuhalten, haben die Mainzer damit vertan. Man könnte auch sagen: Diese Chance haben die 05er nahezu kampf- und willenlos an sich vorbei ziehen lassen. Diese schlappe Vorstellung hatte mit einer der 05-typischen - wilden, emotional aufgeladenen, den Gegner beeindruckenden, die Zuschauer anheizenden - Abstiegskampffestivals überhaupt nichts zu tun. In diesem Fall plätscherten 90 Minuten belanglos dahin - und am Ende hatte der etwas schärfer eingestellte direkte Konkurrent im Sorgenmilieu drei Punkte mehr auf dem Konto.

Riesenunwetter in der unteren Tabellenhälfte

Versuchen wir es mit einer bildhaften Darstellung: Da braut sich gerade in der unteren Tabellenhälfte der Bundesliga ein Riesenunwetter zusammen, und die 05-Profis waren an diesem Tag zur Abwehr von Sturmböen, Regen und Hagelschauern nicht mal mit einem kleinen Taschenschirm bewaffnet.

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Unglückliche Umstände? Die gab es. Doch Loris Karius hatte sich den diskussionswürdigen Strafstoß zum 0:1 nebst Roter Karte selbst eingebrockt. Da rächte sich diese zur Manie gewordene Einstellung, dass sich der "moderne" Torhüter als Libero, als erster Eröffnungsspieler, als elfter Feldspieler begreifen muss. Dabei wird für einen eher belanglosen Zweck 100 Meter vom gegnerischen Tor entfernt eine Risikobereitschaft akzeptiert, die sich nicht mal technisch brillante Spielmacher in der Nähe des gegnerischen Strafraums herausnehmen.

Das 0:2 entsprang einer sehr eindeutigen Abseitsposition. Doch auch Gonzalo Jara hatte sich das Malheur selbst eingebrockt. Mit einem Leichtsinnsannahmefehler, der auf mangelndes Verantwortungsgefühl schließen lässt: Der Chilene gönnt sich in seiner Abwehr- und Passarbeit in jedem Spiel mindestens einen dieser leichtfertigen Aussetzer, pro Halbzeit wohlgemerkt.

Mangelnde Entschlossenheit

Bis zum 0:1 hatten die 05er keinen Zugriff auf das eigene spielerische und taktische Paket. Kein Tempo im Passspiel, keine intensiven Läufe, keine Sprints, keine Ideen und keine Tiefe in den Angriffen, kein Durchsetzungswillen in den offensiven Zweikämpfen. Das kann passieren gegen einen ultradefensiv eingestellten Gegner mit elf eng stehenden Männern hinter der Mittellinie. Das zaghafte Pressingverhalten, die fehlende Wucht in der Arbeit gegen den Ball in den vorderen Mittelfeldzonen, die mangelnde Entschlossenheit im Kampf um die vielen zweiten Bälle (und das sogar in der letzten Abwehrreihe), diese Mängel hatten sich die 05er komplett selbst zuzuschreiben.

Ab der 58. Minute ergab sich wieder der personelle Gleichstand. Zehn gegen Zehn. Das war die Chance, den Glauben in der Mannschaft an eine mögliche Wende neu zu beleben. Doch da kam nichts, was eine dieser berühmten Umkehrlawinen hätte auslösen können. Immer noch kein Pressing, immer noch kein Tempo, immer noch keine wilden Zweikämpfe, immer noch keine Läufe und Sprints, immer noch kein Durchsetzungswillen. Brav bemüht, fast ein wenig pflichtbewusst spulten die 05-Profis ihre Aufholbemühungen ab. Leidenschaft? Comebackwillen? Teamspirit? Nicht an diesem Tag, nicht einmal gegen diese biedere Hertha. Da war keine kollektive Energie erkennbar.

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Wo bleibt die Leistungskonstante?

In allen Mannschaftsteilen rieselte der Kalk von den Wänden. Stefan Bell und Jara agierten im Abwehrzentrum fehlerhaft und selten aggressiv in der Nachvorneverteidigung. Pierre Bengtsson verteidigte im Rücken nicht gut, bei Daniel Brosinski ging fast gar nichts nach vorne. Stratege Johannes Geis brachte keinen Druck auf die Kugel, Julian Baumgartlinger blieb ohne Zweikampfgift. Christian Clemens und Pablo de Blasis suchten selten und fanden nie bespielbare Räume, Yunus Malli brachte keine Konsequenz in seine Ballaktionen, Shinji Okazaki wirkte müde. Und der erste Auftritt von Keeper Stefanos Kapino? Die aufreizende Dribbelaktion des Griechen vor seinem unbewachten Kasten passte zu dieser desolaten 05-Aufführung.

Vier Punkte aus der englischen Startwoche entsprechen nicht mehr als der Erfüllung des Minimalanspruchs. Die Wankelmütigkeit dieser Mannschaft ist bedenklich. Einen derart schlappen Auftritt wie gegen die Berliner hätte man nicht für möglich gehalten nach dem 5:0 gegen den SC Paderborn und nach der starken zweiten Halbzeit beim 1:1 in Hannover. Im Moment lässt sich nur schwer ausmachen, wo die Leistungskonstante, die verlässlich abrufbare Wettbewerbsqualität bei dieser Mannschaft anzusiedeln ist. Das weiß wahrscheinlich nicht mal Kasper Hjulmand.