Rehberg: Eine verpasste Chance

Der Mainzer Yunus Malli (l) und der Freiburger Oliver Sorg (r) versuchen an den Ball zu kommen. Foto: dpa

Die Vorstellungen der Elf von Kasper Hjulmand haben in dieser Saison nach zwölf Spieltagen zu drei Siegen, sieben Remis und zwei Niederlagen geführt. 16 Punkte. Zehn Spiele...

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. Jedes Bundesligaspiel schreibt eine eigene Geschichte. Die Geschichten der Spiele des FSV Mainz 05 ähneln sich sehr. Journalisten beschleicht inzwischen das Gefühl, der rote Faden der Story, die Leitidee ließe sich schon vorausahnend skizzieren. Gute erste Halbzeit, Dominanz, konstruktive Spieleröffnung, strukturierte Mittelfeldübergänge, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger Torchancen (eher ein paar weniger), Führungstore gehen flöten durch utopische Unachtsamkeiten in der Abwehrarbeit; Leistungsabfall nach der Pause, kaum noch Torchancen. Und wie geht es aus? Unentschieden.

Die Vorstellungen der Elf von Kasper Hjulmand haben in dieser Saison nach zwölf Spieltagen zu drei Siegen, sieben Remis und zwei Niederlagen geführt. 16 Punkte. Zehn Spiele nicht verloren. Ist das Glas nun halb voll - oder ist es halb leer? Geht es voran in der Entwicklung? Oder stagniert der gesamte Laden?

Die Antwort auf diese Frage werden die ausstehenden Spiele bis Weihnachten liefern. Tatsache ist, dass die 05er am Samstag beim 2:2 in der Coface Arena gegen den SC Freiburg nur um Haaresbreite an der zweiten Heimniederlage hintereinander vorbei geschrammt sind. Ein wie auch immer gearteter Sieg hätte das Glas schon jetzt halb voll gemacht, vielleicht hätte man sogar von einer 60-Prozent-Füllung gesprochen. Dieses 2:2 aber hinterließ ein Verlustgefühl. Eine verpasste Chance. Und viele offene Fragen. Eine Antwort liegt auf dem Tisch: Die Mainzer Profis haben Mühe, Spiele zu gewinnen.

Mainzer begünstigten Gegentore

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In diesem Fall war es so, dass die in einem engmaschigen und tief gestaffelten Block stabil verteidigenden Freiburger nach vorne eigentlich zu wenig taten, um mit zwei Treffern belohnt zu werden. Die Gastgeber begünstigten beide Gegentore. Mit zwei schwer verdaulichen Aussetzern. Beim 1:1 läuft Jairo dem Torschützen über 30 Meter hinterher, ohne das Tempo zu steigern; die Strafraumstaffelung bei der im Prinzip harmlosen Flanke von Admir Mehmedi ist ebenfalls geprägt von Sorglosigkeit. Das 1:2 ist ein vorweihnachtliches Geschenk mit Kitschbildchen auf der Verpackung: Freiburger Eckball aus dem 1-Euro-Laden, massive Mainzer Überzahl in Tornähe - der nicht sonderlich groß gewachsene Torschütze Mehmedi macht am Fünfmeterraum einen halben Schritt nach vorne und muss nicht mal richtig hochspringen für seinen Kopfball. Egal ob Manndeckung oder Raumdeckung oder auch eine Mischversion, egal ob mit Wachpersonal an beiden Pfosten, an einem oder an gar keinem: Diese Ecke verteidigt diese Abwehr in einem wachen Moment mit drei Stopperhünen und ohne Torwart.

Und dann kam erschwerend hinzu: Auch die insgesamt strukturiert kombinierenden 05er hatten kaum klare Einschussmöglichkeiten, aus dem Spiel heraus diesmal streng genommen gar keine. Das 1:0 resultierte aus einem netten Freistoßtrick. Der Ausgleich zwei Minuten vor dem Abpfiff im Anschluss an eine abgewehrte Ecke war der Lohn für einen aufopferungsvollen Brechstangenfußball in der Schlussphase. Ansonsten durfte man annehmen, im Freiburger Strafraum hätte ein weltweit berühmtes deutsches Rasenschild im Boden gesteckt: "Betreten verboten!"

Gönnerhaft pries der Freiburger Trainer Christian Streich, ein ausgewiesener Fachmann, das flexible Mainzer Aufbauspiel. Angenommen. Johannes Geis betrieb zwischen den breit aufgestellten Innenverteidigern eine kluge Spieleröffnung, der vorgeschobene Sechser Jo-Hoo Park, ein Verbindungsspieler, der sich blitzschnell orientiert und die Lücken erspäht, leitete die Bälle mit großer Ruhe und Übersicht sicher weiter, Ja-Cheol Koo war zwischen der gegnerischen Abwehr- und Mittelfeldlinie mit seinen Drehbewegungen wirkungsvoll. Das ist Qualität. Das sind gute Ansätze. Da sind flexibel einsetzbare Muster erkennbar. Aber noch weist keines den Weg in den gegnerischen Strafraum.

An den Seiten erarbeiteten sich die Außenverteidiger gute Positionen, aber Daniel Brosinski und Junior Diaz lieferten keine Vorlagen. Und im Sturm? Kein Wind in den Segeln. Kein Tempo, keine Wucht, keine kreativen Laufwege, zu wenige Sprints auf den letzten 30 Metern. Gut strukturierter Ballbesitzfußball ist ohne Torgefährlichkeit meistens ein Muster ohne Wert. Da ist diese Sportart im Ergebnis gnadenlos.

Mangel an Temposteigerungen

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Woran mangelt es den 05ern? Temposteigerungen. Das ist zweifellos eine schwierige Übung im Ballbesitzmuster. Bis zur Pause betrieben die 05er noch ein ordentliches Gegenpressing. Entsprechende Balleroberungen sind das Signal für schnelle Umschaltüberfälle. Die dann Wirkung erzielen, wenn sie mit kurzen Ballkontaktzeiten, mit schnellen und präzisen Druckpässen und Laufwegen im Sprinttempo in die Tiefe getrieben werden. Hjulmand fordert nach der Balleroberung den flachen Pass ins Zentrum, der soll die seitlichen Sprintbewegungen auslösen - und dann geht es zügig ab nach vorne. Doch die 05er schlugen in diesen wenigen guten Umschaltmomenten sofort den langen Ball. Und das verteidigt ein auf Defensive ausgerichteter Gegner eher mühelos. Zumal der kleine Shinji Okazaki und auch der kleine Jairo, der Flügelstürmer, der mehr wie eine zweite Spitze agiert im Hjulmand-System, mit diesen Mondbällen generell nicht viel anfangen können.

Vorteile ergeben sich auch aus Eins-gegen-Eins-Situationen. Gesicht zum Tor, Dribbling, Abschluss. Dieses Stürmerprofil haben die 05er nicht. Der das kann, der demonstrierte das am Samstag 300 Kilometer entfernt von Bretzenheim, auf Schalke: Der Ex-Mainzer Maxim Choupo-Moting schoss zwei brillante Tore beim 3:2 gegen den VfL Wolfsburg.

Jonas Hofmann fehlt

In Mainz? Okazaki braucht Vorlagen. Jairo fehlt in den offensiven Zweikämpfen noch die Bundesligahärte. Sami Allagui (eingewechselt) hat keine Form, Filip Djuricic (eingewechselt) spielt technisch schön, aber ohne Wucht. Yunus Malli kann dribbeln und einen Gegenspieler stehen lassen, aber dann hapert es nach wie vor am vorbereitenden Pass und an der Abschlussgier. Am Ende brachte Hjulmand den Abwehrhünen Nikolce Noveski für die Besetzung des Sturmzentrums; der kleine Ersatzmittelstürmer Pablo de Blasis blieb auf der Bank ob seiner bislang überschaubaren Durchschlagskraft bei Einwechslungen und in Testspielen. Und wenn sich Okazaki auf den Flügel wegstiehlt, dann ist der Torraum überhaupt nicht mehr besetzt. Auch deshalb, weil Malli und/oder Koo nicht konsequent aus dem Zehnerraum nachrücken. Der verletzte Jonas Hofmann (drei Saisontore) fehlt. An allen Ecken und Enden.

Was eine wilde Einzelleistung wert sein kann, das zeigte sich, als Okazaki sich in der 88. Minute mal im Strafraum gegen Überzahl durchsetzte, die Kugel an die Latte zirkelte und Innenverteidiger Stefan Bell abstaubte. Das hätte das Siegtor sein können. Doch dann darf man sich nicht zuvor gegen einen derart konzentriert und konsequent auf Verteidigung bedachten Gegner zwei läppische Gegentore einfangen. Dieses späte Ausgleichstor war wichtig für die Moral. Ein verlässliches Offensivmittel ist diese Brechstangenvariante nicht.

Die individuelle Qualität im Angriff werden die 05er bis Weihnachten nur bedingt verbessern können. Bleibt als Ausweg: Die Mannschaft braucht in den Mittelfeldzonen mehr Aggressivität, mehr Balleroberungen und dann ein besseres Verhalten in den offensiven Umschaltsituationen. Das ist die Alternative zum bekannt schwierigen Ballbesitzfußball. Bei dem immer die Gefahr besteht, dass sich eine dominante Mannschaft glänzend strukturiert die Füße wund passt.