Rehberg: Gegen den VfB Stuttgart kann sich Mainz 05 nicht auf...

VfB-Trainer Jürgen Kramny mit seinen Spielern, hier noch nach dem Spiel gegen Borussia Dortmund. Foto: dpa

Der VfB Stuttgart zu Gast in Mainz: Technisch ist die Elf von Interimstrainer Jürgen Kramny den auf 12 Punkte Vorsprung enteilten 05-Profis nicht unterlegen. Aber die...

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. Marvin Hitz, der fleißige Gartenarbeiter vom FC Augsburg, der Torhüter mit dem grünen Stollen, hat in Köln am Elfmeterpunkt das Erdreich etwas aufgelockert. Woraufhin der Elfmeterschütze exakt auf diesem etwa acht Quadratzentimeter großen graslosen Fleckchen ausgerutscht sein soll. Werden Rasenmanipulationen zur taktischen Waffe im Fußball – und wir hart müssen diese Taten bestraft werden? Brauchen Schiedsrichter künftig eine Sonderausbildung für die Erkennung von Spontanhandlungen in unsachgemäßer Grünanlagenpflege? Die hitzige Moral-Diskussion im Anschluss an die „Hitz-Tat“ ging in diese Richtung.

Dabei ist die Debatte gar nicht neu. Rasen nicht kurz genug geschnitten, Rasen zu stark bewässert, Unebenheiten im Gras bewusst nicht beseitigt, diese Vorwürfe wurden schon immer mal vorgetragen. Meistens von unterlegenen Gastmannschaften. Dass deswegen jemals ein Platzwart Zwangsurlaub in der kubanischen Guantanamo-Bucht aufgebrummt bekommen hätte, das ist mir nicht zu Ohren gekommen. Den Schweizer Marvin Hitz hätte so mancher empörte Internetforenposter gerne im Knast gesehen.

Wir werden dem VfB Stuttgart sehr genau auf die Finger und auf die Stollen schauen an diesem Freitagabend in der Coface-Arena. Der Tabellenvorletzte wird sich mit allen Mitteln wehren. Trainer fordern in diesen sportlich prekären Situationen ihre Spieler gerne dazu auf, Gras zu fressen. Schluss damit. Jürgen Kramny hat als Spieler acht Jahre lang auf dem holprigen Bruchwegrasen gekickt, der heutige VfB-Interimstrainer wird sich freuen auf die perfekte Grünfläche in der neuen Mainzer Arena.

Technisch ist die Kramny-Elf den auf 12 Punkte Vorsprung enteilten 05-Profis nicht unterlegen. Aber die Mannschaft von Martin Schmidt rennt mehr und sie rennt schneller. Nur zwei Vergleichszahlen: Der VfB spulte beim 1:1 gegen Werder Bremen 111,2 Kilometer ab mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,7 km/h – die 05er brummten beim 3:1 in Hamburg 125 Kilometer ab mit einem Durchschnittstempo von 7,5 km/h. Nicht immer sagen diese Werte etwas aus über Qualität, die Einfluss hätte auf das Ergebnis. Aber dieser Unterschied ist schon gravierend.

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Kramny will mit seinem Team die Mainzer Umschaltüberfälle verhindern

Die 05er müssen sich darauf einstellen, dass Kramny weiß, was er mit seinem Team zu verhindern hat an diesem Abend: die tempogeladenen Mainzer Umschaltüberfälle. Yunus Malli, der zentrale Tempodribbler, erarbeitet sich gerade Konstanz auf hohem Niveau. Yoshinori Muto wird inzwischen härter bekämpft von den gegnerischen Abwehrreihen, doch der japanische Sprinter hat selbst an schwächeren Tagen seine Torszenen. Und nun ist auch noch Jairo in Form gekommen, der spanische Rennflitzer, der links startet, nach Innen zieht und mit rechts Vorlagen liefert oder abschließt. 18 der bislang 23 Mainzer Tore hat dieses Trio geschossen – und elf Torvorbereitungen aus dem M&M+J-Pool weisen aus, dass sich die Turbostürmer auch gegenseitig viele Vorlagen liefern. Pablo de Blasis, der argentinische Anarcho-Dribbler, steht mit seinen zwei Toren und drei Torvorlagen auch nicht ganz weit hinten.

Der VfB wird also versuchen, mit einem extrem kompakten, mal höher, mal tiefer gestaffelten Defensivblock (wahrscheinlich im 4-1-4-1) den 05ern die Spielmacherrolle aufzudrücken. In der Hoffnung, dass die Gastgeber damit im eigenen Ballbesitz ebenso wenig anzufangen wissen wie am vergangenen Samstag der Hamburger SV. Und dann werden die Stuttgarter darauf aus sein, die 05er mit Blitzumschaltungen auszukontern. Über den spielerisch brillanten und torgefährlichen Zehner Daniel Didavi (fünf Tore/vier Torvorlagen), über den flotten Linksaußen Filip Kostic (0/2) und über den leichtfüßigen Mittelstürmer Timo Werner (3/2). Neu in die Startelf beordert hat Kramny den früheren Gladbacher Lukas Rupp (2/1), ein Dauerläufer am rechten Flügel, der auch einen guten Schuss hat.

Der Tabellenstand wird den fußballerischen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften an diesem Abend nicht ausweisen. Die Vorteile müssen auf dem Feld mit physischer Intensität, mit Geduld und mit der nötigen Willenskraft herausgearbeitet werden. Der VfB bestreitet Abstiegskampf. Wie das geht, das hat Jürgen Kramny in Mainz gelernt. Da werden sich die 05er nicht auf ihre aktuelle spielerische Leichtigkeit verlassen können.