Rehberg: Geschichten, die das DFB-Finale schreibt

Brüder im Geiste: Guardiola und Tuchel Arm in Arm. Foto: dpa

Das DFB-Pokalfinale 2016 mag nicht das höchste spielerische Niveau erreicht haben, aber die Geschichten, die diese 120 Minuten und die Feierstunde danach erzählt haben, die...

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. Die ewig geschichtsträchtigen Duelle zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona in Spanien stehen für sich. Die Strahlkraft von „El Clásico“ ist unantastbar. Aber die Auseinandersetzung zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund beginnt sich als deutscher Klassiker zu etablieren. Das noch junge „El Clásico“ wächst und gedeiht. Das DFB-Pokalfinale 2016 mag nicht das höchste spielerische Niveau erreicht haben, aber die Geschichten, die diese 120 Minuten und die Feierstunde danach erzählt haben, die überdauern. Der Elfmetersieg für die Bayern war zweifellos verdient. Die Dortmunder haben exzellent organisiert verteidigt. Das war die Grundlage für ein paar Konterzüge, die dem BVB in zwei Szenen die Chance zum „Lucky punch“ ermöglicht haben. Das Spiel bestimmt haben die Bayern, mit offenem Visier. Angriffslustig, oft zu verspielt und nicht konsequent genug im letzten Drittel. Aber immer dominant. Die auf beiden Seiten von Muskelkrämpfen geprägte Verlängerung erinnerte an „Dead man walking“.

Im Elfmeterschießen wirkten die Bayern-Schützen selbstbewusster als die noch ausgelaugteren Dortmunder. BVB-Fehlschütze Lars Bender wollte seinen Auftrag nur ganz schnell hinter sich bringen – der Weltmeister Manuel Neuer parierte. Der großartige Kampfgrieche Sokratis rasierte den Außenpfosten. Bei den Bayern versagten lediglich dem jungen Joshua Kimmich die Nerven. Einer der sichersten Dortmunder Elfmeterschützen hatte sich vorher auswechseln lassen: Der zum FC Bayern wechselnde Mats Hummels war bereits in der 78. Minute mit seinen Kräften am Ende. Das Topthema in der Vorberichterstattung verkam in der Entscheidung zur Randgeschichte.

Vom Weinkrampf geschüttelt

Und dann fielen sich beiden Trainer in die Arme. Thomas Tuchel herzte den von einem Weinkrampf geschüttelten Pep Guardiola. Die beiden Fußball-Architekten klopften sich mit Inbrunst gegenseitig auf die Schultern. Zwei Brüder im Geiste. Wenn einer in Deutschland diesen kompliziert denkenden und fühlenden spanischen Taktikmeister annähernd verstanden hat, dann war das der nicht minder kompliziert denkende und fühlende Kollege aus Dortmund. Guardiola hat Tuchel inspiriert. Das bekannte Tuchel schon, als er Anfang August 2009 in Mainz vom erfolgreichen U19-Coach zum Cheftrainer des Bundesligaaufsteigers befördert wurde. „Wir müssen unseren Ballbesitz kultivieren“, hatte der junge Übungsleiter damals nach seinem ersten Spiel in der Verantwortung erzählt. Die Journalisten staunten. Wir dachten: Hat Mainz 05 keine anderen Probleme?

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In den folgenden fünf Jahren haben wir von diesem Tuchel eine Menge gelernt. Vieles davon stammte aus der Denk- und Praxisschule von Pep Guardiola. Am Samstagabend hat sich Christian Heidel parallel zum Pokalfinale mit einer großen privaten Feier in Mainz von seinem Heimatklub verabschiedet. Eine der besten von vielen guten Entscheidungen des langjährigen 05-Managers war die Entdeckung dieses Trainertalents. Dass die Dortmunder seit 2010 der einzige ernsthafte Widersacher des Branchengiganten FC Bayern sind und damit dieses deutsche „El Clásico“ ermöglichen, das verdanken sie zwei Mainzer Trainererfindungen: Jürgen Klopp und Thomas Tuchel.

Im Münchner Kaffeehaus taktieren

Im Winter 2011 wollte Tuchel zu seiner Mainzer Zeit unbedingt ein Trainingslager in Barcelona abhalten. So kam es. In dem alten und engen Trainingskäfig im Schatten des riesigen Stadions „Camp Nou“. Wir gingen immer davon aus: Der 05-Coach sah in diesem Ausflug die große Chance, seinen Inspirator Pep Guardiola kennen zu lernen. Dazu kam es damals nicht. Erst in seinem Sabbatjahr saß Tuchel dann in einem angesagten Münchner Kaffehaus mit dem Welttrainer zusammen, da verschoben die beiden Exzentriker auf dem Tischtuch Tassen, Untertassen, Gläser, Löffel und Zuckerwürfel in taktischen Formationen. Nach dem verlorenen Pokalfinale in Berlin sagte Tuchel kryptisch: „Wir haben noch viel zu lernen…“ Vielleicht hat er das auch auf sich selbst bezogen. Denn am Ende blieb der Eindruck hängen: Gegen Guardiola neigt Tuchel dazu, übertaktisch zu reagieren. Das war so beim 1:5 in der Hinrunde in der Allianz Arena, das war so beim 0:0 in der Rückrunde im Signal-Iduna-Park. Und das war so bei diesem mit Fünferabwehrreihe und Betondefensive im Mittelfeld erwürgten 0:0 im Pokalfinale im Berliner Olympiastadion.

Pep Guardiola verlässt nun Deutschland. Bei Manchester City wird er erstmals in seiner noch jungen Trainerkarriere (sechs Spielzeiten, 21 Titel - grandios) eine ganz neue Mannschaft aufbauen müssen. In der Premier League wird nun Jürgen Klopp versuchen, mit dem FC Liverpool der große Widersacher zu werden. Guardiolas Bayern-Zeit? Drei Meisterschaften, zwei Triumphe im DFB-Pokal, dreimal das Halbfinale in der Champions League erreicht und dort gescheitert. Der Spanier hat 80 Prozent seiner Spiele gewonnen. Und er hat eine Spiel- und Denkweise verankert, die vorher in Deutschland nicht existiert hat. Außer im Kopf von Thomas Tuchel. Der Mann aus dem schwäbischen Krumbach wird in Dortmund Peps Münchner Vermächtnis hegen und pflegen. Der neue Bayern-Cheftaktiker Carlo Ancelotti ist mehr an Ergebnissen interessiert. Der Italiener wird die „Mission Henkeltopf“ wesentlich pragmatischer angehen.