Rehberg: Giftige Tempoimpulse setzen

Wollen wieder jubeln wie gegen die Eintracht: (von links) die 05-Spieler Christian Clemens, Yunus Malli und Shinji Okazaki. Foto: dpa

Abstiegskampf, nächstes Kapitel für Mainz 05. Mit Borussia Mönchengladbach kommt am Samstag ein Team, das wenig Gegentore kassiert und in Ruhe auf den entscheidenden Moment...

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. Den Ruf als Abstiegskampfkönner haben sich die 05er in der Zweiten Liga erworben. In den Jahren zwischen 1990 und 2004 kann man die Spielzeiten ohne schwere Sorgen im unteren Tabellendrittel an einer Hand abzählen. Da stand am Bruchweg ein Institut für angewandte Nichtabstiegswissenschaften. Kurios: Inzwischen spielt der Verein seine neunte Bundesligasaison, aber so richtig eng ist es in den unteren Tabellenregionen der Eliteliga für die 05er eher selten geworden. Da war 2007 der Abstieg mit einer Mannschaft ohne Stürmer (der nachverpflichtete Mohamed Zidan konnte es nicht mehr retten mit 13 Toren in 15 Rückrundenspielen), ansonsten war der Bruchwegklub vor dem letzten Spieltag nie mehr in Not. Im Gegenteil. Seit 2009 haben die 05er nicht mal mehr einen einzigen Tag auf einem Abstiegsplatz gestanden.

Die Luft im Keller ist dünn geworden

Doch diesmal wird es eng. 2014/15. Die Luft im Keller ist dünn geworden. Die alten Akten müssen raus: Wie funktioniert das noch mal im Abstiegskampf? An diesem Samstag empfängt die Mannschaft von Trainer Martin Schmidt Borussia Mönchengladbach. Die Parole "Ein Sieg muss her, ein Sieg ist Pflicht, weil wir sonst…" ist da kein guter Ratgeber. Da kommt der Tabellendritte, der spielerisch in gar keiner guten Phase steckt seit Rückrundenbeginn, der sich aber den Status erarbeitet hat, mit einer unterkühlten, taktisch sauberen Herangehensweise ohne große fußballerische Höhepunkte konstant Ergebnisse ziehen zu können.

Daraus entsteht eine Haltung, die Spitzenteams auszeichnet: Es muss nicht immer Kunst und Wunder sein, wer wenig Gegentore schnappt, der kann im Vorwärtsgang in Ruhe auf den entscheidenden Moment hinarbeiten. 18 Gegentreffer der Gladbacher in 23 Spielen, das ist ein Pfund, das verleiht Sicherheit, da wird man abgebrüht. Diese Art von Gegner rennt und kämpft man nicht einfach über den Haufen.

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Borussia-Abwehr wie in Beton gegossen

Die Offenbacher Kickers haben das im DFB-Pokalspiel unter der Woche versucht, mit viel Herzblut und Leidenschaft, aber die Gladbacher haben sich mit einem glücklichen Handelfmetertor und einem abgefälschten Kullerball mit 2:0 durchgesetzt. Und wieder kein Gegentor. Die Borussia-Abwehr stand seelenruhig, wie in Beton gegossen. Dieser Mannschaft im Mittelfeld Zweikämpfe aufzuzwingen ist auch nicht so einfach, denn es gibt Phasen, da führt die Elf von Lucien Favre in diesen Zonen gar keine Zweikämpfe. Da steht der Defensivverbund am eigenen Strafraum, tief und eng gestaffelt, immer auf der Lauer, in den torgefährlichen Räumen die Abseitsfalle zuschnappen zu lassen.

Druckphasen hält die Borussia aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Und wenn sich der Gegner in diesem perfekt organisierten Dickicht verirrt, dann starten die Gladbacher ihre offensiven Umschaltzüge: Erster Pass ins Zentrum, ein bisschen Fußball spielen über die Techniker Raffael und Max Kruse, späte Verlagerung auf einen der Flügel, und dann sprintet einer der vielen antrittsschnellen Konterstürmer auf direktem Weg gen gegnerisches Tor. Das ist eine schuftige Aufgabe für die 05er.

Favre ist ein gewiefter Taktiker

Was die Gladbacher nicht so gut können, das ist ein eigenes Spiel aufzuziehen gegen eine Mannschaft, die zügig mit vielen Leuten hinterm Ball steht. Dafür fehlen dem Tabellendritten die Einzelkönner, die auf engen Räumen den Vorteil machen. Die Gladbacher müssen dann relativ viel Personal nach vorne schicken. Und da liegt die Chance der 05er. Über Konter ist die Gladbacher Elf zu knacken, mit schnellem und direktem Passspiel und mit hoch intensiven, überfallartig gestarteten Laufwegen in die unterbesetzten Räume kann man der Borussia weh tun. Ob sich der Gegner diese Gangart aufdrücken lässt, das ist eine andere Frage. Favre ist ist ein gewiefter Taktiker.

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Klar ist für das Schmidt-Team: Ein Rückstand wirft ein massives Problem auf, eine Führung kann den Spielverlauf in sehr günstige Bahnen lenken. Auch die 05er müssen schlau spielen. Leidenschaft muss gepaart sein mit Geduld und Überlegung. Ein wildes Anrennen oder ein passintensives Bespielen des Gegners, das dürften nicht die geeigneten Mittel sein. Sauber und eng verteidigen, aggressiv Zweikämpfe suchen, führen und gewinnen und dann immer wieder giftig den Tempoimpuls setzen über Yunus Malli, Christian Clemens, Pablo de Blasis und Shinji Okazaki, das kann funktionieren. Da geht es auch um die richtigen Entscheidungen, um die geeignete Passauswahl, nicht jede Balleroberung eignet sich für einen Umschaltüberfall.

05-Anhänger mit wichtiger Aufgabe

Dass der grippekranke Pierre Bengtsson fehlt, das sollte kein ganz großes Problem sein. Der schwedische Linksverteidiger hatte zuletzt defensive Schwächen gezeigt gegen schnelle Gegenspieler. Joo-Ho Park oder Junior Diaz können das regeln. Park ist der bessere Passspieler und flinker in seinen Bewegungen, Diaz ist der wildere Zweikämpfer und der bessere Kopfballspieler.

Eine wichtige Aufgabe kommt auch den 05-Anhängern zu. Gerade in schwierigen Phasen benötigt diese Mannschaft gegen diesen unangenehmen Gegner Lärm im Stadion. Genau diese Atmosphäre produziert den Heimvorteil: Wenn jeder kleine gewonnene Zweikampf, jede Befreiungsaktion und jeder Sprint bejubelt wird, dann trägt das die Spieler. Die von Leidenschaft und Überzeugung gespeiste Zusammenarbeit zwischen Mannschaft und Zuschauern, das steht seit 1990 in Kapitel 1 im Mainzer Abstiegskampflehrbuch.