Rehberg: Hertha hop, Freiburg top

Hertha-Trainer Ante Covic (li) und Freiburgs Coach Christian Streich. Fotos: dpa

Hier der Hauptstadtclub, der vor Saisonbeginn 125 Millionen Euro von einem Investor erhalten hat, dort der bescheidene Sportclub aus dem Breisgau. Hier Tabellenplatz 18, dort...

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. Der SC Freiburg hat keine herausragenden Individualisten im Kader. Die Mannschaft lebt von ihrer Einsatzbereitschaft, vom Kampf, vom Willen und aktuell auch von der Effizienz vor dem gegnerischen Tor. Natürlich profitiert das Projekt von Christian Streich zudem von dem für den Klub günstigen Spielplan: An den ersten vier Bundesliga-Spieltagen haben die Freiburger keine der fünf, sechs Spitzenmannschaften vorgesetzt bekommen. In der Summe ergibt das starke neun Punkte und den dritten Tabellenplatz. Hut ab.

Die Streich-Elf hat nach der Startphase sogar einen Zähler mehr auf dem Konto als der Titelfavorit FC Bayern. Und die Freiburger haben acht Punkte mehr eingesammelt als der derzeitige Tabellenletzte Hertha BSC. Klar, das ist nicht mehr als eine Momentaufnahme. Aber von neun Zählern nach vier Spielen kann eine durchschnittlich besetzte Mannschaft zunächst mal sehr gut zehren. Und wenn die Erfolgsserie irgendwann abreißen sollte in den anstehenden Duellen mit den Hochkarätern der Liga, dann bricht nicht gleich Panik aus in Freiburg, dann werden nicht sofort stimmungskillende Abstiegskampfszenarien heraufbeschworen.

Das hat eine große Bedeutung. Spieler sind anfällig für Negativstimmungen. In problematischen Saisonphasen kommt es vor, dass eine Mannschaft über Wochen den Zugang zum vorhandenen Potenzial nicht findet. Passiert das zu Beginn einer Spielzeit, wird umgehend sehr grundsätzlich diskutiert. Transferpolitik, Saisonvorbereitung, der fußballerische Ansatz des Trainers, alles wird in Frage gestellt. Das erschwert die Mobilisierung von Leistung enorm.

Schauen wir nach Berlin. Die Hertha hat zweifellos einen individuell stärker besetzten Kader als der SC Freiburg. Aber im Breisgau flutscht es gerade mit den Ergebnissen. In Berlin geht seit dem aufsehenerregenden 2:2 im ersten Spiel beim FC Bayern nichts mehr. Was passiert dort vor Ort? Der neue Trainer Ante Covic wird ausgesprochen misstrauisch beäugt – und die Berliner Medien prognostizieren nach vier Spieltagen eine Abstiegskampfsaison.

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Dabei sollte es nach Europa gehen. 125 Millionen Euro hat ein Investor in den Klub gespült. Manager Michael Preetz hat für den jungen Stürmer Dodi Lukebakio 20 Millionen Ablöse auf den Tisch gelegt. Das Abwehrzentrum wurde verstärkt mit dem erfahrenen belgischen Nationalspieler Dedryk Boyata (29) von Celtic Glasgow. Der vom FC Liverpool ausgeliehene Mittelfeldlenker Marko Grujic konnte mit deutlich angehobenen Bezügen gehalten werden. Covic wurde als Trainer aus dem eigenen Haus ausgewählt, weil er die Mannschaft nach der wenig spektakulären Ära Pal Dardei spielerisch und in der Offensive nach vorne bringen sollte. Und jetzt? Tabellenletzter. Und der kleine, auf dem Transfermarkt bescheiden aktive SC Freiburg ist Dritter.

Erfolg zieht Erfolg an. Misserfolg produziert oftmals den nächsten Misserfolg. Stimmungslagen entscheiden in hohem Maße mit über den Zugriff auf das kämpferische, spielerische und taktische Potenzial. Das Vertrauen in den Trainer ist in vielen Fällen nur noch abhängig von Ergebnissen. Das Miteinander und Füreinander im Kader und im Klub ist nach ausbleibenden Erfolgserlebnissen von negativen atmosphärischen Strömungen beeinflusst. In Freiburg spüren sie gerade die Leichtigkeit des Seins. In Berlin ist der mentale Rucksack beladen mit Zementbrocken.