Rehberg: HSV - ohne Torchancen kein Sieg

HSV-Trainer Bernd Hollerbach. Foto: dpa

Das Nordderby war eine Rennerei und Keilerei. Ein erbarmungsloser Abnutzungsfight. Mit Diskussionen und dem glücklichen Ende für Werder Bremen. Für den Hamburger SV steht nun...

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. Kein Mensch wird den Vorwurf erheben, Werder Bremen und der Hamburger SV hätten am Samstagabend keine aufopferungsvolle Einstellung gezeigt. Das war Abstiegskampf in höchster Intensität. Beide Mannschaften hatten das ganz schwere Gerät ausgepackt. Helme auf und drauf auf die Schienbeinschoner. Bis scharf an die Grenze der erweiterten Regelauslegung. Der ein oder andere Profi hatte zuweilen Glück, dass Serien an beidbeinigen Grätschen mit nach vorn offenen Stollen die Knochen des Gegenspielers knapp verfehlten. Das Nordderby war eine Rennerei und Keilerei. Ein erbarmungsloser Abnutzungsfight. Mit dem glücklichen Ende für Werder.

Was das mit Fußball zu tun hatte? Nicht viel. Ein Fehlpassfestival. Kaum Torchancen. Bernd Hollerbach, als Profiverteidiger einst ein Vertreter der knüppelharten Axt-Schule („An mir kommt mal der Ball vorbei und auch mal der Gegenspieler, aber niemals beide gleichzeitig!“), war am Ende stolz auf die Kampfbereitschaft seiner Spieler. Aber der HSV-Trainer wird schon bei der sonntäglichen Videoanalyse erkannt haben: Extrem viel laufen, messerscharf grätschen und massiert verteidigen ist ein hohes Gut, wenn man den Abstieg verhindern will – aber ohne konstruktive Ansätze im eigenen Ballbesitz kann es passieren, dass man nicht mal einen Zähler schnappt.

Umstrittenes Siegtor

Natürlich war das Siegtor für die Bremer umstritten. Eine mögliche Abseitsposition bei der Entstehung des Treffers ließ sich aus keiner der angebotenen Kameraperspektiven zweifelsfrei aufklären. Und ob der kantige Innenverteidiger Rick van Drongelen auf der Torlinie von seinem Gegenspieler regelwidrig zum Eigentor gezwungen wurde, auch darüber gab es unterschiedliche Auffassungen. Man kann aber auch nicht behaupten, Werder hätte unverdient gewonnen. Denn die Hamburger erarbeiteten sich nur zwei nennenswerte Torabschlüsse in diesen 90 Minuten Holzerei.

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Am Samstag empfängt der HSV als Tabellenvorletzter den nach oben sieben Punkte entfernten FSV Mainz 05. Experten sprechen von der letzten Chance des Bundesliga-Dinos. Mag sein. Sicher nicht rechnerisch. Aber die Zuversicht der Spieler hat gelitten in den vergangenen Wochen. Sorgen muss man sich machen, welche Atmosphäre wohl herrschen wird in der Arena mit der womöglich doch nicht ewig tickenden Bundesliga-Uhr. Das Pyro-Feuerwerk auf den Rängen in Bremen im Block der HSV-Ultras lässt Ungutes erahnen. Die Partie im Weser-Stadion stand kurz vor dem Abbruch.

Mit den Fan-Protesten gegen den Kommerz im Profifußball hatte das überhaupt nichts zu tun. Da ging es auch nicht darum, das - der Zweiten Liga immer näherkommende - Hollerbach-Team abzustrafen. Die vermummten Zündler waren rücksichtslos auf Krawall aus. Wäre den Chaoten in der zweiten Halbzeit nicht die Munition ausgegangen, dann hätte der HSV diese Partie mit hoher Wahrscheinlichkeit vor den Schranken der DFB-Gerichtsbarkeit verloren. Und wenig spricht dafür, dass diese gewaltbereiten Krawallmacher nicht auch das kommende Heimspiel nutzen werden als Bühne für ihren Zerstörungswahn.

96-Ultras gegen Machtübernahme

Auch die Ereignisse in Hannover wachsen sich zu einem Dauerproblem aus. Ultra-Gruppen wehren sich gegen die Machtübernahme durch den langjährigen Funktionär und Mäzen Martin Kind. Nachvollziehbar. Den Anhängern gefällt es nicht, dass der steinreiche Unternehmer mit Hilfe von drei nicht minder steinreichen Unternehmerkollegen handstreichartig den Klub in seinen Besitz bringen will. Doch längst stellt sich die Frage: Geht es den Kommerz-Gegnern bei diesem Konflikt noch um die Erhaltung des geerdeten Fußballs – oder geht es da nur noch um einen bedingungslos geführten Machtkampf?

Wenn eine kleine Minderheit im Stadion die Mehrheit der 96-Anhänger dominiert, zum Beispiel mit laustarken Störaktionen daran hindert, die eigene Mannschaft anzufeuern, dann wird es schwierig. Der Sport leidet unter einer Auseinandersetzung, die auf organisatorischer Ebene geführt werden muss. In diesem Moment nehmen sich die Bekämpfer der Übernahme durch Kind das Recht heraus, zur Bewahrung des eigenständigen Fußballs in Hannover das Stadionerlebnis komplett zu zerstören.