Rehberg in Evian: Mainz 05 trainiert im Regen

Los geht‘s in Évian-les-Bains: Bei der Ankunft am Mannschaftshotel kümmern sich Christian Clemens (links), Maximilian Beister (Mitte) und Florian Niederlechner um ihr Gepäck. Archivfoto: rscp / René Vigneron

Im Trainingslager in Evian fühlen sich Mainz 05 und Reinhard Rehberg willkommen. Am Samstagvormittag stand Training der 05er im "Stade Camille Fournier" auf dem Programm. Und...

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. In unserer langgezogenen Fußgängerzone in Evian ist an diesem Samstagmorgen Markt. Ein Stand neben dem anderen. Schmuck, Socken, Hausschuhe, Handtaschen, Gummibärchen, alles was das Herz begehrt und was wir hier nicht brauchen. Zeit zum Sondieren des Angebots haben wir eh nicht. Wir müssen zum Vormittagstraining der 05er im "Stade Camille Fournier". Und außerdem regnet es. Es regnet. Es ist immer noch warm, eher heiß. Aber es regnet. Eine nette Erfrischung aus den Wolken für die Spieler, die von ihrem Trainer Martin Schmidt noch immer Belastungsspitzen ausgesetzt werden. Der Höhepunkt ist zwar überschritten, aber es bleibt hart am Genfer See.

Zu weiten Teilen ist die konditionelle Basis gelegt in dieser Sommer-Vorbereitung. Fitness erarbeiten, dazu auch die nötige Mentalität - sich quälen und überwinden können unter heftigen klimatischen Bedingungen und zunehmender Müdigkeit -, diese Phase war dem Cheftrainer vor dieser Saison extrem wichtig. Fast noch wichtiger als die technisch-taktischen Elemente. Oder anders ausgedrückt: Ohne eine starke Physis und ohne einen starken Willen entfalten Technik und Taktik nicht die gewünschte Wirkung. Ganz davon abgesehen, dass bestimmte Prinzipien gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz von jeher abhängig sind von Topqualität in Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer, in der Spritzigkeit, Robustheit und Handlungsgeschwindigkeit. Das Schlüsselwort: Intensität.

Gestählte Physis erforderlich

Wer schon mit der Angriffsreihe konsequent anlaufen will, wer dahinter enge Abstände herstellen und die Passwege zustellen will, wer auf Ballhöhe permanent Überzahlsituationen herstellen will, wer eine Balljagd veranstalten will, wer nach Ballverlusten sofort das aggressive Gegenpressing starten will, wer nach Balleroberungen blitzschnell die offensive Umschaltung abfeuern will mit kurzen Ballkontakten und Laufwegen im Sprinttempo, der braucht eine gestählte Physis. Viel laufen, schnell laufen, oft schnell laufen, defensiv und offensiv stechen können, das ist die Grundlage für ein fußballerisches System, das in beide Richtungen auf Umschaltimpulse setzt.

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Die spielerischen und taktischen Prinzipien, die natürlich auch schon in vielen Belastungsformen mit Ball vorgekommen sind seit dem Trainingsstart, rücken jetzt in den Vordergrund. Und auch die Annäherung an den Wettkampf gegen zumindest ebenbürtige, zum Teil auch individuell überlegene Mannschaften. Da lässt sich dann auch abprüfen: Wie dringend brauchen die 05er noch einen neuen Torhüter? Wie dringend braucht der Trainer die gesuchte Innenverteidiger-Alternative? Wie dringend braucht Schmidt noch einen neuen Mittelstürmer?

Ein Naturbursche macht Tore

Nur ein Beispiel: Florian Niederlechner offenbart in den Spielformen im Training ein Profil, das es im heutigen Fußball nicht mehr so oft gibt - der Naturbursche aus Bayern macht Tore. Viele Tore. Schnelle Drehung, kurzer Abzug, ein Spannschlag mit rechts oder mit links, und die Kugel ist drin. Nun ist es interessant zu sehen, wie dieser robuste Mittelstürmer mit dem Kreuz eines Möbelpackers, der auch gegen den Ball gnadenlos und aufopferungsvoll schuftet, aussieht in einem Wettkampftest gegen Topprofis. Das lässt sich aus Trainingseindrücken nicht so einfach hochrechnen. Sehr spannend.

An morgigen Sonntag fahren wir die eineinhalb Stunden vom Genfer See nach Albertville. Um 19.30 Uhr testen die 05er dort gegen den AS St. Etienne. Die französische Erste Liga startet früher als die Bundesliga. Schon am 9. August laufen "Les verts" ("die Grünen") beim FC Toulouse auf. Die Mannschaft von Trainer Fabrice Graye ist in der Vorbereitung also einen Tick weiter als die 05er. Der AS St. Etienne war in der Vorsaison immerhin Fünfter, qualifiziert für die Europaliga. Martin Schmidt freut sich auf das Duell, weil der Gegner zu seiner Jugendzeit ein sehr renommierter Klub gewesen sei.

Und am Sonntag gegen St. Etienne

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Der 05-Coach ist 1967 geboren. Dann hat er als Neunjähriger vielleicht noch den größten Erfolg von "les verts" mitbekommen: Am 12. Mai 1976 stand der AS St. Etienne im Finale des Europapokals der Landesmeister, die Franzosen spielten an jenem Abend im Hampden Park in Glasgow den Titelverteidiger FC Bayern München phasenweise an die Wand - doch Franz "Bulle” Roth erzwang das 1:0-Siegtor für die Bayern. Das war der letzte große europäische Triumph für die Spielergeneration um Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck, Gerd Müller und Uli Hoeneß. Und auch der letzte große Triumph für einen Trainer, der im vergangenen April 90 Jahre alt geworden ist: Dettmar Cramer. Ein anderer Stern ging auf: Der damals erst 20 Jahre alte Karl-Heinz Rummenigge war im Hampden Park der beste Bayern-Stürmer.

Später ist es um den AS St. Etienne ruhiger geworden. Wenige Höhen und viel mehr Tiefen wechselten sich ab. Nun ist der Verein wieder im Aufwind. 2013 hat der Klub Pierre-Emerick Aubameyang an Borussia Dortmund verkauft. Als Nachfolger kam von Stade Rennes Mevlüt Erding nach St. Etienne. Der türkisch-französische Stürmer schoss in zwei Saisons 19 Tore. Und ab sofort soll der 28-Jährige viele Tore schießen für: Hannover 96.

Guinea-Nationalspieler Florentine Pogba (24) kickt für AS St. Etienne, das ist der ältere Bruder des umworbenen Juve-Stars Paul Pogba. Stephane Ruffier (28) zählt zu den besten Torhütern in Frankreich. Linksverteidiger Benoit Assou-Ekotto (31) hat schon bei den Tottenham Hotspurs sein Geld verdient. Kapitän Luc Perrin steckt seit 2003 im grünen Trikot.

Das wird ganz sicher ein erster ernsthafter Test für die 05er. In Albertville. Standort der Olympischen Winterspiele von 1992. Die Deutschen gewannen damals in den französischen Alpen zehn Goldmedaillen - kurz nach der Wende fast alle errungen von Stars aus dem DDR-Staatsdopingsystem. Ganz ehrlich, mir wäre nicht eine einzige mehr eingefallen. Liest man nach, kommt die Erinnerung allmählich wieder. Die Biathlon-Männerstaffel mit Ricco Groß, Mark Kirchner (heute Bundestrainer) und Fritz Fischer zum Beispiel; dazu Kirchners Sieg über die 10-Kilometer-Strecke. Oder Gunda Niemann im Eisschnellauf über die 3000 Meter. Und dann noch Pech und Enttäuschungen: Die alpinen Skifahrer Markus Wasmeier und Katja Seizinger verpassten jeweils nur um wenige Hundertstelsekunden Bronze im Abfahrtslauf. Oder das dramatische Aus der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Kanada (als Weltstar Eric Lindros den entscheidenden Penalty verwandelte). Also, das war Albertville 1992.

Und nun flugs wieder zum Fußball.