Rehberg: Ist Spanien jetzt noch ein WM-Titelkandidat?

Julen Lopetegui. Foto: dpa

Ein überstürzter Trainer-Wechsel bei den Spaniern wirft Fragen auf. Kann die Mannschaft nun noch zu den Titelkandidaten der WM zählen? Reinhard Rehberg hat sich den Vorgang...

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. Drei Tage vor Turnierbeginn hat einer der Titelanwärter den Trainer rausgeworfen. Spinnen die Spanier? Unter dem gefeuerte Julen Lopetegui hat Spanien in den vergangenen 20 Spielen keine Niederlage mehr erlebt. Und dann kam kurz vor dem WM-Start der Anruf aus Madrid. Verbandschef Luis Rubiales bekam mitgeteilt: Lopetegui hat bei Real Madrid einen 3-Jahres-Vertrag unterschrieben. Und das stürzte die für die spanische Nationalmannschaft verantwortlichen Männer in einen Konflikt.

Juristisch ist da alles in Ordnung. Der Nationaltrainer hatte seinen Kontrakt mit dem Verband gerade erst verlängert. Aber welche Bedeutung hat eine solche Vereinbarung, wenn eine Option einen Ausstieg erlaubt, sobald ein Interessent zwei Millionen Euro Entschädigung auf den Tisch legt? Das erinnert stark an den Fall Niko Kovac. Prinzipiell darf niemand überrascht sein, wenn diese Klausel dann auch zur Anwendung kommt. Die Eintracht hat sich bei Kovac über den Zeitpunkt der (rechtlich einwandfreien) Abwerbung aufgeregt und auch darüber, dass der FC Bayern den Klub nicht informiert habe. Der spanische Verband regt sich nun über den Zeitpunkt der (rechtlich einwandfreien) Abwerbung auf und darüber, dass er erst drei Tage vor WM-Beginn von Real darüber informiert worden ist. Man möchte einwenden: Lasst diese Ausstiegsoptionen weg – genau dann gibt es immer die Möglichkeit, rigoros Nein zu sagen.

Nun wird berichtet, die spanischen WM-Spieler vom FC Barcelona hätten sich dagegen verwehrt, vom künftigen Real-Coach durch dieses Turnier navigiert zu werden. Deshalb habe der Verbandschef handeln müssen. Mag sein. Aber einleuchtend ist das nicht. Der Vorgänger Vicente del Bosque, der die Spanier 2010 zum Weltmeister und 2012 zum Europameister gemacht hat, war und ist eine Real-Legende. Lopateguis Blitznachfolger Fernando Hierro war und ist eine Real-Legende.

Brüskiert gefühlt?

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In der spanischen Nationalmannschaft hat es immer eine Distanz gegeben zwischen den Barca- und den Real-Profis, mal mehr, mal weniger. Das kann jetzt nicht der Grund sein für diesen überstürzten Trainerwechsel. Wahrscheinlicher ist, dass der Verbandspräsident sich brüskiert gefühlt hat von der eigenwilligen Kommunikationsstrategie der Real-Führung. Und das Gefühl, dass Lopetegui während der WM-Vorbereitung mit den Real-Verantwortlichen verhandelt hat, eine Kaderplanung besprochen hat, mögliche Sommerzugänge abgeklopft hat, dürfte zu Misstrauen geführt haben. Und dass der Nationaltrainer während des Turniers dann auch noch von Journalisten danach gefragt werden könnte, ob Cristiano Ronaldo den Klub wechseln darf, ob Gareth Bale gehen darf, ob Neymar kommt, ob Interesse an Robert Lewandowski besteht usw., das ist natürlich auch keine für die Atmosphäre förderliche Aussicht.

Muss man die Spanier jetzt noch zu den Titelkandidaten zählen? Die Vernunft sagt: Nur noch bedingt. Hierro hat überhaupt keine Möglichkeiten mehr, eigene spielerische und taktische Vorstellungen zu trainieren und zu implantieren. Er ist, ohne jede Trainererfahrung im Erstligafußball, dazu gezwungen, die von Lopetegui erarbeiteten Grundlagen zu übernehmen und den Prinzipien blind zu vertrauen. Hierro muss die sich belauernden Barca- und Real-Profis neu zusammenführen. Dafür braucht es Macht, Autorität, Führungsstärke. Das kann Hierro so schnell nicht aufbauen. Spanien im Halbfinale, das wäre schon ein ganz großer Erfolg.