Rehberg: Johan Cruyff - Erinnerungen an einen Weltstar

Johan Cruyff im Duell mit Paul Breitner (links) und Berti Vogts (rechts) im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in München. Foto: dpa

Einer der größten Fußballer ist von uns gegangen. Der holländische Weltstar Johan Cruyff ist im Alter von 68 Jahren an Krebs gestorben. Unser Kolumnist Reinhard Rehberg...

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. Die Rede ist von einem Fußballer, der in seiner Jugend derart schmächtig und kraftlos war, dass er im Alter von 15 Jahren noch keinen Eckball bis in den Strafraum schießen konnte. Mit 17 Jahren debütierte er aber schon in der Ersten Liga, in Holland. Der dürre Lappen Hendrik Johannes Cruyff wog damals immer noch nicht mehr als knapp 60 Kilo. Aber die brillante Technik, die Leichtfüßigkeit, die Wendigkeit des in einer Siedlung in unmittelbarer Nähe des Amsterdamer Stadions aufgewachsenen Jugendspielers faszinierten den Ajax-Trainer. Das war 1964/65 Vic Buckingham. Der harte Engländer schickte den dünnen Cruyff regelmäßig zum Muskelaufbautraining. Diese Einheiten soll das Riesentalent, das heimlich rauchte wie in Schlot, ebenso regelmäßig geschwänzt haben.

Guardiolas Inspirator und Lehrmeister

Was nichts daran ändern konnte, dass Johan Cruyff einer der besten Fußballer in der Geschichte dieser Sportart wurde. Ein Weltstar. Eine eigenwillige, unabhängige Persönlichkeit. Die später auch als Trainer den Fußball revolutioniert hat. Wenn das heutige Trainergenie Pep Guardiola gefragt wird, wer sein wichtigster Inspirator und Lehrmeister war, dann sagt der Ballbesitzfanatiker vom FC Bayern nur zwei Worte: Johan Cruyff.

Cruyffs Vater war früh gestorben, die Mutter musste den elterlichen Gemüseladen aufgeben, sie fand eine Anstellung bei Ajax Amsterdam als Putz- und Kantinenfrau. Ihr 12 Jahre altes Söhnchen, bis dahin ein Straßenkicker, meldete sie in der D-Jugend an. Damit sie nachmittags ein Auge hatte auf das umtriebige Kerlchen. 15 Jahre später stand Johan Cruyff im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. 1974. Jüngere Leser haben das nicht erlebt. Deshalb ein paar Sätze zu diesem Finale.

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Erinnerungen an München 74

Deutschland gegen Holland. Im Münchner Olympiastadion. Der deutsche Libero Franz Beckenbauer gegen den holländischen Spielmacher und Torjäger Johan Cruyff. Damals die beiden besten Fußballer auf dem Erdball. Die Holländer hatten bis zum Finale ein überragendes Turnier gespielt. Die Finalrunde war ein Triumphmarsch: 4:0 gegen Argentinien, 2:0 gegen die DDR, ein rauschendes 2:0 im Dortmunder Westfalenstadion gegen Brasilien unter der Trainerlegende Mario Zagallo und mit dem großen Spielmacher Rivelino. Der überragende Turnierspieler: Johan Cruyff - der beim 2:0 gegen die Brasilianer ein fantastisches Tor geschossen hatte.

Helmut Schön wusste: Cruyff muss ausgeschaltet werden. Der deutsche Nationaltrainer stellte dafür seine Abwehr um. Rechtsverteidiger Berti Vogts, genannt „Der Terrier“, ging in die Manndeckung gegen den Oranje-Star, der nominell Mittelstürmer war, der sich aber überall auf dem Feld herumtrieb. Anpfiff. Ein unwiderstehlicher Sololauf von Cruyff, Vogts orientierte sich noch schüchtern, Uli Hoeneß erkannte die Gefahr und grätschte den Holländer um. Foulelfmeter nach wenigen Sekunden. Ein Hammer von Johan Neeskens. 0:1. Der Rest ist bekannt. Vogts hing wie ein Klette an Cruyff, er nervte den impulsiven Star. Der erging sich in Reklamationen. Auch noch nach dem Halbzeitpfiff. Schiedsrichter Jack Taylor zeigte dem wütenden holländischen Kapitän beim Gang in die Kabine die Gelbe Karte. Da führten die Deutschen nach Toren von Paul Breitner und Gerd Müller mit 2:1. Torhüter Sepp Maier und Abwehrchef Beckenbauer retteten das Ergebnis nach der Pause über die Zeit. Deutschland wurde Weltmeister. Jahre später wurden die Freunde Beckenbauer und Cruyff ausgezeichnet als „Europas Fußballer des Jahrhunderts“.

„Voetbal Total“

Cruyff hat schwerelos gespielt. Wie will man ihn beschreiben? Er hatte den Antritt eines Diego Maradona, er hatte die Dribbelfähigkeiten eines Lionel Messi, er spielte Pässe wie Günter Netzer, er hatte die Abschlusstechnik und den Abschlussinstinkt eines Gerd Müller. Der Ball klebte an seinem Fuß. Cruyff war ein das Spiel lenkender Mittelstürmer und Torjäger. Der willensstarke, oft auch zornige, unbeugsame Techniker war immer der Kopf seiner Mannschaft. In seiner letzten Saison als Spieler führte er im Alter von 36 Jahren als Mittelfeldregisseur noch Feyenoord Rotterdam zum Meistertitel. Mit Ajax hatte er dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister (1971, 1972 und 1973) gewonnen. Eine Ära. Dann wechselte er zum FC Barcelona. Dort hatte der Star wenig Spaß mit dem nicht minder sturköpfigen deutschen Trainer Hennes Weisweiler.

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Als Trainer perfektionierte Cruyff bei seinem Heimatklub den von Rinus Michels erfundenen „Voetbal Total“. 4-3-3 mit ständigen Positionsrochaden, erdrückende Dominanz über eigenen Ballbesitz. Von 1988 bis 96 regierte „König Johan“ beim FC Barcelona. Er warf den Individualisten Bernd Schuster aus der Elf, sein Spielorganisator wurde der mannschaftsdienliche Pep Guardiola. Cruyff entwickelte den technisch hochwertigen Kombinationsfußball immer weiter. Er war der Mitbegründer der legendären Barca-Jugendakademie „La Masia“, Cruyff bestimmte viele der bis heute gültigen Ausbildungsinhalte. Jahrelang fungierter noch als Berater des Barca-Präsidiums. Als späterer Zeitungskolumnist und TV-Kommentator war und blieb er der härteste Kritiker aller holländischen Nationaltrainer.

Johan Cruyff ist in dieser Woche im Alter von 68 Jahren in seiner Wahlheimat Barcelona gestorben. Ein großer Verlust für den Fußball.