Rehberg: Jürgen Klopps letzter Gang

Jürgen Klopp und Thomas Tuchel gemeinsam im November 2012 in Mainz. Archivfoto: dpa

Was wird in Jürgen Klopp an diesem Samstag vorgehen? Das letzte Spiel als Trainer von Borussia Dortmund. Wenn man von der Sonne geküsst ist, dann ist dieser letzte Gang eben...

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. Was wird in Jürgen Klopp an diesem Samstag vorgehen? Das letzte Spiel als Trainer von Borussia Dortmund. Wenn man von der Sonne geküsst ist, dann ist dieser letzte Gang eben mal ein DFB-Pokalfinale vor 80.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion. Der Karrierefilm wird im Kopf des 47-Jährigen nicht ablaufen. Mental und emotional wird es in dem impulsiven Fußballlehrer nur in eine Richtung wüten und toben: Wie schlage ich den VfL Wolfsburg?

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie Klopp seine Mannschaft - die ihm in dieser Spielzeit nur noch bedingt gefolgt ist -, noch einmal heiß machen wird wie Lava, das sich nach einem Vulkanausbruch über einer friedlichen Naturlandschaft verströmt.

Seit dem Februar 2001 ist Klopp Fußballtrainer. In diesen 14 Jahren hat er für nur zwei Klubs gearbeitet und gelebt: siebeneinhalb Spielzeiten für den FSV Mainz 05, sieben Saisons für Borussia Dortmund. Das nennt man Nachhaltigkeit. Begonnen hat es am Aschermittwoch 2001, Nachholspiel am Bruchweg gegen den MSV Duisburg (1:0). Nach exakt einer einzigen gemeinsamen Trainingseinheit, deren Inhalte stammten aus der Feder seines Trainer-Vorbildes Wolfgang Frank.

Alles rausfeuern

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Und was hat die vom gealterten und verletzten, in jener Woche auch kranken Spieler zum Jungtrainer beförderten Führungsfigur der Mannschaft in seiner ersten Teamsitzung erzählt: Er hat seinen damals am Boden liegenden Spielern einen emphatischen Vortrag gehalten über den gewaltigen und immer wieder entscheidenden Unterschied zwischen 95 Prozent Einsatzbereitschaft und Willenskraft und 100 Prozent Einsatzbereitschaft und Willenskraft.

Das war genau das, was Klopp vermisst hatte in jener Ansprache von Reinhard Saftig, als die 05er unter diesem Trainer 1997 das "Zweitliga-Endspiel" beim VfL Wolfsburg mit 4:5 verloren. Die Bereitschaft, alles rauszufeuern, was Körper und Geist an diesem Tag hergeben, diesem Thema ist Klopp treu geblieben in diesen 14 Jahren. Und wir dürfen davon ausgehen: Das wird auch an diesem Samstag in Berlin der Kernpunkt der Endspielrede sein, verbunden mit dem Bild, wie die Mannschaft nach dem möglichen Triumph ein letztes Mal mit Klopp auf dem Lastwagen um den Dortmunder Borsigplatz fahren wird, gefeiert von 30.000 begeisterten Menschen.

Perfekter Abschied

Das wäre ein Abschiedsfest für den scheidenden Trainer, das den sieben erfolgreichen Jahren mit zwei Meistertiteln (2011 und 2012), dem DFB-Pokalsieg 2012 - und vielleicht auch 2015 - sowie dem Champions-League-Finale 2013 angemessen wäre.

Die Mainzer werden Jürgen Klopp und seinen Weggefährten seit den alten Bruchwegzeiten, Zeljko Buvac und der Gonsenheimer Peter Krawietz, diese Party gönnen. Auch wenn beim Finalgegner der Weltmeister André Schürrle unter Vertrag steht, der sein überragendes Können der Nachwuchsausbildung am Bruchweg zu verdanken hat - und der den 05ern die Rekordtransfereinnahme von knapp 14 Millionen Euro beschert hat.

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Tuchel unter gewaltigen Druck

Und am 1. Juli übernimmt dann Thomas Tuchel die Borussia. Wieder ein ehemaliger 05-Trainer. Dem es heute sicher lieber wäre, wenn sein einstiger 05-Schützling Schürrle im Sommer 2014 sich nicht nach Wolfsburg, sondern nach Dortmund begeben hätte.

Tuchel steht dann im Kohlenpott unter einem gewaltigen Druck. Denn der Matchplan-Architekt soll Klopps tempogeladene Umschaltjagd verfeinern, anreichern mit passintensiven Ballbesitzphasen. Ein spannendes Projekt. In Mainz hat das in einer anderen Konstellation nur sehr bedingt funktioniert.

Da wollte der von Klopp belobigte Kasper Hjulmand die von Tuchel geprägte Umschaltpower (die auch schon passintensivere Phasen beinhaltete) komplett ersetzen durch ruhigen, geduldigen Ballbesitzfußball. In diese Radikalkur hatte Manager Christian Heidel, der Klopp und Tuchel ihre Trainerkarrieren hat starten lassen, ab dem 21. Spieltag kein Vertrauen mehr. Spannend zu beobachten, ob der taktisch meisterliche, sozial aber nicht sonderlich verträgliche Tuchel diese Herausforderung in Dortmund meistert. Mit einem zweiten DFB-Pokal-Triumph an diesem Samstag in Berlin würde Klopp seinem Nachfolger einen noch schwerer beladenen Rucksack hinterlassen.