Rehberg: Jürgen Kramny, die Schwabenschule des VfB Stuttgart...

Einer aus der Schwabenschule mit 05-Vergangenheit: Jürgen Kramny, Interimstrainer beim VfB Stuttgart.  Foto: dpa

Für den VfB Stuttgart war Jürgen Kramny nach dem Rauswurf von Alexander Zorniger eine durchaus folgerichtige Entscheidung, findet Reinhard Rehberg. Den Kern seiner Spieler-...

Anzeige

. Thomas Tuchel hat mal erzählt, dass er die wichtigen Teile seines immensen Wissens als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart eingetrichtert bekommen habe. An jener Akademie, die Ralf Rangnick zu Beginn der 1990er-Jahre als Nachwuchschef in Stuttgart gegründet und mit Inhalten gefüllt hat. Das Problem: Absolventen dieser klubinternen Trainerschule arbeiten inzwischen breit gestreut im deutschsprachigen Raum – nur für sich selbst findet der VfB keinen tauglichen Cheftrainer aus dem eigenen Haus.

Aktuell scheint Robin Dutt gewillt zu sein, mit Gewalt einen Schwabenkopf durchzusetzen. Der Sportdirektor hat den grenzenlos selbstbewussten Sturschädel Alexander Zorniger, ein klassischer schwäbischer Rangnick-Zögling, nach nicht mal einem halben Jahr beurlaubt. Der bayrische Schwabe Thomas Tuchel ist für den VfB nicht mehr zu haben. Der schwäbische Rangnick-Zögling Markus Gisdol ist nach seiner Entlassung in Hoffenheim gerade nicht vermittelbar. Der Chef-Schwabe Rangnick hat gar keine Zeit, der ist damit beschäftigt, RB Leipzig in die Bundesliga zu hieven. Ein zweiter Versuch mit den Schwaben Jogi Löw (VfB-Coach von 1996 bis 98) oder Thomas Schneider (VfB-Coach von August 2013 bis März 2014) würde sich anbieten, aber das Duo muss für den DFB zunächst noch die EM 2016 in Frankreich gewinnen.

Logische Interimslösung für den VfB

Wer blieb da noch übrig für Dutt? Richtig. Jürgen Kramny. Der ist Schwabe (geboren in Ludwigsburg), der hat als Jugendlicher die VfB-Schule durchlaufen, der war schon als Talent Deutscher Meister mit dem VfB (1992), der war U19-Trainer im Klub und seit 2011 U23-Trainer. Jürgen Kramny, eine logische Interimslösung, zunächst mal bis Weihnachten. Der nicht unumstrittene Robin Dutt hofft darauf, Kramny möge eine Karriere machen wie in Gladbach die anfängliche Interimslösung Andre Schubert. Als Mainzer würde man dem VfB zu etwas mehr Demut raten: Der Werdegang von Martin Schmidt am Bruchweg ist auch kein schlechtes Vorbild. Aber das können die Beteiligten ja am Freitagabend diskutieren. Wenn der beförderte U23-Coach Kramny mit dem VfB Stuttgart in der Coface Arena auf dem Prüfstand steht - gegen den ehemaligen Mainzer U23-Coach Martin Schmidt.

Anzeige

Eigentlich müsste Jürgen Kramny die Ideallösung sein. Denn der Schwabe vereint die Mainzer Fußballphilosophie mit dem Stuttgarter Ausbildungsmodell. Kramny hat 12 Jahre in Mainz gewohnt und gearbeitet. Acht Jahre als 05-Spieler. Neben Jürgen Klopp und unter Jürgen Klopp. Letzterer war Kramnys Freund und Zimmerkollege. Nachdem Christian Heidel den kränkelnden Abwehrroutinier Klopp am Fastnachtsdienstag 2001 in hoher Abstiegsgefahr zum Interimstrainer ernannt hatte, einen Tag vor dem Zweitliga-Nachholspiel am Bruchweg gegen den MSV Duisburg, da redeten sich die Schwaben Klopp und Kramny auf ihrem Hotelzimmer in Bad Kreuznach die halbe Nacht die Köpfe heiß. Topthema: Wie hätte der Schwabe Wolfgang Frank das jetzt gemacht?

Zwei Mal gescheitert, dann ging´s in die erste Liga

2001/02 blieb Kramny unter Klopp der Mittelfeldchef, 33 Einsätze, sieben Tore, der Aufstiegsversuch scheiterte am letzten Spieltag bei Union Berlin. 2002/03 blieb Kramny ein wichtiger Spieler, der Aufstiegsversuch scheiterte am letzten Spieltag in Braunschweig. 2003/04 die Aufstiegsfeier am Bruchweg nach dem 3:0 gegen Eintracht Trier, Kramny war immer noch dabei. Und wo erlebten die 05er zwei Monate später ihr erstes Bundesligaspiel in der Klubhistorie? Natürlich in Stuttgart. 2:4 unterlag die Klopp-Elf, Kramny kam in der 46. Minute für Antonio da Silva aufs Feld.

Die Freundschaft zwischen Klopp und Kramny hatte da schon gelitten. Weil der Trainer den blendenden Techniker, der nicht so gerne grätschte, immer öfter auf die Bank setzte. Im Sommer 2005 teilte Klopp dem Kumpel mit: Ende, du bekommst keinen neuen Vertrag mehr. Kramny wechselte verärgert in die Regionalliga Südwest, zum SV Darmstadt 98, trainiert von Bruno Labbadia. Ein halbes Jahr später kehrte der Routinier zurück, in die Oberligaelf der 05er. 2006 wurde Kramny am Bruchweg U19-Trainer. Sein Nachfolger, zwei Jahre später? Der in Stuttgart ausgebildete Thomas Tuchel. Die Umbesetzung wurde nötig, weil Kramny 2008 befördert wurde zum Co-Trainer von Klopp-Nachfolger Jörn Andersen. Der gefeierte Wiederaufstieg 2009. Dann musste der Norweger gehen, Kramny wurde in Sippenhaft genommen. Thomas Tuchel wurde in Mainz Bundesligatrainer.

Und was passiert nun in Mainz?

Anzeige

Jürgen Kramny wechselte 2010 nach Stuttgart. Als U19-Trainer. Nach nur drei Monaten folgte im Oktober direkt die Berufung zum Co-Trainer des - aus dem eigenen Haus stammenden - neuen Cheftrainers Jens Keller. Das „Schwaben-Experiment“ wurde bereits im Dezember wieder beendet. Keller flog raus. Kramny kehrte zu seiner U19 zurück. Seit 2011 leitete der 44-Jährige die U23 an. Und jetzt endlich die Cheftrainer-Chance. 1:4 in Dortmund, da wehrte sich der VfB lange tapfer. 1:1 gegen Werder Bremen, da ging dem VfB nach einer ordentlichen ersten Halbzeit der Strom aus. Und nun in Mainz, der Ort, an dem Kramny den Kern seiner Spieler- und den Start seiner Trainerkarriere erlebt hat. Die 05er haben 23 Punkte, der VfB als Tabellenvorletzter elf. Was das zu bedeuten hat für diese 90 Minuten unter Flutlicht, das lesen Sie im Donnerstag-Blog.