Rehberg: Kein Krisenszenario, kein Schicksalsspiel

Kasper Hjulmand. Foto: dpa

Der FSV Mainz 05 steckt in einem Negativtrend. Die Mannschaft von Kasper Hjulmand hat zuletzt von 15 möglichen Punkten nur zwei vom Boden aufgelesen. Zwischen den beiden...

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. Exakt jetzt beginnt die Zeit, in der man die ersten Fehler machen kann. Der FSV Mainz 05 hat aktuell keine gute Phase. Da geht es um eine kritische Situationsbewertung, die eine Mitte findet zwischen der nötigen schonungslosen Fehleranalyse und unangebrachten Panikattacken. Die richtige Mischung zu finden, darin haben die Verantwortlichen in diesem Klub Übung.

Psychologisch betrachtet kennen wir zunächst mal ein alt bekanntes Phänomen: Wer den Weg von relativ weit oben nach unten angetreten hat, der spürt schnell eine Weltuntergangsstimmung trotz erträglicher Tabellenkonstellation und eines ordentlichen Punkteertrags - wer von ganz unten leicht nach oben strebt, der stapft noch immer mitten durch den Matsch, sieht aber nach nur ein, zwei Erfolgen den strahlenden Sonnenschein. Soll heißen: Klubs wie der VfB Stuttgart, Werder Bremen oder nach Heimspielen auch der Hamburger SV hängen nach wie vor tief hinten drin, deuten ihre Spielweise aber extrem positiv. Dort herrscht Aufbruchstimmung trotz mageren 12, 13 Punkten auf dem Konto. Die 05er dagegen haben zuletzt von 15 möglichen Punkten nur zwei eingefahren, da werden die 16 Zähler auf der Tafel gedeutet als: Oh weh, jetzt wird es aber verdammt eng, wir steuern auf die Katastrophe zu!

Negativtrend, kein Abstiegskampf

Wir halten fest: Vor dem 14. Spieltag kann man einen Negativtrend haben - aber in dieser Saisonphase beginnt noch nicht der Abstiegskampf - mit all seinen belastenden Begleiterscheinungen. Von daher ist auch die anstehende Partie beim Hamburger SV, der seinen Rückstand auf die Mainzer im Erfolgsfall auf einen Zähler verkürzen kann, alles andere als das berühmte Schicksalsspiel. Denn danach sind bis zum 34. Spieltag noch satte 60 Punkte zu verteilen. Das ist viel.

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Überhaupt nicht zu früh ist es für eine schonungslose Analyse der sportlichen Situation. Wir halten fest: Zwischen den beiden Strafräumen macht die Mannschaft von Kasper Hjulmand nette Sachen, doch in den beiden Strafräumen, dort, wo letztlich immer in Defensive und Offensive das Ergebnis produziert wird, da lässt sich eine lange Mängelliste notieren.

Risse im Mainzer Bauwerk unübersehbar

Die Schwachstellen nun im Detail immer wieder neu aufzuzählen, das macht keinen Sinn. Alles bekannt. Mangelndes Engagement kann man den 05-Profis nicht vorwerfen. Der Trainer? Kasper Hjulmand geht unbeirrt seinen Weg. Den kann man gut finden oder kritisch betrachten, man kann auf den vom Trainer eingeforderten Entwicklungszeitfaktor bauen oder man kann die ersten großen Alarmglocken läuten, Tatsache ist: Nur Ergebnisse weisen in der Bundesliga den Weg. Siehe Borussia Dortmund.

Die Basis für Ergebnisse sind ein starker Trainer, wirkungsvolle fußballerische Inhalte, passende Spielstrategien, individuelle und kollektive Form, Gemeinschaftssinn und eine Energie frei setzende Atmosphäre im Kader, im Klub und in der Stadt. Risse in diesem Mainzer Bauwerk sind unübersehbar. Auf dem ein oder anderen Stockwerk.

Passkunst kein Mittel im Abstiegskampf

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Worum geht es bis Weihnachten? Es geht darum, um jedes Ergebnis mit konsequentem Pragmatismus zu ringen und einen kompletten Absturz zu vermeiden. Das Zwischenzeugnis unterm Weihnachtsbaum hat Auswirkungen auf das zweite Halbjahr. Geht diese Mannschaft mit einem Krisenszenario ins neue Jahr, dann kann die Rückrunde sehr problematisch werden. Passkunst ist nicht das Mittel der Wahl im Abstiegskampf, das lehrt die Erfahrung. Spätestens dann braucht es als Grundhaltung Aggressivität, Defensivsicherheit und Qualität in der offensiven Umschaltung. Utopische Gegentore, spielerische Dominanz ohne Ertrag, Leistungsabfall in der zweiten Halbzeit und eine sinkende Überzeugungskraft sind dann nicht mehr kompensierbar.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Kasper Hjulmand ist ein in hohem Maße befähigter, taktisch versierter, hoch intelligenter Fußballlehrer. Ob seine anspruchsvollen Vorstellungen von dieser Sportart in diesem Klub zum Ziel führen, das ist eine andere Frage. Was aber nicht ausschließt, dass der 05-Trainer seiner Mannschaft schon in Hamburg eine andere Gangart verordnet. Selbst ein Pep Guardiola hat beim überlegenen FC Bayern - nach einem Ausscheiden im Halbfinale der Champions League - seine in Barcelona gelebten Vorstellungen vom Passexorzismus und von Kombinationskunsttoren relativiert. Mit der Begründung, er sei bereit, sich an die in Deutschland herrschende Fußballkultur in bestimmten Bereichen anzupassen. Ganz davon abgesehen: Eines der wichtigsten Stilmittel des Welttrainers beim Ballbesitz-Ungetüm FC Barcelona war: die gnadenlose Balljagd im Gegenpressing.

Muster erkennbar

Thomas Tuchel hatte diese Phasen in jeder seiner fünf Spielzeiten am Bruchweg. Irgendwann brach immer wieder der Anspruch durch beim Lehrmeister: Wir müssen dominanter werden im eigenen Ballbesitz. Dann passte sich die Mannschaft drei, vier, fünf Spiele einen Wolf, die Ergebnisse blieben aus - und Tuchel ging wieder ein, zwei Schritte zurück in Richtung Pressing- und Umschalttempofußball. Die Ergebnisse stellten sich wieder ein. Das war wie ein Muster. In dieser Beziehung war der eigenwillige Fußballlehrer durchaus weit entfernt von Eitelkeiten.

Kasper Hjulmand ist angetreten mit dem Anspruch, Ballbesitzphasen zu mischen mit Umschaltphasen, eine tiefe, engmaschige Verteidigung zu mischen mit nach vorn verschobenen Pressing-/Gegenpressingmomenten. Das ist in der Theorie nicht weit entfernt vom Vorgänger. In der Praxis allerdings sind die für mehr Torgefahr sorgenden offensiven Umschaltautomatismen und die Pressingprinzipien noch nicht verankert. Arbeitsthese: Das sind zentrale Punkte, an denen bessere Ergebnisse scheitern.