Rehberg: Konzentrierte Maloche bringt wichtigen Punkt

Vergeben: Yunus Malli verzieht freistehend vor Bayer-Torwart Leno, links Hakan Canhaloglu. Foto: dpa

Nachdem an diesem Spieltag auch Hinterbänkler punkteten, war der Punkt für die 05er in Leverkusen Gold wert, findet Reinhard Rehberg im Blog. Er beleuchtet auch verdaddelte...

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. In der unteren Tabellenhälfte tobt der Aufstand. Die Hinterbänkler punkten. Auch vor diesem Hintergrund war der Punkt für die 05er in Leverkusen Gold wert. Und natürlich sorgt das hart erkämpfte 0:0 in der BayArena für eine positive Stimmung im Kader vor der Ligapause wegen der anstehenden Länderspieltermine. Kurz zusammengefasst: Die Mainzer hatten eine stabile und konstruktive erste halbe Stunde in Leverkusen mit diversen (verdaddelten) Umschaltmöglichkeiten, zwischen der 34. und 63. Minute hätten die Gastgeber die Partie mit ihren sieben Großchancen entscheiden können (müssen) - der großartige 05-Torwart Loris Karius rettete sein Team in dieser Wackelphase mit überragenden Abwehraktionen -, danach ging Bayer etwas die Luft aus und die 05er brachten das Remis mit einer konzentrierten Malocherleistung nach Hause.

Analysieren wir diese Vorstellung der Elf von Kasper Hjulmand mal nach zwei Gesichtspunkten.

1. Die Arbeit gegen den Ball

Das war die Basis für den Punktgewinn. Gute Raumaufteilung, enge Abstände zwischen den Linien, große Sicherheit im Defensivzentrum. Flexibilität in der mannschaftlichen Verschiebebewegung. Tummelte sich Bayer mit Ball in der gegnerischen Hälfte, dann verteidigten die 05er tief, vielbeinig, engmaschig - der eigene Strafraum war lange eine Hochsicherheitszone. Baute Bayer von hinten raus auf, dann gab die letzte Mainzer Reihe das Signal, weit nach vorne zu verschieben. Das hielt den Favoriten 30 Minuten lang weit von den torgefährlichen Zonen. Probleme gab es am rechten Flügel, wo Junior Diaz viel zu tun hatte mit dem sprintgewaltigen Dribbler Karim Bellarabi, der an fast allen Leverkusener Chancen irgendwie und irgendwo beteiligt war.

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Was die 05er aber sehr gut lösten: Die gefürchteten Umschaltüberfälle des Gegners durch das Zentrum in die Tiefe funktionierten diesmal nicht, da standen die Gäste über 90 Minuten sehr gut geordnet, mit Absicherungen nach hinten, mit giftigem Zweikampfverhalten. Die Sicherheit der beiden Innenverteidiger Niko Bungert und Stefan Bell (ein Riesenfehler) strahlte auf die gesamte Elf ab. Insgesamt eine starke Kollektivleistung in der Defensive - auch wenn es des perfekten Keepers Karius bedurfte, um die 90 Minuten ohne Gegentor zu überstehen. Aber: Der Gegner spielt nun mal auch in der Champions League.

2. Eigener Ballbesitz

Die größte Leistung bestand zunächst einmal darin, dass das gefürchtete Angriffspressing von Bayer nahezu keine Wirkung erzielte. Die 05er schlugen die Bälle meist hoch über die ersten beiden Pressingwellen hinweg, oft über Karius. Das war klug. Viel zu wenig machten die 05er daraus, wenn sie die Pressinglinien spielerisch überwanden. Daraus resultierte nur eine einzige Torchance. 19. Minute: Bell steckte zwischen den Bayer-Angreifern hindurch zu Johannes Geis, der Mittelfeldspieler überwand die zweite Pressinglinie mit einem Diagonalball auf die Seite, Junior Diaz flankte von links, Yunus Malli stand frei im Strafraum und verzog - etwas lapidar für einen Zehner, der bis dahin stark aufspielte und sich Selbstvertrauen erarbeitet haben sollte.

Die offensiven Positionen funktionierten grundsätzlich: Geis verteilte von hinten, Julian Baumgartlinger schleppte Bälle, Malli fand freie Räume zwischen den Bayer-Linien, Okazaki und Jairo rissen Lücken mit ihren Laufwegen. Das Problem: Passpräzision, Ballannahme, die offensiven Zweikämpfe und die Laufwege in die Tiefe funktionierten nicht im Angriffsdrittel. Das bleibt ein Schwachpunkt, der viele gute Ansätze versanden lässt. Diesmal insbesondere nach Gegenpressingerfolgen, da öffneten sich bis zur Pause immer wieder bespielbare Räume, aber die 05er streuten unzählige der genannten Fehler ein.

In der zweiten Halbzeit, auch das zieht sich wie ein roter Faden durch diese Saison, ließ das Mainzer Team stark nach im konstruktiven Spielaufbau und im schnellen Umschaltspiel. Bayer verteidigte zweifellos aggressiv nach vorne, aber die 05er ließen sich auch zu leicht abkochen. Und vorne hielt keiner den Ball: Okazaki nicht, der schnelle, aber zu wenig durchsetzungskräftige Jairo nicht, der eingewechselte Sami Allagui nicht, Malli fiel zu schnell um nach einfachen Körperkontakten - und dem defensiv wie immer aggressiv und wirkungsvoll schuftenden Baumgartlinger unterliefen schon im Umschaltansatz zu viele Fehlpässe/Ballverluste.

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Fazit

Die 05er haben im eigenen Ballbesitz noch sehr viel Arbeit vor sich, insbesondere in den Passmustern und in der Angriffsauflösung, also im Erarbeiten von Torchancen mit besseren Laufwegen und mehr Willenskraft im Eins-gegen-Eins. Der verletzte Jonas Hofmann wird stark vermisst, er ist aktuell der einzige Stürmer, der auch mal nur auf der Grundlage seiner individuellen Klasse Torgefahr erzeugen kann. Positiv zu vermelden ist die zurückgekehrte Überzeugung, Ordnung und Aufmerksamkeit in der Defensivarbeit.

Ein Blick auf Malli...

Bliebe noch ein Blick auf Yunus Malli. Der Techniker macht in seiner Entwicklung gerade große Schritte weg von der drohenden Einstufung als "ewiges Talent". Der deutsche U21-Nationalspieler bewegt sich hervorragend, er hat ein kreatives Freilaufverhalten, er macht sich anspielbar in spannenden Räumen, er treibt die Kugel nach vorne mit schnellen Drehungen und im Tempodribbling, er schafft immer wieder neue Situationen mit Ball am Fuß. Diese Position als freischaffender Künstler und Arbeiter zwischen der gegnerischen Abwehr- und Mittelfeldlinie ist auf Malli zugeschneidert - und er hat auch gegen den Ball an Lauf- und Zweikampfpassion zugelegt. Aber es hapert im letzten Drittel am Output. Da fehlt beim letzten Pass zu oft die Präzision, der Druck, das Timing, die letzte Überzeugung. Dennoch, wie sich Malli in Leverkusen in der ersten Halbzeit immer wieder dem Zugriff der Sechser Lars Bender und Hakan Calhanoglu entzog, das war sehr gut. Aber Malli könnte eine Abwehr verrückt machen, würde er seine Durchsetzungs-, seine Vorlagen- und Abschlussquote entscheidend steigern.

... und einer auf Okazaki

Und dann gönnen wir uns noch einen Blick auf Shinji Okazaki. Ein wenig hat der Torjäger wieder nachgelassen in seinem Spiel mit dem Rücken zum gegnerischen Tor. Der Japaner rennt und macht und tut, das war auch in Leverkusen erkennbar, aber er bindet sich zu selten in Aufbausituationen als vorderste Anspielmöglichkeit ein. Diesen Job überlässt der Mittelstürmer fast komplett Yunus Malli. Gerade in Auswärtsspielen braucht es aber in der vordersten Reihe mehrere aktive Ballhalter, damit das Mittelfeld nachrücken kann. In dieser Rolle fiel Okazaki in der BayArena aus. Und da das auch für Jairo galt, hatten die 05er in Leverkusen nicht eine einzige echte kleine Druckphase. Mag sein, dass dies auch der Qualität des Gegners geschuldet war, aber nicht nur. Im kommenden Heimspiel gegen den aufstrebenden SC Freiburg braucht es wieder mehr Ballaktionen und Durchsetzungsfähigkeit im Angriffsdrittel.