Rehberg: Machtprobe bei Werder Bremen und Rouven Schröders...

Rouven Schröder. Foto: dpa

Machtprobe bei Werder Bremen: Der Verein hat am Donnerstag seinen Sport-Geschäftsführer Thomas Eichin entlassen. Eine Folge interner Konflikte. Sein Nachfolger wäre...

Anzeige

. Am Donnerstag hat Werder Bremen seinen Sport-Geschäftsführer Thomas Eichin entlassen. Der natürliche Nachfolger, davon darf man ausgehen, wäre der ehemalige Fußballdirektor gewesen. Rouven Schröder. Wenn der Sauerländer noch an der Weser arbeiten würde. Der 40-Jährige, dessen Familie ja weiterhin in Bremen wohnt, ist aber nun mal schon der neue Sportdirektor in Mainz. Also hat der einflussreiche Aufsichtsratschef Marco Bode gestern seinem ehemaligen Spielkameraden Frank Baumann den größten Schreibtisch im Klub anvertraut. Was da in Bremen abgegangen ist? Kurz im Zeitraffer.

Im Frühjahr informierte Werder-Kaderplaner Schröder seinen Boss Eichin, dass er eine Anfrage aus Mainz vorliegen habe, dass er diese Aufgabe reizvoll finde, dass er diese Chance, in die erste Managementreihe rücken zu dürfen, gerne wahrnehmen würde. Der immer etwas arg breitbeinig und grimmig auftretende Eichin, dem man im Schulterbereich ansieht, dass er sehr viel Zeit an diesen modernen Kraftmaschinen verbringt, markierte umgehend den harten Entscheider. Mitarbeiter aus der zweiten Reihe seien ersetzbar, überhaupt kein Problem, erklärte der Sportchef öffentlich. Das klang durchaus herablassend. Dann holte er die Sense raus. Schröder bekam nicht nur die Freigabe (für die der am Rhein angesiedelte neue Arbeitgeber allerdings ein paar Euronen an die Weser überweisen musste) - er wurde bereits vor Eichins „Ablöse-Verhandlungen“ mit den Mainzern von seinem Job freigestellt. Schon dieses rigorose Verhalten des einstigen Blutgrätschen-Verteidigers Eichin war nicht gut angekommen klubintern.

Machtprobe

Nun wollte Eichin im Alleingang Trainer Viktor Skripnik absägen. Ein paar Spieler sollen Eichin geflüstert haben, der Übungsleiter sei in der Bundesliga überfordert. Ein paar Spieler stellten sich demonstrativ vor ihren Cheftrainer, zumindest in der Öffentlichkeit. Marco Bode schützte und stützte seinen ehemaligen Spielkameraden Skripnik. Woraufhin der Sport-Geschäftsführer Eichin eiligst eine Machtprobe anzettelte. Die hat der gelernte Eishockey-Manager am Donnerstag verloren. Ab sofort ist Frank Baumann, der Schröders Aufgaben als Kaderplaner übernommen hatte, zuständig für die Bundesliga-Abteilung. Bode sagt, Baumann habe freie Hand in der nach wie vor offenen Trainerdiskussion.

Anzeige

Rouven Schröder muss sich damit nicht mehr beschäftigen. Er hat auch gar keine Zeit dafür. Er hat viel Arbeit in Mainz. Der neue Sportdirektor muss auf dem Transfermarkt zweigleisig unterwegs sein: Einkauf und Verkauf. Finanziell stellt sich die Situation solide dar. Mehreinnahmen garantiert die Gruppenphase der Europaliga: Mindestens 2,4 Millionen Euro Antrittsgeld plus die Einnahmen aus drei Heimspielen plus mögliche Punktprämien. Schwer zu kalkulieren, aber wenn man die drei Heimspiele vorsichtig mit etwa 1,5 Millionen auf der Habenseite ansetzt (die Kosten sind hier schon berücksichtigt), dann sollten die Mainzer mit dem internationalen Auftritt insgesamt vier bis fünf Millionen Euro verdienen können. Da der Klub mit der Erfolgssaison 2015/16 den siebten Platz in der nationalen TV-Geld-Tabelle verteidigt hat, sind bei der Fernsehkohle Mehrreinnahmen von rund 2,5 Millionen garantiert. Dazu kommen bis jetzt die vier Millionen Ablöse für den zu Bayer 04 Leverkusen gewechselten Julian Baumgartlinger. Der darüber hinaus als einer der Spitzenverdiener im Kader einen fetten Gehaltsplatz frei geräumt hat.

Rund 10,5 Millionen Euro an Mehreinnahmen für 05er?

Wenn wir also davon ausgehen, dass die 05er Stand heute mit rund 10,5 Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen rechnen können, dann klingt das schon mal gut. Die Umwandlung der Leihkontrakte mit Christian Clemens und Jhon Cordoba in Kaufvereinbarungen kosten den Klub allerdings an Transferentschädigungen satte 7,5 Millionen. Und damit wäre von den oben aufgeführten Mehreinnahmen schon nicht mehr sonderlich viel übrig. Und der Personaletat soll auch ein wenig angehoben werden für die Herausforderung Bundesliga, DFB-Pokal plus Europaliga.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass vom 1. Juli an einige in der abgelaufenen Saison verliehene Profis auf die Gehaltsliste zurückkehren. Stand heute betrifft das: Dani Schahin, Maximlian Beister, Todor Nedelev, Niki Zimling und Besar Halimi. Von diesem Fünferpack hat nur der junge Zehner Halimi, der beim Zweitligaabsteiger FSV Frankfurt bei 26 Einsätzen nette vier Tore geschossen, insbesondere gegen den Ball und in der spielerischen Präsenz aber keine Bäume ausgerissen hat, eine sportliche Zukunft am Bruchweg. Für Schahin, Beister und die im Gehalt heftiger zu Buche schlagenden Nedelev und Zimling muss Schröder Abnehmer finden. Günstig wäre natürlich, wenn das bis Ende Juni gelingen würde.

Mittelstürmer Schahin hat beim FSV Frankfurt in 25 Spielen fünf Tore erzielt, na ja. Beister hatte beim TSV 1860 München in der Rückrunde acht Einsätze, null Tore, aber der Flügelstürmer ist noch relativ jung. Nedelev hat bei seinem Heimatklub Botev Plovdiv in der Rückrunde ebenso stagniert wie in der Vorrunde im Drittligateam der 05er. Zimling hat sich am Bornheimer Hang zu Beginn der Rückrunde schwer verletzt; der Routinier bleibt vorerst Rekonvaleszent. Nennenswerte Ablösesummen werden sich da insgesamt nicht mehr generieren lassen. Da stehen Verlustgeschäfte ins Haus. Schahin und Nedelev haben zusammen mal gut vier Millionen Ablöse gekostet. Der mögliche Gewinn mit dem vor einem Jahr ablösefrei verpflichteten Beister kann das nicht kompensieren. Und der in der Rückrunde beim SC Freiburg treffsichere Torjäger Florian Niederlechner (14 Einsätze/acht Tore) wird per Option wohl noch ein weiteres Jahr auf Leihbasis im Breisgau verbringen.

Anzeige

Diese Aufstellung belegt, dass die Mainzer auf nennenswerte Transfereinnahmen angewiesen bleiben. Sollte der Deal von Keeper Loris Karius mit dem FC Liverpool über die Bühne gehen, dann wäre das sportlich schmerzhaft, wirtschaftlich aber von Vorteil. Weitere Mehreinnahmen von zehn Millionen Euro aus dem Verkauf von Karius würden Schröders Handlungsspielraum enorm erweitern. Starke Torhüter zu für die Mainzer erschwinglichen Preisen gibt es auf dem Markt. Und dann bliebe sicher auch noch Geld übrig, um Baumgartlinger adäquat ersetzen und die Verstärkungswünsche von Trainer Martin Schmidt gezielt abarbeiten zu können.

Aller finanziellen Sorgen ledig wäre der Sportdirektor, wenn sich auch noch Yunus Malli verändern und damit weitere zehn Millionen in die Kasse spülen würde. Der hoch veranlagte und in der Hinrunde brillante Spielmacher ist in der Rückrunde aber derart abgetaucht, dass die Beobachter aus dem In- und Ausland womöglich ihr Interesse verloren haben. Sollte Malli allerdings den endgültigen Sprung in den türkischen EM-Kader schaffen und beim Turnier in Frankreich nur ein paar Aufsehen erregende Szenen auf den Platz zaubern, dann kann sich das in diesem hektischen Fußballzirkus binnen weniger Tage auch wieder ändern. Wobei anzumerken ist: Einen ähnlich leichtfüßigen, technisch begabten, torgefährlichen, auf gutem Bundesliganiveau anzusiedelnden und nach wie vor steigerungsfähigen Umschaltzehner könnten sich die 05er im Einkauf wahrscheinlich gar nicht leisten. Da käme dann im Bedarfsfall eher ein neuer Entwicklungsspieler oder ein etwas anderes Spielmacherprofil in Frage.

Man sieht, vor welch einer großen Aufgabe - gepaart mit diversen Unwägbarkeiten - Rouven Schröder am Bruchweg steht. Wobei sich der Job in Bremen nicht einfacher gestaltet hätte. Nur dass Thomas Eichin an der Weser wesentlich kleinere Fußstapfen hinterlassen hat als Christian Heidel in Mainz. Aber Schröder macht überhaupt nicht den Eindruck, als könnte ihn das in seinem neuen Job schrecken.