Rehberg: Mainz 05 hat gegen Darmstadt nicht gut genug Fußball...

Der Darmstädter Aytac Sulu (2.v.l) köpft im Zweikampf mit Jhon Cordoba aus Mainz das 1:0, rechts Giulio Donati von Mainz. Foto: dpa

Kämpferisch stark, in der Abwehr kompakt und die Standard-Situationen wurden auch bestens genutzt: Doch nicht dem FSV Mainz 05 attestiert AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg diese...

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. Die Atmosphäre in Darmstadt war für die Gäste aus Mainz undankbar. Johnny-Heimes-Stadion, Johnny-Heimes-Todestag, Johnny-Heimes-Gedenktag, Johnny-Heimes-Trikot mit der Aufschrift: „Du musst kämpfen – jetzt erst recht“. Und als Lilien-Kapitän Aytac Sulu nach seinem frühen Kopfballtreffer zum 1:0 auch noch den Johnny-Heimes-Gedenkgruß gen Himmel schickte, da war klar: Das kann für die Darmstädter tatsächlich ein ganz besonderer Tag werden.

Man muss diese nahezu grenzenlose außersportliche Emotionalisierung, eine Verknüpfung der anerkennenswerten Würdigung eines verstorbenen Fans mit den Anforderungen an den Bundesliga-Abstiegskampf, nicht bedingungslos gut finden. Stilleres Gedenken eines großartigen Menschen wäre auch eine Form der Andacht. Wir wissen nicht, wie Karl Lehmann – der Mainzer Kardinal im Ruhestand erlebte die 1:2-Niederlage der 05er auf der Tribüne am Böllenfalltor – darüber gedacht hat. Tatsache ist: Die Mainzer haben an diesem Tag nicht gut genug Fußball gespielt. Unsauber verteidigt, ohne Klarheit angegriffen. Die Mainzer haben sich - nach einer kurzen guten Startphase - vom emotional aufgeladenen Tabellenletzten beeindrucken, abkochen, niederringen lassen. Die läuferisch und kämpferisch entfesselt auftretenden Lilien wirkten wie auf einer Mission.

0:1 nach vier Minuten und neun Sekunden. Ein Eckentor. Bei dem die besten Kopfballspieler der 05er, Stefan Bell und André Ramalho, nicht in der Nähe des besten Darmstädter Kopfballspielers Sulu zu sehen waren. Die Standard-Gegentore häufen sich. 0:2 nach zwölf Minuten. Ein von Sidney Sam verwandelter Foulelfmeter. Ramalho bot Jerome Gomdorf sein ausgestrecktes Bein an, der Darmstädter Mittelfeldspieler ließ sich bereitwillig darauf ein. Von diesem Moment an war klar, dass dies für die Elf von Martin Schmidt kein Pressing- und Umschaltspiel mehr werden würde. Die 05er mussten gegen tief und massiert verteidigende, extrem kämpferische und willensstarke 98er ein Spiel aufziehen. Diese Variante mögen die Mainzer nicht. Entsprechend wenig kam dabei heraus.

05er lassen sich 55 Minuten land dominieren

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Frank Willenborg versagte den 05ern in der ersten Halbzeit einen klaren Handelfmeter. Im Mainzer Strafraum ahndete der Schiedsrichter zuvor Jhon Cordobas Monstergrätsche mit gestrecktem Bein gegen Gondorf nicht. Ansonsten hätte es da schon 3:0 heißen können für die Lilien. Das mögliche 3:1 vergab Sven Schipplock nach der Pause alleine vor Jonas Lössl. Das diese Riesenchance auslösende Missverständnis zwischen Bell und dem zappeligen Ramalho war fast schon Slapstick.

In der ersten Halbzeit und auch in den ersten zehn Minuten nach der Pause haben sich die 05er sogar dominieren lassen. Von einem simplen Darmstädter Hauruckfußball mit vielen hohen Bällen auf den ungelenken Mittelstürmer Schipplock. Das Problem: Bell und Ramalho wackelten in den Luftduellen – und die abgewehrten Bälle erkämpften sich überwiegend die Gastgeber. Hatten die 05er den Ball, dann versandeten die Pass- und Annahmebemühungen oft schon im Mittelfeld. Technische Fehler, mangelnde Präzision, wenig Durchsetzungswillen. Im Zentrum standen die reaktiven Danny Latza und Fabian Frei im Schatten der aggressiveren, zielstrebigeren Hamit Altintop und Jerome Gondorf. Da erübrigt sich eine taktische Analyse.

Bells Gelb-Rote-Karte schmerzt doppelt

Ein spielerisches Übergewicht erarbeiteten sich die Mainzer erst nach dem Platzverweis für Mario Vrancic; der umtriebige Ex-05er hatte die erste Gelbe Karte kassiert für eine Elfer-Schwalbe, ein sehr hartes Urteil. Doch auch in der langen Überzahlphase und am Ende mit vier Stürmern auf dem Feld fanden die Mainzer gegen die engmaschige gegnerische Wagenburg keine Lösungen für Durchbrüche in die Box. Aus dem Stand geschlagene hohe Diagonalbälle auf die Flügel, diese 05-Option ist relativ leicht zu verteidigen. Es mangelte aus den Halbräumen heraus an klaren Pässen und abgestimmten Läufen in die Lücken der gegnerischen letzten Reihe. Dieses bekannte Defizit hat längst nichts mehr zu tun mit Heim- oder Auswärtsauftritt.

Dass am Ende auch noch Stefan Bell mit Gelb-rot bestraft wurde, auch das eine leicht überzogene Bestrafung, schmerzte zusätzlich. Der Kapitän fehlt im kommenden Heimspiel gegen den FC Schalke 04. Und diese Partie steht nun schon im Zeichen des Abstiegskampfes. Blieb als ein einziges positives Signal: Winterzugang Robin Quaison, das antrittsschnelle schwedische Kraftpaket, hatte als hängende Spitze ein paar gute Szenen.