Rehberg: Mexiko kann jeden Favoriten verrückt machen

Ein Fan der mexikanischen Nationalmannschaft bei der WM in Russland. Foto: dpa

Das erste Spiel hat immer eine besondere Bedeutung. Da kann der erste Schritt gelingen auf einer Mission, schreibt Reinhard Rehberg und hat sich Mexiko, den ersten Gegner des...

Anzeige

. Sehr dürftige Leistungen in den Vorbereitungsspielen, der Bruchfuß von Manuel Neuer, die türkische Seite von Mesut Özil, die Sportlerheim-Atmosphäre im WM-Quartier Watutinki zwischen altem Birken- und Fichtenbestand und unweit hässlicher sozialistischer Wohnsilo-Kultur, Training auf dem Gelände des russischen Verteidigungsministeriums. Jogi Löw kann mit den Reizthemen im deutschen Lager ganz gut leben. Aber der Bundestrainer weiß, was aus diesen Diskussionen werden kann, sollte der Start ins Turnier so gar nicht gelingen. Nur mal angenommen: Der Weltmeister schlägt Mexiko nicht…

Mexiko hat genug mit sich selbst zu tun

Nun hat der erste WM-Gegner der Deutschen zunächst mal genug mit sich selbst zu tun. Aufgebrachte Ehefrauen haben den mexikanischen Spielern am Telefon die Hölle heiß gemacht, so wird berichtet. Weil ihre Kerle vor dem Abflug nach Russland eine Abschiedsparty gefeiert haben, die Interpretationsspielraum gelassen hat: Stammten die weiblichen Fiesta-Mexikana-Gäste aus der Verwandtschaft (sagen wir mal Cousinen), oder handelte es sich um professionelle Begleitdamen mit unterschiedlichen Serviceangeboten? Acht Spieler jedenfalls sollen nach dem Mannschaftsessen bis zum Folgetag durchgehalten haben in Anwesenheit von 30 sehr sommerlich gekleideten jungen Frauen. „Wir wissen, dass wir nichts Schlimmes gemacht haben“, beteuerte Starstürmer Javier Hernandez, der unter seinem Künstlernamen Chicharito auch mal für Bayer Leverkusen Tore geschossen hat. „Escortdamen? Niemals!“ Trainer Juan Carlos Osorio, der als zerstreuter Professor gilt mit zuweilen genialen Einfällen, hat sich zu diesem Thema überhaupt nicht geäußert.

Die 90 Minuten auf dem Fußballfeld werden darüber entscheiden, welcher Trainer nach dem Abpfiff eine ruhigere Woche erlebt. Wir wissen, dass sich deutsche Mannschaften gegen Mexiko sehr oft sehr schwergetan haben. Die Mexikaner können mit ihrem klassischen Außenseiterfußball jeden Favoriten verrückt machen: Raumverengung mit vielen Beinen, giftiges Pressing, Zweikämpfe bis an den Rand der Regelauslegung - nach Balleroberungen blitzschnelle Gegenzüge auf der Basis von kurzen Ballkontaktzeiten und überfallartigen Sprints in die Tiefe. In diesem Stil können sich die Mexikaner an guten Tagen in einen Rausch spielen.

Anzeige

Ein Signal setzen

Die Deutschen wissen, was die Mexikaner gar nicht leiden können. Wenn der Gegner intensive Physis paart mit überlegener taktischer Ordnung, dann lassen sich die Südamerikaner beeindrucken. Jogi Löw wird darauf drängen. Das erste Spiel hat immer eine besondere Bedeutung. Da kann der erste Schritt gelingen auf einer Mission. Da geht es fußballerisch niemals um Kunst und Wunder. Da geht es darum, dass sich die Spieler das Gefühl dafür holen, gemeinschaftlich und füreinander, mit großer Opferbereitschaft, starkem Willen, Begeisterung und einer seriösen Arbeitsmoral einen Weg zu beschreiten. Wenn man das der deutschen Mannschaft ansieht im Startspiel, dann setzt das ein Signal.

Die Aufstellung ist da eher zweitrangig. Die Achse steht mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos und Thomas Müller. Prinzipiell gehört auch Mesut Özil zu dieser Gruppe der Leistungsträger und Anführer. Ob der motzige Hochbegabte aber bei diesem Turnier die richtigen Schlüsse zieht aus dem „Erdogan-Theater“, das wissen wir nicht. Özil zeigt meistens schon mit seiner Körpersprache an, ob er bereit ist für eine leidenschaftliche Teamleistung oder ob er sich eher bitten lassen will. Löw wird das sehr genau beobachten.