Rehberg: Mit Matchglück und großer Moral holt Mainz 05 drei...

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Im Anschluss an das erste Gruppenspiel in der Europaliga haben die 05er in eine englische Woche hinein zwei Auswärtssiege platziert. 3:1 in Augsburg. Gestern Abend 2:1 in...

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. Was haben wir nicht alle geschimpft über die Bundesliga-Terminplaner. Immer nur Auswärtsspiele für die Mainzer nach Auftritten auf der Europaligabühne. Keine planerische Sensibilität. Eine Zumutung. Und dann ein Saisonstart mit gleich drei Auswärtsfahrten an den ersten vier Bundesliga-Spieltagen. Die müssen verrückt sein bei der DFL in Frankfurt… Und jetzt? Jubel, Trubel, Heiterkeit am Bruchweg. Christian Heidel, dessen FC Schalke 04 wie eine nur mäßig in Stand gesetzte alte Dampflokomotive überhaupt nicht aus dem Bahnhofsmuseum rauskommt, wird in einer Mischung aus Freude und Neid nach Mainz schauen. Da läuft es. Im Anschluss an das erste Gruppenspiel in der Europaliga haben die 05er in eine englische Woche hinein zwei Auswärtssiege platziert. 3:1 in Augsburg. Gestern Abend 2:1 in Bremen. Das ist bemerkenswert.

Und wieder hat die Mannschaft von Martin Schmidt eine Partie mit einem Doppelschlag entschieden. Diesmal binnen fünf Minuten. Wobei man anmerken muss: Es waren die ultimativ letzten fünf Spielminuten auf der Schiedsrichteruhr. Als der bis dahin wenig durchsetzungsstarke Yunus Malli das – gefühlt seit dreieinhalb Stunden überfällige – 1:1 markierte, da durfte man das Zwischenfazit ziehen: Die Mainzer sind mit ihren Siegambitionen nicht an Werder Bremen gescheitert, sondern an sich selbst. Und während sich im Journalistenkopf schon erste Formulierungen in diese Richtung sortierten, schlugen in der Nachspielzeit noch zwei Einwechselspieler zu: Der einstige Werder-Jugendspieler Gerrit Holtmann zog bei seinem Erstligadebüt einen Sprint an, flankte scharf auf den kurzen Pfosten - und dort drückte der kleine Pablo de Blasis mit der Stirn die Kugel ins Netz. Spiel gedreht. Hoch verdient nach dem Sturmlauf in der zweiten Halbzeit. Hoch verdient nach den zündenden Wechsel- und Umstellungsentscheidungen des Mainzer Cheftrainers. Hoch verdient nach dem nicht unbedingt spielerisch hochwertigen, aber nie erlahmenden, willensstarken, am Ende immer wuchtiger werdenden Anrennen der Mannschaft über fast 70 Minuten.

Da war alles drin

An der Weser hat sich gezeigt, dass sich Probleme nicht so ganz einfach überlisten lassen. Interimscoach Alexander Nouri hat mit dem Tabellenletzten eine explosive erste Viertelstunde organisiert bekommen. Da war alles drin. Aggressivität, flüssige Passpassagen, permanente Positionsrochaden, Tempoläufe an den Seiten. Erstaunlich gut. Ousman Manneh, das einstige Flüchtlingskind aus Gambia, das beim Oberligisten Blumenthaler SV entdeckte Talent - das am vergangenen Wochenende auf einem Nebenplatz das Siegtor für Werders Drittligateam gegen die U23 der 05er geschossen hat -, war die Überraschung in der Bremer Startelf. Der noch etwas ungelenk wirkende 19 Jahre alte Mittelstürmer machte Dampf. Der Führungstreffer durch den von Viktor Skripnik selten berücksichtigten Rechtsaußen Izet Hajrovic war verdient. Ein Traumtor. Die 05er wankten. Daniel Brosinski als Sechser neben Fabian Frei, das schien grandios daneben zu gehen. Doch nach 15 Minuten war der Werder-Spuk vorbei. Wie weggeblasen. Der Orkan hatte sich ausgetobt.

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Ab diesem Zeitpunkt sammelten die im Feld hoch überlegenen 05-Profis Fleißpunkte. Die wurden ausgezahlt in Eckbällen. 5:0 Ecken nach 40 Minuten, 8:0 Ecken nach 53 Minuten, 11:0 Ecken nach 67 Minuten, 13:2 Ecken nach 74 Minuten, 14:3 Ecken nach 84 Minuten. Aber die Bremer führten noch immer mit 1:0. Warum? Levin Öztunali und Jhon Cordoba scheiterten bei den beiden Mainzer Kaiserchancen frei vor Torhüter Jaroslav Drobny. Fast ein Dutzend Halbchancen blieben wegen mangelnder Präzision beim letzten Pass oder im Abschluss ungenutzt liegen. Und: Die 05er taten sich in der Spieleröffnung und im Aufbau schwer gegen die nur noch auf Ergebnissicherung sinnenden, eng, tief und vielbeinig verteidigenden Bremer.

05er kommen in der ersten Halbzeit nicht richtig in Schwung

In der ersten Halbzeit kamen die Mainzer nie so richtig in Schwung. Die Innenverteidiger Leon Balogun und Niko Bungert schafften es in der Spieleröffnung nicht, das Spiel mit Flachpässen ins dicht besiedelte Mittelfeld zu transportieren. Langsames Quergeschiebe und hohe Schläge nach vorne blieben wirkungslos gegen die Werder-Wagenburg mit meistens allen zehn Feldspielern hinter der Mittellinie. An den Flügeln hatten Öztunali (arbeitete hart) und Christian Clemens (arbeitete überschaubar) gegen ständige gegnerische Überzahl keinen Bewegungsraum. Jhon Cordoba wirkte im Zentrum unkonzentriert. Nach Wiederanpfiff fand die Schmidt-Elf die Lücken, mühsam, aber Werder geriet immer massiver unter Druck. Brosinski war der Anschieber.

Acht Minuten vor Schluss geht Schmidt „all in“

Schmidt brachte Pablo de Blasis für Öztunali. Kurz darauf kam Yoshinori Muto für Stopper Bungert. Fabian Frei wechselte jetzt in die Innenverteidigung. Das war gut für die Passqualität in der eigenen Hälfte. Acht Minuten vor Schluss ging Schmidt „all in“: Auch noch Frei raus, Umstellung auf Dreier-Abwehrreihe, Linksaußen Gerrit Holtmann rein. Die Offensive: Clemens und Holtmann als breit angelegte Flügelzange, Cordoba in der Mitte, de Blasis als rochierender zweiter Stürmer, dazu Malli als Zehner. Mehr geht nicht. Die Bremer verschanzten sich, sie reagierten nur noch, sie liefen nur noch hinterher. Die Furcht vor einer finalen Enttäuschung waberte durch das Stadion. Die einzige Konterchance zum 2:0 hatte Hairovic nach gut einer Stunde vergeben, Keeper Jonas Lössl parierte großartig im Eins-gegen-Eins. Danach hatte man das Gefühl, in den Werder-Köpfen würden sich - nach den vielen Nackenschlägen in München, gegen Augsburg und in Gladbach - die bösen Gedanken melden. Die 05er ließen nie locker.

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Und dann traf nach einer Brustablage von Cordoba der listig in die Lücke gestoßene Malli, technisch herausragend aus relativ spitzem Winkel. Das 1:1 brach Werder mental und emotional das Genick. Die Mainzer spürten jetzt den ganz besonderen Moment. Der frische Holtmann nutzte lustvoll seine gewaltigen Sprintfähigkeiten. Und dann traf auch noch de Blasis. Matchglück, natürlich. Einwechselgeschick und Einwechselglück, auch das. In erster Linie aber eine große Moral. An einem schwierigen, arbeitsintensiven Abend.