Rehberg: Nur drei Punkte vom Champions League-Platz entfernt

Das Ziel aller Träume: die Siegertrophäe der UEFA Champions League. Foto: dpa

Im Tabellenkeller tobt der Abstiegskampf. Und Mainz 05 ist nur drei Punkte vom Champions League-Platz entfernt. Der Umgang mit diesen außergewöhnlichen Situationen ist für...

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. Im Tabellenkeller tobt der Abstiegskampf. Hannover 96 hat mit zehn Punkten Rückstand nur noch die Überlebenschance von einem Pfund Butter in der Frühlingssonne. Die Eintracht, die TSG Hoffenheim und der FC Augsburg stecken mit 27 Zählern tief drin im Sumpf, nicht viel besser geht es dem SV Darmstadt 98 und Werder Bremen mit jeweils 28 Zählern. Leicht ungute Gefühle plagen auch noch den Hamburger SV mit 31 und den VfB Stuttgart mit 32 Punkten. Und die 05er? Die mischen munter mit in den Europapokalsphären. Am kommenden Samstag kreuzt der angeschlagene FC Augsburg in der Coface Arena auf.

Der Umgang mit diesen außergewöhnlichen Situationen ist für einen Mittelklasseklub nicht ganz einfach. Die Abstiegskampfmannschaften haben überhaupt kein Problem damit, ihr Saisonziel zu definieren. Drin bleiben. Ende. Wer es schafft, der wird trotz einer miserablen Saison gefeiert. Eine Rettungsmission ins Ziel bringen, das ist immer ein Erfolg. Wer abstürzt, der wird medial geteert und gefedert. Für die Mainzer ist das ein wenig komplizierter. Rang sieben beschert mit hoher Wahrscheinlichkeit den Einzug in die Europaliga-Qualifikation. Aber der Mannschaft von Martin Schmidt sitzt mit drei Zählern Rückstand der wirtschaftlich und in der individuellen Qualität deutlich überlegene VfL Wolfsburg im Nacken. Sieben Spiele stehen noch auf dem Programm.

Drei Zähler vom Champions League-Platz entfernt

Besonders spannend ist die Lage deshalb: Die 05er trennen aktuell auch nur drei Zähler vom vierten Rang, der ja dazu berechtigt, die Qualifikation zur Champions League zu spielen. Und die vor den 05ern platzierten Klubs – Bayer 04 Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und der FC Schalke 04 – hinterlassen keinen sonderlich stabilen Eindruck. Die Schmidt-Elf hat ein Restprogramm, das keine unüberwindlichen Hürden mit sich bringt: Augsburg, in Wolfsburg, Köln, in Frankfurt, Hamburg, in Stuttgart, Hertha BSC. Leiten wir davon die einmalige Gelegenheit ab, diese Saison mit einem Sensationserfolg abschließen zu können? Sollte der Klub das ganz große Ziel ausrufen?

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Die Antwort lautet: Das macht keinen Sinn. Mannschaften, die keine Übung darin haben, sich an großen Endzielen messen zu lassen, verbrennen sich an diesem Versuch eher die Finger. Das lehrt die Erfahrung. Hätte Martin Schmidt das Gefühl, er würde seinen Spielern mit einem in der Kabine aufgehängten riesigen Motivationsplakat unter der Überschrift „CL-Quali“ helfen, dann würde er das selbstverständlich tun. Aber der Schweizer weiß, dass diese Mannschaft unter diesem selbst auferlegten Druck eher an Leichtigkeit einbüßen würde. Weil dann jedes Ergebnis in den kommenden Wochen nur noch danach bewertet werden würde, ob die CL-Chancen nun steigen oder sinken. Und mit den emotionalen und mentalen Folgen dieser internen und öffentlichen Bewertungen hat der Vordenker und Gruppenführer dann Woche für Woche zu kämpfen.

Leichtigkeit im Umgang mit besonderen Chance bewahren

Der FC Bayern kann damit umgehen, dass jede Niederlage den Verfolger Borussia Dortmund noch mal in Schlagdistanz bringen kann. Weltklassespieler, die Saison für Saison antreten, Titel zu gewinnen, sind das gewohnt. Mittelfeldklubs schnuppern in der Regel nur alle paar Jahre mal an einer Europa-Chance. Diese Mannschaften kommen in diesen ungewohnten Situationen dann zum Erfolg, wenn sie sich ihre Leichtigkeit und Normalität im Umgang mit einer besonderen Chance bewahren.

Nach dem Motto: Ein Misserfolg kann diese Spielzeit gar nicht mehr werden – also lasst uns Spaß daran haben, so viele Punkte zu schnappen wie es die jeweiligen Spielerverläufe hergeben. Der Gedanke, ein Mainzer Profi könne etwa im Heimspiel gegen den FC Augsburg mehr Energie mobilisieren, nur weil der Trainer ein Giganten-Endziel an die Wand genagelt hat, ist abwegig.

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Tatsache ist, dass die 05er in einer Entwicklung stecken. Dieses Team hat mit seinem Kampf- und Konterstil einige offensiv-orientierte Ligagrößen in die Knie gezwungen. Unbeschwert. Nun geht es darum, mit Lust Gegner zu knacken, die defensiv denken, die laufstark, kompakt und aggressiv verteidigen, die nach vorne weniger riskieren, die extrem ergebnis-orientiert auftreten.

Vielbeiniger Augsburger Abwehrwall

Das ist also viel mehr eine inhaltliche, denn eine tabellentheoretische Aufgabe: Die 05er können sich nicht darauf verlassen, dass sie sich gegen die Abstiegskämpfer ausschließlich über Defensive, Physis und Geschwindigkeit entscheidende Vorteile erarbeiten (siehe das 1:1 in Bremen), die Schmidt-Elf muss auch adäquate Lösungen finden gegen einen vielbeinigen und gut organisierten Abwehrwall - über ein flexibleres und präziseres Aufbauspiel.

Das ist ein Thema, das man nicht über Nacht regelt. Auch das ist ein Prozess. Der mehr beflügelt wird durch spannende Handlungs-, als durch grelle, öffentlichkeitswirksame Europa-Ziele.