Rehberg: Pässe aus der Abwehr - Ultramodern oder uralt?

Die 05-Verteidiger Alexander Hack (li) und Stefan Bell. Archivfoto: nordphoto / Fabisch

Die Experten waren sich nicht ganz einig. Und diese unterschiedlichen Interpretationen bildeten sich auch in den Schlagzeilen ab. Hat die deutsche Nationalmannschaft beim 3:0 im...

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. Jens Lehmann, Co-Moderator beim Werbekanal RTL, näherte sich der zweiten Deutung an. Der ehemalige Torwart, der immer etwas süffisant (mit Tendenz zur Arroganz) rüberkommt, berief sich dabei auch auf eine neue Messmethodik im Fußball. Der Erfinder und Firmengründer Stefan Reinartz bewertet mit seiner „Packing-Rate“ Zuspiele danach, wie viele Gegenspieler mit einem Pass überwunden werden. Der Ex-Profi will damit der bislang im Mittelpunkt stehenden Ballbesitzquote (nebst diversen Passstatistiken) ein messbares Qualitätsmerkmal hinzufügen: Wie effizient ist das Passspiel einer Mannschaft?

Demnach haben im Tschechien-Spiel die zentralen Abwehrspieler Jerome Boateng und Mats Hummels serienweise mit einem einzigen hohen Diagonalpass sieben bis acht gegnerische Männer überspielt. In der Packing-Logik ist das eine überragend effektive Spielweise. Ist das modern? Oder ist das die Rückkehr zum über Jahrzehnte von britischen Mannschaften gepflegten „Kick and rush“? Und haben nicht auch die großen deutschen Spielmacher Günter Netzer, Wolfgang Overath oder Bernd Schuster mit diesen langen Bällen aus der Tiefe des Raums schon (nie gemessene) Top-Packing-Raten erzielt?

Es geht nicht um alt oder modern

Ralf Rangnick hält von dieser Sichtweise wenig. Der in Leipzig tätige Fußballnerd hat bei seinen Studien gemessen, wie lange ein solcher Mondball in der Luft unterwegs ist. Je nach Distanz zwischen vier und zehn Sekunden. In dieser Zeit überwinden verteidigende Fußballathleten lässig 20 bis 50 Meter. Womit Rangnick sagen will: Wenn dieser Mondball beim Adressaten ankommt, dann hat sich längst auch ein Verteidiger hinzugesellt. Und dann kommt es zur ganz normalen Eins-gegen-Eins-Situation - und dahinter sichert meistens noch ein weiterer zum Ball verschiebender Abwehrspieler ab. Rangnicks Fazit: Diese langen Überbrückungspässe machen nur dann Sinn, wenn sie direkt und perfekt getimt im Rücken einer hoch verteidigenden Abwehr landen und damit dem Stürmer mit der Ballannahme (und ohne sofortige gegnerische Einflussnahme) Angriffstiefe bieten.

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Wir lernen: Es geht nicht um alt oder modern, es geht um das Verhalten des Gegners. Und natürlich um die spezifischen Fähigkeiten der Passversender. Tschechien hat gegen die Deutschen mutig weit nach vorn verschoben verteidigt mit einer Konzentration auf die engmaschige Verdichtung des Zentrums. Das bindet Spieler in der Mitte des Spielfeldes. Und deshalb hatten Boateng und Hummels die Chance, mit ihren langen Diagonalpässen an den Seiten freie Mitspieler zu finden. Boateng und Hummels beherrschen diese Flugbälle perfekt: Da stimmt die Passgeschwindigkeit, da stimmt die Präzision, da stimmt das Timing, da stimmt das Überraschungsmoment.

Die talentierten Bell und Hack

Am Dienstagabend in der Partie gegen Nordirland werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit einen massiert und tief verteidigenden Gegner erleben. Und wahrscheinlich werden Boateng und Hummels dann weniger lange Bälle spielen. Weil der Raum in der gegnerischen Spielhälfte auch in der Breite zugestellt ist. Die Löw-Elf wird sich mit Kombinationsspiel durch das Mittelfeld arbeiten müssen. Und da wissen wir: Boateng und Hummels beherrschen auch den - gegnerische Linien überwindenden - Flachpass durchs Zentrum. Und beide können auch mit dem Ball am Fuß Meter machen.

Wir wollen Stefan Bell und Alexander Hack jetzt nicht vergleichen mit dem aktuell wahrscheinlich besten Abwehrduo auf diesem Erdball. Aber wir dürfen festhalten: Bell und Hack sind unter den 05-Innenverteidigern die beiden talentiertesten Passspieler – und wenn dieses Duo (auch) auf diesem Gebiet Form und Sicherheit hat, dann belebt das die Ballbesitzqualität der Mainzer Mannschaft enorm. Beide sind auf dem Weg, immer öfter im richtigen Moment lange diagonale Flugbälle zu spielen oder flache Pässe abzusenden durchs Zentrum - direkt auf den Zehner Yunus Malli oder auf einen in den Halbraum gestarteten Außenstürmer. Qualität in der Spieleröffnung und damit auch in der effektiven Überbrückung der Mittelfeldzonen schafft Vorteile. Welche Variante man wählt, hat aber immer zu tun mit dem Defensivverhalten des Gegners.

Deshalb führt der Einstufungsversuch „alt oder modern“ überhaupt nicht weiter. Gute Mannschaften sind flexibel. Gute Mannschaften sind in der Lage, in unterschiedlichen Situationen auf dem Spielfeld unterschiedliche Lösungen am Start zu haben. Mal hilft der lange hohe Ball, mal hilft der lange flache Ball, mal hilft das Kurzpassspiel. Und gegen eine - in der Arbeit gegen den Ball ständig zwischen hoch und tief, zwischen Mann- und Raumdeckung variierende - Aggressivmannschaft wie Atletico Madrid hilft an manchen Tagen gar nichts.