Rehberg: Slowakei unterliegt der erdrückenden Dominanz des...

Julian Draxler und Jerome Boateng jubeln nach dem 2:0 gegen die Slowaken. Foto: dpa

Für das deutsche Team läuft bei der EM alles rund. Die Leistungskurve steigt stetig an. Und auch als Gemeinschaft hinterlässt die Reisegruppe bei dieser EM in Frankreich...

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. Die deutsche Mannschaft strotzt vor Kraft und Überzeugung. Und wenn der Bundestrainer sich zu personellen Änderungen entschließt, dann haben die den gewünschten Effekt. Die Leistungskurve steigt stetig an. Und auch als Gemeinschaft hinterlässt die Reisegruppe bei dieser EM in Frankreich einen energiegeladenen, extrem auf die Zielstellung konzentrierten Eindruck. Auch das Miteinander zeigt bislang keine Störungen. Da gibt es ein paar lange Gesichter (Mario Götze, André Schürrle, Bastian Schweinsteiger), aber die Gruppenführer haben alles im Griff. Da möchte man nach dem 3:0 gegen die Slowakei und dem stressfreien Einzug ins Viertelfinale fast schon ein wenig misstrauisch werden und die Warnschilder aufstellen: Vorsicht - das läuft zu gut…

Das wäre typisch deutsch. Lassen wir das. Es gibt aktuell keinen Aufhänger für den hoch erhobenen mahnenden Zeigefinger. Der Achtelfinalgegner hatte keine Mittel, die DFB-Elf zu fordern. Das steht fest. Aber man kann sich auch einen Wolf spielen gegen einen sich tief in der eigenen Hälfte verschanzenden Außenseiter. Das Team von Jogi Löw hat den Slowaken mit einer erdrückenden Dominanz keine Luft zum Atmen gelassen. Die Deutschen haben gepresst, nahezu sämtliche Konterversuche des Gegners schon in der Entstehung abgegriffen, die Deutschen haben gepasst, sie haben sich schnell und flexibel bewegt im Zentrum, sie haben die Flügel konstant besetzt gehalten, sie haben Torchancen herausgespielt und Standards erzwungen - und in Tore umgemünzt. Die DFB-Elf legt mit hoher Selbstverständlichkeit ihre Gleise aus und lässt darauf den Ball fahren. Mit einer wie digital gesteuerten Präzision. Da weiß jeder Spieler, was er in welchem Raum zu tun hat.

Die emotionalen Erlebnisse schweißen das Team zusammen

Und es fehlt auch nicht an den besonderen emotionalen Erlebnissen, die ja nicht planbar sind. Tagelang hat die medizinische Abteilung die lädierte rechte Wade von Jerome Boateng behandelt. Und genau mit diesem Problembein glückte dem Abwehrhünen dieser technisch anspruchsvolle Volleyschuss zur frühen, den Weg frei räumenden 1:0-Führung. Boatengs anschließender Danksagungssprint und -sprung in Richtung der deutschen Bank dürfte den Medizinern und Physiotherapeuten das Gefühl vermittelt haben, da käme ein wild gewordener Stier mit unwägbaren Absichten auf sie zugerannt. Diese Momente, zu denen auch Bastian Schweinsteigers Tor- und Jubelrun beim 2:0 gegen die Ukraine zählt, schweißen zusammen.

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Und dann war da noch Julian Draxler. Dieser immer etwas eigensinnig und lethargisch wirkende Stürmer hat in dieser Partie endlich Zugang gefunden zu seinem großen Potenzial. Sein Tempodribbling zur Grundlinie, sein Außenristrückpass auf den 2:0-Torschützen Mario Gomez, das war eine dieser ebenso dynamischen wie zielstrebigen Eins-gegen-Eins-Aktionen, die dem deutschen Team bislang gefehlt haben. Draxlers knochentrockene Volleyabnahme zum 3:0 hatte sehr viel zu tun mit gehobenen koordinativen Fähigkeiten und sehr guter Schusstechnik. Noch mal zurück zum 2:0: Wie sich Gomez mit seinem athletischen Körper auf engstem Raum mit einem Schritt am kurzen Pfosten vor seinen Gegenspieler drängte, das war die Bewegung eines typischen Strafraumtorjägers. Instinkt gepaart mit Entschlossenheit. Das schafft ein „falscher Neuner“ eher selten.

Müller wirkt noch etwas verkrampft

Arbeitsthemen bleiben Löw dennoch bis zum Viertelfinale. Mit ihren diagonalen Seitenverlagerungen hat es das Team geschafft, immer wieder Jonas Hector in freie Situationen zu bringen. Der spielerisch veranlagte Linksverteidiger hat mit seinen unzähligen flachen oder hohen Hereingaben noch keinen Output. Der Saarländer aus Auersmacher, der einzige DFB-Spieler, der nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen hat, findet seine Abnehmer nicht. Da besteht Verbesserungsbedarf. Der junge Verteidigerkollege Joshua Kimmich spielte diesmal sehr pragmatisch, mehr absichernd. Das war klug. Denn seinem Partner auf der rechten Seite, Techniker Mesut Özil, geht im Gegenpressing etwas die natürliche Aggressivität ab. Das passt im Paket gut zusammen. Was Özil noch nicht zusammen bringt, das sind die kreativen Pässe in den Strafraum im Anschluss an seine Dribblings. Und Thomas Müller wirkt in seinem Tordrang ein wenig verkrampft. Doch der willensstarke Arbeiter bleibt gegen die starken Gegner im Abschluss die Hoffnung für die entscheidenden Momente.

Auffallend ist, dass die Hierarchie in der Mannschaft zementiert ist. Mats Hummels, in Dortmund der führungsstarke Chef in der Spieleröffnung, ordnet sich bereitwillig seinem Nachbarn Jerome Boateng unter. Der Abwehrboss vom FC Bayern spielt 90 Prozent der flachen Pässe ins Mittelfeld und der diagonalen Flugbälle, mit denen er die Seitenverlagerungen organisiert. Im Mittelfeld geht Sami Khedira die ganz weiten Wege für den kleinflächiger operierenden Pass-Navigator Toni Kroos.

Und was kommt nun? Das Ergebnismonster aus Italien oder die Ballbesitzmaschine aus Spanien. Für ein Viertelfinale ist das eine gewaltige Aufgabe. Aber auch die deutsche Mannschaft ist bei diesem Turnier in dieser Verfassung ein ausgesprochen unangenehmer Gegner.