Rehberg: Trainerschule Mainz - Wo Klopp und Tuchel zu Experten...

Jürgen Klopp und Thomas Tuchel gemeinsam im November 2012 in Mainz. Archivfoto: dpa

Die Mainzer "Trainerschule" ist in aller Munde. Thomas Tuchel beerbt im Sommer Jürgen Klopp. Zwei exzellente Fußballlehrer, die sich bei den 05ern in aller Ruhe über mehrere...

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. Die 05er liefern Borussia Dortmund nun schon den zweiten charismatischen Übungsleiter. Natürlich ist das auch Zufall. Aber nicht nur. Der Standort Mainz hat einen Vorteil für Fußballlehrer, die noch nicht den großen Namen haben: Der Klub lässt sie machen, die Öffentlichkeit hat Geduld, die Medien üben nicht diesen überzogenen Erfolgsdruck aus. In dieser Atmosphäre konnten Jürgen Klopp und Thomas Tuchel Ideen entwickeln, umsetzen, ungewöhnliche Entscheidungen fällen, ausprobieren, Experimente starten, neue Wege gehen. Was daraus geworden ist: Gefragte, umworbene, weil erstklassige Fachleute.

Jürgen Klopp hat bei seinem Abschiedsfest auf dem Mainzer Theaterplatz in die Menge gerufen, und das war auch eine Botschaft an Manager Christian Heidel: "Ihr habt mich das werden lassen, was ich heute bin. Danke!" Da steckt viel Wahrheit drin.

Thomas Tuchel hat sich in Mainz überhaupt nicht verabschiedet. Da blieb es bei einer dünnen Presseerklärung. Anfragen der lokalen Medien für ein abschließendes Fazitgespräch nach seinen insgesamt sechs Jahre an diesem Standort hat der eigenwillige 41-Jährige alle ins Leere laufen lassen. In seinen Sabbatical-Monaten hat er der "Zeit" ein größeres Interview gewährt. Ende. Seit etwa drei Wochen kommuniziert er indirekt mit der Öffentlichkeit über die "Süddeutsche Zeitung". Der Sportredakteur Christof Kneer, ein brillanter Fußballschreiber, scheint der einzige Medienvertraute Tuchels zu sein.

Kaum ein Zitat von Tuchel selbst

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Die "Süddeutsche" strickt an einem positiven Profil des Trainerexzentrikers, ohne jemals Tuchel zu zitieren. Ein sehr merkwürdiger Vorgang. Da haben wir kürzlich erfahren, dass der Fußballlehrer gerade auf dem Mountainbike um den Garadasee radelt, zitiert wird einer seiner Anwälte. Der lässt verlauten, sein Mandant stehe in Verhandlungen mit dem HSV, der von Tuchel aufgestellte Forderungskatalog sei aber noch nicht zurück gesendet in schriftlicher Form. Wir erfahren, dass sich der "Fußballromantiker" Tuchel gut vorstellen könne, einen Traditionsklub zu trainieren, bei dem Uwe Seeler mal gespielt hat.

Wir erfahren, dass Tuchel darüber hinaus Kontakt hatte mit dem AC Florenz, mit Newcastle United, mit Crystal Palace, mit Real San Sebastian, mit Betis Sevilla und natürlich mit RB Leipzig. Wir erfahren, dass der Fußballfan und Fußballstratege im Manne sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat.

Wir erfahren, dass Tuchel mit Stolz wahrnimmt, ein gefragter Mann mit einem exzellenten Ruf zu sein (und das nicht zu Unrecht, wie er finde), dass er aber auch die Demut spüre, noch ein eher "kleiner" Trainer zu sein, weil er bislang ja nur Mainz 05 betreut und noch keine Titelsammlung vorzuweisen habe. Nun freue er sich in Dortmund auf eine Aufgabe, in der man von ihm nicht gleich im ersten Jahr einen Pokal verlange. Und er habe durchaus auch Respekt vor den großen Fußstapfen, die Jürgen Klopp hinterlässt.

Schon früher Kontakt zu Dortmund?

Wir erfahren, dass Tuchel schon vor Klopps Abschiedsverkündung "ab und zu mal" Kontakt mit den Dortmunder Bossen hatte. Wir erfahren, dass sich Tuchel ab sofort im Hintergrund die Fitnesswerte der BVB-Profis besorgen und dass er mit den Chefs ab sofort über den Kader für die nächste Saison diskutieren wird. All das wird vermeldet in indirekter Rede. Nicht ein einziges Tuchel-Zitat.

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Und daneben stehen nahezu immer Artikel über das Scheitern von Jürgen Klopp in seinem "verflixten" siebten Jahr in Dortmund.

Wenn der herausragende Fachmann Thomas Tuchel in dieser Branche über etwas stolpern kann, dann ist es sein eigenwilliger, man könnte auch sagen überheblicher, Exklusivität gewährender Umgang mit den Medien. Das hat es in dieser stringenten Form im deutschen Profifußball noch nicht gegeben. Wenn Tuchel sich bei Klopp etwas abschauen kann, dann ist es die offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Journalisten.

Fußballerisch ist Tuchel über jeden Zweifel erhaben

Wird Tuchel die Aufgabe im Ruhrpott, wo Fußball mehr ist als nur Fußball, meistern? Da muss man nicht als Zweifler und Bedenkenträger auftreten. Tuchel kann das. Intelligente Trainer haben die Gabe, sich auf Herausforderungen vor Ort einzustellen. Tuchel ist ein Rhetorikmeister, er wird in Dortmund die passenden Botschaften verkünden. Fußballerisch ist er über jeden Zweifel erhaben. Dass er bislang "nur" Mainz 05 trainiert hat, das galt auch für Jürgen Klopp. Umgang mit Stars? Auch das beherrschen die intelligenten Trainer.

Tuchel hat sogar den Vorteil in der Klopp-Nachfolge, dass er in der Sache flexibler ist. Jede Hinwendung zu einem kultivierten Ballbesitz wird als willkommene Weiterentwicklung angesehen werden. Wenn Tuchel Spiele gewinnt. Er wird Spiele gewinnen. Den Druck, dem FC Bayern sofort wieder auf die Pelle zu rücken, hat er nicht in seiner ersten Phase, die als eine Notwendigkeit zur Neuorientierung interpretiert werden wird. Zum Volkshelden, zur Kultfigur taugt der im Umgang distanzierte Tuchel im Ruhrpott eher nicht. Aber das hat der sensible Ottmar Hitzfeld auch nicht angestrebt.

Spieler-Spekulationen

Dass Tuchel den Mainzern nun noch Spieler abklemmen wird - Klopp nahm damals Neven Subotic mit und er holte später noch Markus Feulner nach -, das ist eher unwahrscheinlich. Von Johannes Geis ist die Rede, dem defensiven Mittelfeldstrategen. Da wird der künftige BVB-Coach wahrscheinlich eher an Sami Khedira graben, der im Sommer ablösefrei Real Madrid verlässt und den Tuchel schon einst in der U15 des VfB Stuttgart angeleitet hat. Davon abgesehen: Ob Geis nun nach Dortmund, Leverkusen, Mönchengladbach, Schalke oder Wolfsburg wechselt, das interessiert die 05er nur bedingt, da geht es höchstens darum, wer die meiste Kohle auf den Tisch legt.

Spannend wird bestenfalls noch die Frage, ob Tuchel seinem Freund Benni Weber ein Angebot macht. Der Video- und Scoutingspezialist am Bruchweg wird sich das aber sicher gut überlegen. In Mainz ist er der Chef einer Miniabteilung. In Dortmund werkeln einige Leute an diesem Themenbereich. Und da scheidet lediglich Peter Krawietz aus, der Gonsenheimer gehört gemeinsam mit Zeljko Buvac zu Klopps Unterstützerstab.

Thomas Tuchel könnte Christian Heidel noch eine Danksagung schicken. Der mit Hans-Joachim Watzke eng befreundete 05-Manager hat in den Gesprächen mit dem BVB-Boss seinen ehemaligen Trainer leben lassen. Trotz Tuchels von unrühmlichen Umständen begleiteten Ausstiegs am Bruchweg.