Rehberg: Über starke Defensive zum Erfolg bei Hoffenheim

Markus Gisdol

Markus Gisdol und Alexander Rosen, das sind zwei Namen, die für eine neue Politik stehen bei der TSG Hoffenheim. Vorbei die Zeiten, in denen Milliardär Dietmar Hopp spöttisch...

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. Einige Jahre lang ist das Fußballprojekt des Milliardärs Dietmar Hopp nur noch spöttisch belächelt worden. Die TSG Hoffenheim stand für hochtrabende Ziele und für hemmungslose Geldverschwendung. Vor knapp einem Jahr lag der steinreiche Dorfklub sportlich am Boden. Tabellenletzter. Und dann gelangen dem Klub zwei personelle Erneuerungen, die alles gedreht haben, die sportliche Situation, das ramponierte Image. Der junge Alexander Rosen (35) wurde Leiter der Sportabteilung, der junge Markus Gisdol (44) wurde Cheftrainer. Entscheidungen, die zeigen, dass nicht bekannte Namen her müssen für die Einleitung einer positiven Entwicklung, sondern Führungspersönlichkeiten mit Fachwissen und einem glaubwürdigen Auftreten. Dafür stehen Rosen und Gisdol.

Zeit der markigen Sprüche ist vorbei

Alexander Rosen, gebürtiger Augsburger, war ein Durchschnittsprofi bei der Frankfurter Eintracht, beim FC Augsburg, beim VfL Osnabrück, beim 1.FC Saarbrücken und in Norwegen. Der junge Mann interessierte sich früh für das Management. Beim norwegischen Klub Follo Fotball Ski war er noch als Spieler Assistent der sportlichen Leitung. Später erwarb Rosen ein Zertifikat als Sportfachwirt, dem schloss sich ein Fachholschulstudium für Sportökonomie an. Die sportliche Erfahrung und das wirtschaftliche Grundlagenwissen paart der heutige Sportdirektor mit einem freundlich-bescheidenen und fachkundigen Auftreten. Rosen ist auf dem Weg, ein Gesicht des Klubs zu werden. Da sind keine markigen Sprüche mehr zu vernehmen.

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Markus Gisdol geht einen ähnlichen Weg wie Thomas Tuchel. Als Mittelfeldspieler in Geislingen, Reutlingen und Pforzheim nie eine große Nummer, als Juniorentrainer (U17) ausgebildet beim VfB Stuttgart, Erfahrung gesammelt als Coach der Hoffenheimer U23, viel gelernt als Kotrainer von Ralf Rangnick beim FC Schalke 04. Sympathisches, aber bestimmtes Auftreten, klares Spielkonzept, konsequente Entscheidungen, großes Fachwissen. Über die Relegationsspiele gegen den 1.FC Kaiserslautern rettete Gisdol die Hoffenheimer im Zielsprint vor dem Abstieg.

Viele Tore, viele Gegentreffer

Inzwischen wird die TSG nicht mehr mit sündhaft teuren Transfers und überzogenen Europapokalparolen identifiziert, sondern mit einem spektakulären Spielstil. 29 Punkte mit 52:52 Toren. Viele Tore, viele Gegentreffer. Ungewöhnlich für eine Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld. Rückrunde: Rang sieben, 11 Punkte, 16:14 Tore. Zum Vergleich: Die 05er haben 14 Punkte geschnappt mit einem Torverhältnis von 8:5. Da empfängt an diesem Samstag die drittbeste Offensivabteilung in der Rückrunde (hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund) die zweitbeste Defensivabteilung (hinter dem FC Bayern). Hoch interessant.

Die Hoffenheimer betreiben in ihren Heimspielen ein extrem aggressives Angriffspressing. Nach Balleroberungen gehen alle Signale sofort nach vorne. Schnelle Passfolgen, Laufwege im Sprinttempo. Hohe individuelle Qualität in der Offensive. Zehner Robert Firmino hat zwölf Tore und acht Vorlagen stehen, überragend; der Brasilianer wird von englischen Spitzenklubs gejagt. Anthony Modeste, ein Mittelstürmer mit Raumverdrängung, der sich geschickt in die Abwehrzwischenräume mogelt, hat neun Tore und zwei Vorlagen stehen. Nebenmann Kevin Volland, ein schneller Tempodribbler, hat acht Tore und drei Vorlagen im Buch. Selbst Einwechselstürmer Sven Schipplock (gegen die 05er Gelb-gesperrt) hat noch sechs Tore und vier Vorlagen in der Bilanz. Und der geniale Standardschütze Sejad Salihovic, als linker Mittelfeldspieler auch ein brillanter Passgeber, hat schon acht Tore und fünf Vorlagen auf dem Konto. Spannend zu beobachten, ob die Mainzer es schaffen, dieser Angriffsqualität den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Über die starke Defensive zum Erfolg

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Wie schafft man das? Tuchel weiß, dass bei seinem Team die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt über defensive Stabilität, über wenig Gegentore. Im Vergleich zur Vorrunde treten die 05er inzwischen defensiv noch besser organisiert auf, oft in Überzahl, insgesamt aber auch flexibler. Je nach Gegner und je nach Spielsituation kann diese Elf mal weiter nach vorn verschoben verteidigen, mal tiefer gestaffelt in einer engen Blockstellung. Beim 0:0 in Schalke gab es Phasen mit beiden Varianten, beim 1:0 in Leverkusen erforderte die Offensivqualität des Gegners überwiegend einen tieferen Ansatz. In Hoffenheim, das zeichnet sich ab, dürfte der Schlüssel sogar eher im eigenen Ballbesitz liegen.

Der Gegner will mit seinem Angriffspressing Fehler im gegnerischen Eröffnungsspiel erzwingen, dann entfalten die Umschaltstärken der TSG ihre Wirkung. Die 05er werden darauf achten müssen, keine leichten Ballverluste einzustreuen. Ein Mittel: Chipbälle über die erste Pressinglinie hinweg. Ein zweites Mittel: Extrem präzises Passspiel im Aufbau, mal geduldig in die Breite, mal flach durch die Pressinglücken ins Zentrum. Ballkontrolle. Dann muss der Gegner in erster Linie sehr viel laufen. Und in Phasen, in denen die Hoffenheimer über geduldige Kombinationen das Spiel machen müssen, nicht unbedingt die Stärke der Gisdol-Elf, bietet sich den Mainzer die Gelegenheit für eigene Pressingattacken. Aus der Balleroberung heraus lässt sich dann die defensive Anfälligkeit der Gastgeber, die in der Vorwärtsbewegung sehr viel Personal einbinden, nutzen. Es werden sich Räume und Chancen auftun. Die gilt es mit Tempo und Zielstrebigkeit zu nutzen.