Rehberg: Undankbare Aufgabe gegen Darmstädter "Spaßfußballer"

Torsten Frings. Foto: dpa

Wie gefährlich ist eine Mannschaft, die alle Hoffnung auf den Klassenerhalt schon beerdigt hat? Mit dieser Frage beschäftigt sich AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg, vor dem...

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. "Wir spielen jetzt nur noch für uns!“ Dieser Satz steht wie in Stein gemeißelt. Könnte eine Inschrift sein. Auf einem Grabstein. Und so ähnlich war es auch gemeint, als Torsten Frings am vergangenen Wochenende diese schwermütigen Worte wählte. Der Trainer des SV Darmstadt 98 hat die Überlebenshoffnungen seiner Mannschaft beerdigt. Elf Punkte Rückstand auf den Relegationsrang hat der Bundesligaletzte seit dem 0:2 bei Werder Bremen. Signal: Das geht nicht mehr. Von den noch ausstehenden elf Saisonspielen müssten die Lilien wahrscheinlich acht gewinnen, um wenigstens noch die beiden Relegationsspiele gegen den Zweitligadritten zu erreichen. Von den bisherigen 23 Partien haben die Lilien drei gewonnen…

Aber Frings hat noch mehr gesagt auf der Pressekonferenz in Bremen. „Wir haben noch elf Bundesligaspiele. Die Jungs sollen das genießen und versuchen, so viele Punkte wie möglich zu holen und jeden Gegner zu ärgern.“ Der erste Gegner, der sich dieser Haltung stellen muss, ist der FSV Mainz 05. Am kommenden Samstag. Im Museumsstadion am Böllenfalltor. Eine undankbare Aufgabe. Denn niemand weiß, ob die Lilien-Profis - von jedem Abstiegskampfdruck befreit - nun plötzlich ihre beste Leistung mobilisieren. Spaßfußball. Im Derbyduell mit einem Gegner, der weiß, dass seine sechs Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz keine Sicherheit bieten. Und die 05er spüren zudem, dass eine Niederlage beim abgeschlagenen Schlusslicht, das sich in der Außendarstellung aufgegeben hat, schon fast als Blamage gewertet werden würde.

Clever eingefädelt

Man muss konstatieren: Das hat Torsten Frings, der als Profikicker alles erlebt hat, der Deutscher Meister war mit dem FC Bayern, DFB-Pokalsieger mit Werder Bremen, Kanadischer Meister mit dem FC Toronto war, der in unzähligen Europapokalspielen auf dem Platz stand und der als Nationalspieler WM-Zweiter und WM-Dritter war, clever eingefädelt.

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Der Tabellenletzte genießt seine letzten Wochen im Luxusleben und drückt, wenn es sich ergeben sollte, den Hoffnungsschalter neu - und die Gegner müssen durch die Bank mit dem Blamage-Potenzial klarkommen. Man erinnere sich nur daran, was in Dortmund los war, nachdem die Borussia in Darmstadt mit 1:2 verloren hatte. Da hat es gescheppert im Ruhrpott. Thomas Tuchel hatte erhebliche Mühe, die Kritiker wieder einzufangen.

Auf der anderen Seite steht die Leistungsfähigkeit der Lilien. Von den bislang sieben Spielen unter Frings hat das Team nur jenes gegen den BVB gewonnen. Nach dieser Sensation? 0:2 in Hoffenheim, 1:2 zu Hause gegen den FC Augsburg, 0:2 in Bremen. An der Weser haben die Lilien sogar dominiert. Erst ein verwandelter Foulelfmeter in der 75. Minute lenkte das Geschehen in Richtung der bis dahin nahezu hilflosen Bremer. Da wurde deutlich, woran es der Lilien-Mannschaft vor allem mangelt: Konsequenz im Torabschluss, verlässliche individuelle Qualität im gegnerischen Strafraum. Die Bilanz von 15 Toren nach 23 Spielen ist die eines Absteigers. Die 45 Gegentreffer kommen erschwerend hinzu.

Kein Fallobst

Und dennoch ist erkennbar, dass diese Mannschaft kein Fallobst ist. Laufbereitschaft und Zweikampfgift haben nicht gelitten. Zwischen den beiden Strafräumen halten die Darmstädter fast immer gut mit. Der erfahrene Winterzugang Hamit Altintop bringt Passkultur ins Mittelfeld, Winterzugang Sidney Sam hat das Geschwindigkeitspotenzial am linken Flügel erhöht. Doch die Ergebnisse werden nun mal in den beiden Strafräumen produziert.

Hinten hat Abwehrchef Aytac Sulu nicht mehr die überragende Form aus dem Vorjahr und zu oft einen anderen Nebenmann, vorne treffen die Mittelstürmer Antonio Colak und Terrence Boyd sowie der Tempobolzer Marcel Heller nur gelegentlich. Dass sich diese Defizite ab sofort mit kämpferischem Spaßfußball überlisten lassen, das ist möglich - aber nicht überragend wahrscheinlich. Dennoch sind die 05er, die offensiv auch nicht gerade wie eine Planierraupe durch die Liga brummen, gewarnt. Das Wiedersehen mit 05-Ehrenkapitän Dimo Wache, der in Darmstadt mit Michael Esser und Daniel Heuer Fernandes zwei ordentliche Torhüter trainiert, wird anstrengend. Mehr dazu im Freitagblog.