Rehberg: Warum sich Streich für Abraham einsetzt

Schiedsrichter Felix Brych zeigt David Abraham nach einem Foul an Trainer Streich von Freiburg die rote Karte. Foto: dpa

Der Bodycheck von Eintrachts Kapitän David Abraham gegen Christian Streich wird stark kritisiert. Umso erstaunlicher, dass der Freiburger Trainer den „Rambo“ in Schutz...

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. An was hat sie als Zuschauer die Crash-Szene mit Christian Streich und David Abraham erinnert? Bei mir war das die wunderbare Klamauk-Serie „Väter der Klamotte“ aus den 1970er Jahren. Das waren Kurzfilmkomödien, gedreht in dem Stummfilm-Zeitalter der 1910er und 1920er Jahre, in den modernen Zeiten unterlegt mit witzigen Texten, die sehr oft Hanns Dieter Hüsch gedichtet und gesprochen hat. Der große Kabarettist, der sehr lange in Mainz gelebt und gewirkt hat, hatte seinen Spaß an den von Komiker-Stars wie Charly Chase, Snub Pollard oder auch Stan Laurel und Oliver Hardy (Dick und Doof) gespielten und im Zeitraffer-Tempo abgespielten Klamauk-Szenen.

Hüsch hätte sich die Streich/Abraham-Szene samt der Folgeaktionen mehrfach in Zeitlupe angeschaut. Und dann wären ihm viele lustige Kommentare eingefallen zu den vermeintlichen Absichten der Hauptdarsteller aus Freiburg und Frankfurt.

Und als Abraham den verdutzten Streich rammt, als Streich mit dem Gesichtsausdruck des vom - mal wieder tölpelhaft-unglücklich agierenden - Dick umgestoßenen Doof auf den Rücken fällt, als umgehend von den Bänken Leute aufspringen und im Pulk gerangelt, gegrapscht, gehauen und geklammert wird, da hätte Hüsch noch die für „Väter der Klamotte“ typischen Knirsch-, Schmatz- und Quietschgeräusche unterlegt.

Christian Streich hat den aggressiven David Abraham hinterher in hohem Maße in Schutz genommen. Der eigenwillige Freiburger Langzeittrainer, ein extrem impulsiver Typ, hatte sich überraschend schnell wieder im Griff. In seinen überlegten Kommentaren hat der Breisgau-König den in diesem Moment emotional durchgedrehten Abwehrspieler aus Argentinien leben lassen. Das hat David Abraham nicht vor einer drastischen Strafe bewahrt. Als „Wiederholungstäter“ hatte der Eintracht-Kapitän keine Chance; mildernde Umstände ließen sich nicht finden beim DFB-Sportgericht. In Zeiten, in denen auf Sportplätzen Schiedsrichter verprügelt werden, darf man diese rücksichtslose Aktion gegen einen Trainer nicht verharmlosen.

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Auf der anderen Seite sehnen sich nahezu alle Trainer nach Typen auf dem Feld, die einen schwierigen Spielverlauf, einen Rückstand, eine sich anbahnende Niederlage nicht einfach über sich ergehen lassen. Kampf, Widerstandsgeist, Comeback-Mentalität. Diese Begriffe haben eine hohe Bedeutung im Fußball. Spieler, die sich in schwierigen Situationen wie selbstverständlich aufbäumen, den Adrenalinhahn aufdrehen und mit unbändiger Willenskraft kurbeln, kurbeln, kurbeln und alles versuchen, noch eine Wende einzuleiten, die werden weniger.

David Abraham ist noch einer dieser Typen. Im Privatleben ein netter Kerl, in der Kabine ein kommunikativer, hilfsbereiter und sozial denkender Teamplayer – auf dem Feld ein zuweilen unberechenbar aggressiver, im Zweikampfverhalten grenzwertig ekliger Anführer, der erst aufhört, wenn der Schiri abgepfiffen hat. Wir dürfen davon ausgehen: Auch Christian Streich hätte diesen - auch fußballerisch nicht ganz unbedarften - „Rambo“ sehr gerne in seiner Mannschaft. Und wenn dieser Kerl dann ab und an mal durchdreht, dann würde gerade Streich, der Fußballprofis gerne heiß macht bis in die Haarspitzen, seinen Spieler in der Öffentlichkeit verteidigen bis aufs Messer.

Der aktuelle sportliche Erfolg in Freiburg und Frankfurt lässt sich auch festmachen an der Bereitschaft beider Mannschaften, Spiel für Spiel die physischen und mentalen/emotionalen Grenzen auszuloten. Das sind keine Messdiener-Mannschaften, die nur schön und taktisch korrekt kicken wollen. Da predigen Trainer Laufbereitschaft, Aggressivität, Tempo, Wucht und Siegeswillen. Dafür braucht es die entsprechenden Spielertypen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ausraster wie den von Abraham entschuldigt all das nicht.