Rehberg: Welche Aufgabe hat der Sport in schwierigen Zeiten?

Die Polizei wird in den Stadien verstärkt Präsenz zeigen, auch bei der EM 2016 hier im Stade de France. Foto: dpa

Unser Kolumnist Reinhard Rehberg betrachtet die Ereignisse in Frankreich mit etwas zeitlichem Abstand und fragt sich: Was bedeutet die zunehmende Bedrohung durch islamistischen...

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. Inzwischen gibt es Politiker, die im Wettrennen um die Deutungs- und Bewertungshoheit von Ereignissen mit ihren - zuweilen ausgesprochen albernen bis banalen - Twitter-Aktivitäten selbst den schnellsten Medienschaffenden noch zuvor kommen wollen. Manchmal tut es gut, Gedanken reifen zu lassen. Auch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris. Wir müssen konstatieren: Der IS-Terrorismus ist vor den Toren voll besetzter Fußballstadien angekommen.

Das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland vor 80.000 Zuschauern im Stade de France wurde um 21 Uhr angepfiffen. Ein Attentäter hat sich in der Avenue Jules Rimet um 21.20 Uhr am Stadiontor D in die Luft gesprengt, ein zweiter Attentäter hat sich um 21.30 Uhr vor dem daneben liegenden Stadiontor D getötet, ein dritter Attentäter hat unweit dieser beiden Stadiontore um 21.53 seinen Sprengstoffgürtel gezündet. Spieler und Zuschauer haben im Stadion Mitte der ersten Halbzeit den Explosionsknall der ersten beiden Detonationen vernommen, Zuschauer und Ersatzspieler haben registriert, dass die Stahlbetontribünen vibrierten.

1998 im Stade de France

Was ist mir am Freitagabend so alles durch den Kopf gegangen? Bei der WM 1998 war ich gemeinsam mit dem Kollegen Jörg Schneider (nullfünfMixedzone) als Reporter in Frankreich unterwegs. Im Stade de France habe ich das Endspiel Frankreich gegen Brasilien erlebt. Meine Frau, die an jenem Tag bereits zu unserem anstehenden Urlaub angereist war, sah das Finale vor dem Fernseher in einer Kneipe im Stadtteil Saint-Denis. In dem am vergangenen Freitagabend kriegsähnliche Zustände herrschten mit vielen Toten sowie schwerverletzten und traumatisierten Menschen.

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1998 erlebten wir in Frankreich unbeschwerte Tage. Freunde besuchten den Kollegen Schneider und mich in unserem für vier Wochen angemieteten Häuschen in der Nähe von Nizza. Mit großer Vorfreude habe ich bereits im Oktober gemeinsam mit meiner Frau die Vorbereitungen für unseren Sommerurlaub in Frankreich in der Zeit der EM 2016 begonnen. Werden wir diesen Plan durchziehen?

Man darf sich nicht beugen, ist leicht gesagt

Es ist leicht gesagt, dass man sich dem Terrorismus nicht beugen darf. Politikern, die in gepanzerten Fahrzeugen und mit einem Sicherheitstross zu Großveranstaltungen anreisen, geht dieses Statement leicht über die Lippen. Dass Besucher von Rockkonzerten oder Fußballspielen künftig ungute Gefühle befallen, nennen wir es in aller Besonnenheit Angst, das sollte man nicht bagatellisieren. Menschen reagieren unterschiedlich auf schlimme Ereignisse.

Wir werden künftig mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, mit ausgeweiteten Kontrollen und starker Polizeipräsenz zu rechnen haben. Die Freude und das Freiheitsgefühl leiden darunter. Doch zu diesen Schutzmaßnahmen existiert keine Alternative. Auch nicht für Fußballfans. Noch ein Gedanke: Wer als Stadionbesucher auch nur einen Funken Verstand und Einfühlungsvermögen hat, der wird ab heute und für immer auf den Einsatz von Rauch- und Knalltechnik in den Stadien und auch außerhalb der Arenen verzichten.

Von Abwegen zurück zur Werte-Bastion

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Welche Aufgabe hat der Sport – gerade in schwierigen Zeiten? Insbesondere der als Vorbild wirksame Spitzensport sollte wieder eine Werte-Bastion werden. Sportler und Funktionäre, natürlich auch Anhänger und Besucher sollten Werte verkörpern, Werte leben, Werte vorleben: Fairplay, Fairness, Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Ehrlichkeit, Seriosität, Respekt vor Andersdenkenden, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft. Gigantismus, ausufernder Kommerz, Maßlosigkeit, Korruption, Dopingsumpf, Ämtermissbrauch - der Spitzensport ist in Teilen seit vielen Jahren auf Abwegen unterwegs. Wir sollten uns wieder darauf besinnen: Das größte, wirksamste und werthaltigste Vereinigungs- und Integrationsprojekt auf diesem Erdball ist der Sport. Arbeiten wir daran, dass das so bleibt – und in den problematischen Abteilungen wieder so wird.

Wie die Menschen in Paris mit den Anschlägen umgehen in diesen Tagen, das macht Mut. Wir werden unseren EM-Urlaub in Frankreich antreten. Auch mit nicht mehr ganz so guten Gefühlen.