Rehberg: Wer hat die bessere Form für Europa?

Die Hertha-Spieler freuen sich gegen den SV Darmstadt über eines der wenigen Berliner Tore. Nach Spielende steht es 1:2 für die Darmstädter. Foto: dpa

Letzter Spieltag. Bundesliga. Das Finale. In der Coface Arena kämpfen der Fünfte und der Sechste punktgleich darum, am Ende mindestens Fünfter oder Sechster zu sein. Schalke...

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. Letzter Spieltag. Bundesliga. Das Finale. In der Coface Arena kämpfen der Fünfte und der Sechste punktgleich darum, am Ende mindestens Fünfter oder Sechster zu sein. Klingt leicht verschwurbelt. Hat aber eine große Bedeutung. Denn der Tabellensiebte muss in die Europaliga-Qualifikation. Und die bietet nicht nur keine wirtschaftliche Planungssicherheit, die bringt einem Klub auch noch die gesamte Sommervorbereitung durcheinander. Schalke 04, Hertha BSC Berlin und Mainz 05 haben jeweils 49 Zähler auf dem Konto. Einer aus diesem Trio wird auf Rang sieben landen. Die beste Position haben die Mainzer: Ein Remis im Heimspiel gegen die Hertha – und die Mannschaft von Martin Schmidt ist mindestens Sechster. Wer hat aktuell die bessere Form?

Schaut man auf die zweite Halbjahrestabelle, dann stellt man mit einiger Verwunderung fest: Da empfängt der Rückrunden-Vierte den Rückrunden-15.: In dieser Wertung trennen die 05er und die Hertha stramme acht Zähler. Das zeigt auf, dass die Mainzer mit 24 Hinrunden-Punkten und 25 Zählern nach 16 Rückrundenspielen zwei gute, zwei sehr ausgeglichene Halbserien gespielt haben. Die Berliner nicht. Streng betrachtet muss das Urteil lauten: Die Hertha ist nach ihrem überragenden dritten Platz mit überragenden 32 Zählern nach der Hinrunde in der zweiten Saisonhälfte mit nur noch 17 Punkten massiv eingebrochen.

Dardai sagt, seine Spieler hätten Angst vor dem Erfolg

Am 27. Spieltag war die Mannschaft von Pal Dardai immer noch Dritter. Mit vier Punkten Vorsprung vor Schalke 04 sowie sechs Punkten Vorsprung vor Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen. In der Bundeshauptstadt gab es nur noch ein Thema: Champions League. Und danach ging fast nichts mehr: 0:5 in Gladbach, 2:2 gegen Hannover 96, 1:2 in Hoffenheim, 0:2 gegen den FC Bayern, 1:2 in Leverkusen, 1:2 gegen Darmstadt 98. Nur ein einziger Punkt aus sechs Spielen. So richtig erklären kann sich in Berlin diesen Formverfall niemand. Anflüge von Überheblichkeit? Nachlassende Bereitschaft? Nachlassende Physis? Angespannte Nerven? Bremsende Druckgefühle auf der Zielgeraden? Dardai sagt, seine Spieler hätten Angst vor dem großen Erfolg, seine Spieler seien zu nett und zu lieb, für ihn seien das alles potenzielle Schwiegersöhne (wobei der Cheftrainer gar keine Tochter hat) – ihm fehle es an dem ein oder anderen willensstarken Drecksack mit Kampfkörpersprache. Soll heißen: Wenn es läuft, dann läuft es bei allen - wenn es nicht läuft, dann stemmt sich keiner wild und entschlossen gegen den Negativlauf.

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Ein kleiner Faktor mag auch der Ballbesitzfußball sein, den Dardai dieser Mannschaft in mühevoller Kleinarbeit beigebracht hat. Diese Spielweise auf der Basis von automatisierten Passmustern birgt eine Falle: Wenn diese Mannschaften in längeren Phasen kaum Torchancen herausspielen, wenn diese Mannschaften sich gegen Defensivwände einen Wolf spielen ohne nennenswerte Erfolgserlebnisse, wenn das Tempo fehlt und das Angriffsspiel irgendwann schematisch wird, dann schießt nicht selten wie aus dem Nichts der unterlegene Gegner mit einem einzigen zielstrebigen Konterzug ein Tor. Ballbesitzfußball ist ein langer Lernprozess. Für diese Herangehensweise braucht es auch die nötige Mentalität: Unerschütterliche Überzeugung, totale Konzentration und Geduld. Und es braucht Effizienz im Abschluss, gerade an den schwierigen Tagen. Gegen die Kampf-Lilien aus Darmstadt etwa hatte die Hertha 71 Prozent Ballbesitz, 556 angekommene Pässe (beim Gegner waren es gerade mal 80), 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, eine um drei Kilometer höhere Laufleistung und 17:7 Torschüsse. Aber: Acht Minuten vor Schluss markierte der Ex-Herthaner Sandro Wagner das 1:2. Blöd gelaufen.

Keine torgefährlichen Stürmer in Berlin

Erschwerend kommt hinzu, dass die Hertha in ihrem Kader nicht sonderlich viele torgefährliche Spieler hat. Die Stürmer Salomon Kalou (14 Saisontore/2 Vorlagen) und Vedad Ibisevic (10/3) müssen treffen, ansonsten wird es eng. Dann gibt es nur noch den Zehner Vladimir Darida (5/3). Dahinter folgt kein Kadermitglied mehr, das mehr als zwei Treffer erzielt hätte. Da stehen die 05er besser da: Yunus Malli (11/4), Jairo (7/8), Yoshinori Muto (7/4, fast die komplette Rückrunde verletzt), Jhon Cordoba (5/2), Christian Clemens (5/4) und Pablo de Blasis (4/4) - aus dieser Phalanx ist fast durchgehend jemand in der Lage gewesen, ein Spiel zu entscheiden. Und jetzt schlüpft auch noch der Winter-Zugang Karim Onisiwo in die Rolle eines physisch beeindruckenden, durchsetzungsfähigen und torgefährlichen Angreifers.

Was hat Dardai nun vor in Mainz? Die Hertha wird davon ausgehen, in Mainz gewinnen zu müssen, um die EL-Qualifikationsspiele zu vermeiden. Aber in dieser fußballerisch und mental problematischen Phase, in der die Hertha gerade steckt, wird Dardai den Ball womöglich an die Mainzer abgeben. Nach dem Motto: In der Spielmacherrolle tun sich die Mainzer schwer - jetzt verrammeln wir mal unsere Spielhälfte und stauben mit zwei, drei Kontern das Ergebnis ab. Dardai sagt: „Wir müssen den Gegner auch mal niederbeißen.“ Das riecht nach Kampfeinsatz. Aber davon verstehen auch die 05er etwas. Mehr dazu im morgigen Blog.