Rehberg: Wie man sich dem Gegner fast wehrlos ergibt

Florian Niederlechner (l.) und Daniel Brosinski von Mainz 05 klatschen nach der Niederlage ab. Foto: dpa

Kunst und Wunder war das nicht, was die Hertha da angeboten hat. Das sah auch noch nicht nach Champions League aus. Aber diese solide, engagierte, normal gute Vorstellung hat...

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. Kunst und Wunder war das nicht, was die Hertha da angeboten hat. Das sah auch noch nicht nach Champions League aus. Aber diese solide, engagierte, normal gute Vorstellung hat genügt, in allen Bereichen, tatsächlich in allen Bereichen besser zu sein als die 05er. Streng genommen haben die Berliner an diesem Sonntag ihren Gegner in aller Ruhe abgekocht und ausgespielt. Der 2:0-Sieg des Sensationsdritten in der Bundesliga hätte leicht höher ausfallen können. Die Mainzer haben im Berliner Olympiastadion zum Jahresabschluss und nach einer insgesamt überzeugenden Hinrunde eine grottenschlechte Leistung abgeliefert. Das geriet derart trostlos, dass sich die 600 aus Mainz angereisten Fans gefragt haben dürften, ob diese weite vorweihnachtliche Reise Sinn gemacht hat.

Individuell ist die Hertha nicht wesentlich besser aufgestellt als die 05er. An diesem Tag wurde deutlich, dass diese in der Vorsaison knapp und glücklich dem Abstieg entronnene Mannschaft mehr Inhalte im Fußballpaket hat als die taktisch doch eher eindimensional ausgerichtete Auswahl von Martin Schmidt. Die 24 Hinrundenpunkte stellen auch dem 05-Chefcoach ein gutes Zeugnis aus. Aber Pal Dardai hat mit den Berlinern eindrucksvoll demonstriert, dass man auch mit normalem Personal aus der Mitte des Profigeschäfts den Mut haben kann, je nach Spielsituation offensive Umschaltszenen zu mischen mit einem konstruktiven Spielaufbau.

05er deutlich unterlegen

Die 05er mögen keinen guten Tag erwischt haben nach sechs Partien ohne Niederlage. Dass die Schmidt-Elf aber nahezu hilflos auftrat, das war in dieser Form überhaupt nicht gut. Zählen wir auf, auf welchen Gebieten Hertha BSC besser, phasenweise haushoch überlegen war:

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1.Die Berliner zeigten eine giftige, kompromisslose Nachvorneverteidigung mit aktiver Balleroberung. Die 05er stellten defensiv leidlich gut die Passwege zu, aber von einem aggressiven Zugriff konnte in keiner Zone auf dem Feld die Rede sein.

2.Die Hertha kontrollierte und dominierte die Partie mit ihrem ebenso geduldigen wie präzisen Passspiel in der Spieleröffnung und im Aufbau. Das war nicht überragend kreativ und tempogeladen, aber immer konstruktiv. Die 05er wurden nie aktiv, dazu kamen Schlampigkeiten wie eine schlechte Ballannahme und zahllose Fehlabspiele.

3.Die Hertha klemmte mit ihrem sehr guten defensiven Umschaltspiel in einer nahezu perfekten Organisation im Raum sämtliche Konterversuche der 05er resolut ab. Das machte sich auch fest an zwei Duellen im Mittelfeld: Der Berliner Kapitän Fabian Lustenberger stahl 05-Umschaltzehner Yunus Malli nahezu jeden Ball vom Fuß, 05-Kapitän Julian Baumgartlinger schaffte es nie, die Umschaltbewegungen des Berliner Zehners Vladimir Darida zu kontrollieren.

4.Die Berliner waren sogar besser auf dem Spezialgebiet der 05er: Beide Tore erzielten die Gastgeber nach Balleroberungen im Mittelfeld und schnellem, geradlinigem Spiel in die Spitze. Zweimal machte Vedad Ibisevic die Kugel fest im Zentrum, zweimal legte der Hertha-Mittelstürmer auf. Und zweimal ließ sich 05-Innenverteidiger Niko Bungert relativ läppisch vom jeweiligen Torschützen ausspielen. Bei weiteren Umschaltzügen lag das 3:0 in der Luft. Die 05er hatten in der ersten Halbzeit einen Konterversuch und nicht einen einzigen Torschuss. Nach der Pause bemühten sich die Mainzer in Rückstand vergeblich um Angriffsdruck, Konter ließ die Kontroll-Hertha gar keine zu.

Natürlich können sich die 05er auf die Argumentationsplattform zurückziehen, der Gegner habe einen Lauf, unendlich viel Selbstvertrauen und nicht umsonst nun 32 Punkte auf dem Konto. Das stimmt zweifelsfrei. Aber wer das vorher schon weiß, der sollte diese knifflige Aufgabe in Berlin nicht derart uninspiriert, emotional unterkühlt, unaufmerksam und fehlerhaft abspulen. Zumindest einen großen Kampf hätte die Schmidt-Elf anbieten können, anbieten müssen. Im Olympiastadion haben sich die 05er, die sich definieren über Laufbereitschaft, defensive Sicherheit, Pressing und Tempospiel, fast wehrlos ergeben.