Rehberg: Wut der Bayern nach Bellarabi-Tritt ist überzogen

Rot für Karim Bellarabi. Foto: dpa

Das Foul an Rafinha brachte nicht nur Uli Hoeneß auf die Palme. Bellarabis Tritt war der Tiefpunkt des Auftritts von Bayer Leverkusen bei Bayern München. Viele Gegner loten im...

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. Geisteskrank. Das ist ein Begriff, der im Sport nichts verloren hat. Aber man muss das nicht überbewerten. Wenn Uli Hoeneß in diese Schublade greift bei der Bewertung von Ereignissen, dann ist er emotional aufgewühlt. Dann glaubt der Bayern-Präsident, er müsse seine Mannschaft verteidigen, schützen. In diesem Fall war das überzogen, man könnte auch sagen: nicht notwendig. Bayer Leverkusen hat nicht betont unfair bis brutal gespielt beim 1:3 in München.

Das Foul von Karim Bellarabi an Rafinha auf Höhe der Mittellinie war rücksichtslos, dumm, überflüssig. Aber nicht geisteskrank. Wenn Stürmer, in diesem Fall ein Einwechselspieler, das Gefühl haben, über Zweikampfintensität ein Zeichen setzen zu müssen, dann kann das gründlich daneben gehen. Angreifer haben in der Defensivarbeit oft nicht das geschulte Repertoire am Start. Rafinha bezahlt das mit einer schweren Verletzung. Eine noch längere Ausfallzeit muss Corentin Tolisso hinnehmen; in diesem Fall war das sehr unglücklich, da war ursächlich kein Gegenspieler involviert.

Drei Schwerverletzte nach drei Bundesliga-Spieltagen, das belastet die Bayern. Dass Trainer Niko Kovac hernach davon sprach, sein Team sei „Freiwild“, mag ebenfalls einer emotionalen Überreaktion geschuldet sein. Alle Mannschaften treten gegen den Abonnementmeister als Außenseiter an. Zum Außenseiterfußball gehört gesunde Härte. Viele Gegner loten im Duell mit dem Branchengiganten die Grenzen des Regelwerks aus. Um dem haushohen Favoriten den Spaß zu rauben am freudigen Kombinations- und Tempofußball. Dass dabei gravierende Verletzungen billigend in Kauf genommen werden, das kommt eher selten vor. Zweikampfschärfe ist nicht gleich brutales Spiel.

Die Spielweise der Leverkusener in München muss man sogar als naiv-harmlos bezeichnen – abgesehen von Bellarabis Rot-Aktion. Ähnlich demütig trat zuletzt der VfB Stuttgart bei seiner Heimniederlage gegen den FCB auf. Schaum vorm Mund hatten beim Startspiel in München die Hoffenheimer. 20 Fouls schon in der ersten Halbzeit, dazu die schwere Verletzung von Kingsley Coman nach einer wilden Grätsche von Nationalspieler Nico Schulz, das war derb. Bei TSG-Trainer Julian Nagelsmann gehört grenzwertige Körperlichkeit zum Dominanz- und Einschüchterungs-Programm. Nicht nur gegen die Bayern. Auch da gilt: Physische Intensität gehört zum Fußball – übertriebene Schärfe regelt der Schiedsrichter.

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Insgesamt ist ein Trend zu beobachten: Viele Mannschaften unterbinden gegnerische Umschaltchancen mit taktischen Fouls. Griff ins Trikot, Bodychecks, vermeintlich harmloses Beinstellen. Nicht immer zücken die Schiris in diesen Fällen die Gelbe Karte. Oft nur dann, wenn der Gefoulte sich wie von der Axt getroffen am Boden kugelt. Aktionen, die den Spielfluss zerstören, sind nicht nur ein Bayern-Thema. Was Hoeneß und Kovac erreichen wollen mit ihrer Wild-West-Rhetorik, das ist klar: Der nächste Gegner des FCB soll beim Regelhüter unter besonderer Beobachtung stehen. Das muss nicht, aber das kann für den punktlos am Tabellenende dümpelnden Vizemeister Schalke 04 am kommenden Wochenende zum Problem werden.