Rehberg: Ziele setzen, Ziele erreichen, Ziele übertreffen

Thomas Tuchel. Foto: dpa

Zielformulierungen vor einer Saison sind nur für wenige Klubs eine einfache Geschichte. Der FC Bayern will Meister werden, Borussia Dortmund will in die Champions League....

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. Saisonzielsetzungen sind in der Bundesliga nur für wenige Klubs ein einfaches Geschäft. Der FC Bayern will und muss Deutscher Meister werden, Borussia Dortmund will und muss in die Champions League, die drei Aufsteiger wollen nicht direkt wieder absteigen. Ende. Bei allen anderen Klubs ist Kreativität gefragt. Das gilt natürlich auch für den FSV Mainz 05. Nicht absteigen zu wollen, das ist ein zu schwaches Ziel für einen Verein, der in den vergangenen fünf Jahren nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz gestanden hat. Internationales Geschäft? Das ist zu hochgesteckt für einen Klub, der in neun Jahren Bundesligazugehörigkeit zwei Mal die Qualifikation für den Uefa-Pokal geschafft hat.

Thomas Tuchel wird nie konkret, wenn er nach der ursprünglichen Zielformulierung für die zu Ende gehende aktuelle Saison befragt wird. In Mainz ist das von jeher kein großes Thema. Warum auch? Eine Spielzeit ist lang und unwägbar in der Mittelklasse, und es gibt nichts Schuftigeres, als zu hohe oder zu niedrige Zielvorgaben irgendwann "korrigieren" zu müssen. So viel gibt der 05-Coach preis: Es wurden gemeinschaftlich Ziele erdacht und aufgeschrieben im vergangenen Sommer, mannschaftliche Ziele und individuelle. Und wenn nicht alles täuscht, dann wurde unter diese komplexe Angelegenheit ein Strich gezogen und eine Zielpunktzahl festgelegt. Die sei nach wie vor nicht erreicht, sagt Tuchel. Also gehen wir mal aus von: 50 Punkten. Eine stramme Aufgabe, aber auch keine utopische Vorstellung.

Woran will Mainz sich messen lassen?

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Die Ausgangsfrage für Tuchel lautet immer: Woran wollen wir uns im Verlauf einer Spielzeit als klassisches Mittelfeldteam tatsächlich messen lassen? Das bespricht der Trainer in der Vorbereitung mit dem gesamten Kader, zur Erhebung der individuellen Vorstellungen gibt es offenbar Fragebogenaktionen. Der 40-Jährige legt Wert darauf, dass sich alle gemeinsam auf Ziele einigen. Wenn es darum geht, woran sich eine Mannschaft, die Woche für Woche häufiger als Außenseiter denn als Favorit antritt, gemessen werden will, dann landet man schnell bei den messbaren Werten. Klar, wer häufig Überraschungen schaffen will, der erhöht seine Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn er zumindest in den physischen Daten konstant weit vorne ist. Also, verrät Tuchel, kann es ein mannschaftliches Ziel sein, in der Bundesliga zu den Top-Sechs zu gehören bei der gelaufenen Gesamtstrecke und/oder bei der Anzahl der intensiven Läufe und Sprints. Das ließe sich auch runterbrechen auf individuelle Ansprüche. Und individuell könnte man sich als Anreiz auch vorstellen, dass etwa die Innenverteidiger oder Mittelfeldsechser in der Liga zu den Spielern mit den besten Zweikampfquoten gehören wollen.

Nun haben sich Trainercrew und der Kader auch auf eine Zielpunktzahl geeinigt. Neu daran ist, das hatte Tuchel im Sommer auch so proklamiert: Man will sich als klassischer Außenseiter erstmals auch an Ergebnissen messen lassen. Das heißt: Der Gegner kann ruhig mal mehr Ballbesitz, mehr Torchancen oder bessere physische Messdaten haben - wir wollen dennoch auch in diesen im Spielverlauf problematischeren Duellen Punkte schnappen. Dieser Ansatz hat funktioniert. Drei Spieltage vor Schluss haben die 05er satte 47 Zähler auf dem Konto. Der Weg war der richtige. Und nun stellt sich plötzlich heraus, dass die Endpunktzahl erheblich an Bedeutung verloren hat. Denn: Die Endplatzierung ist in den Fokus gerückt, spätestens, seitdem klar ist, dass der siebte Rang die Europaliga-Qualifikation bedeutet.

Besonderer Anreiz für Platz sechs

Auf diesem siebten Platz stehen die 05er, mit stattlichen vier Punkten Vorsprung vor dem Verfolger FC Augsburg. Und damit verbindet sich nun direkt noch ein weiterführender Anreiz. Der Bundesligasiebte steigt in die dritte Qualifikationsrunde der Europaliga 2014/15 ein. Die wird mit Hin- und Rückspiel ausgetragen am 31. Juli/7. August. Also noch vor dem Start in den DFB-Pokal und in die neue Bundesligasaison. Und die vielen WM-Fahrer der 05er müssten sich dann sputen mit ihren Urlaubsansprüchen. Nun liegen die Mainzer aktuell nur zwei Zähler hinter dem Tabellensechsten, Borussia Mönchengladbach. Der Sechste steigt in der Europaliga erst in der Playoff-Runde ein, und die wird ausgespielt am 21./28. August. Da hätte man dann zumindest schon ein DFB-Pokalspiel (Erste Runde: 15. bis 18. August) und vor dem internationalen Rückspiel eine Bundesligapartie (Start: 22. August) im Rücken. Und natürlich eine komplette Sommervorbereitung.

So ist das mit den langfristigen Zielen, die werden manchmal von der Aktualität überholt. Inzwischen sind am Bruchweg, wo die Saison gar nicht mehr schlecht werden kann, 50 Punkte gar nicht mehr so sonderlich interessant, sondern mehr die Frage: Kann die Mannschaft Rang sieben festmachen - oder sogar noch den für die internationalen Termine günstigeren sechsten Platz angreifen? Dafür gäbe es einen idealen Zeitpunkt: Das letzte Auswärtsspiel - in Mönchengladbach.

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Auswärts ohne Emotionen

In allen Zielformulierungen können Fallen verborgen sein. Tuchel hat angedeutet, dass eines der Ziele auch war, mehr Auswärtsspiele gewinnen zu wollen als in der Vorsaison. Da waren es fünf. Und diesmal? Mit dem 4:2 bei der TSG Hoffenheim hatten die 05er schon am 25. Spieltag ihren sechsten Auswärtssieg in der Tasche. Und danach? Drei Auswärtsniederlagen (1:3 in Braunschweig, 0:2 in Frankfurt, 2:4 in Dortmund). Nun wäre die Schlussfolgerung, die 05er könnten genügsam geworden sein nach Erreichen der Auswärtszielstellung, zu platt. Aber tatsächlich fehlte es der Elf zuletzt in fremden Stadien an Emotionalität. Was lernen wir daraus: Sollten die 05-Profis mit einem Heimsieg am kommenden Samstag gegen den 1. FC Nürnberg "ihre" 50 Punkte unter Dach und Fach haben, dann stehen zweifellos noch höhere (realistische) Ziele auf dem Programm - Rang sieben oder gar Rang sechs.

Natürlich ist es so, und das hat Tuchel auch gestern wieder betont: All die Rechnereien oder möglichen Motivationskniffe rangieren eindeutig hinter der Bereitschaft und hinter der Leistung am kommenden Samstag gegen den verzweifelt gegen den Abstieg kämpfenden "Club" aus Nürnberg. Die letzten offenen Fragen in dieser Saison werden definitiv nicht in Diskussionsrunden oder über Wunschzettel entschieden, sondern auf dem Platz. Und da geht es um Kilometer, um Läufe, um Sprints, um gewonnenen Zweikämpfe. Um Tore. Und um Emotionalität und Erfolgsmentalität.