Rehbergs Analyse: Tapfere Leistung nervt Bayern nicht genug

Tapfer dagegengehalten: Mainz 05 nach dem Spiel gegen den FC Bayern München. Foto: Sascha Kopp

Eine tapfere Leistung attestierten die Zuschauer den Spielern von Mainz 05 trotz der Niederlage gegen den FC Bayern München. Reinhard Rehberg erklärt, warum die...

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. Die Zuschauer in der Coface Arena standen vor ihren Sitzschalen, rhythmisches Klatschen. Diese Herausforderung zu einer kleinen Ehrenrunde hatten sich die 05-Profis verdient. Das war Anerkennung für eine tapfere Leistung. Den aktuell übermächtigen FC Bayern München 45 Minuten an der kurzen Leine gehalten und gebändigt, nach der Pause das zu frühe Gegentor durch das in Gerd-Müller-Spuren wandelnde Fünftoreinneunminuten-Monster Robert Lewandowski, am Ende ein 0:3. Und danach durfte der katalanische Separatistenanführer Pep Guardiola erzählen, wie schwer es immer wieder ist gegen das „physisch starke und dynamische“ Mainz. Alles in Ordnung.

Doch man merkte es den Mainzer Spielern in ihren Kommentaren nach dem Abpfiff an und später auch Trainer Martin Schmidt: Das war alles ein wenig zu putzig, ein wenig zu normal. Durch die Katakomben der Arena waberte das Gefühl: Irgendwie ist es schuftig, sich für eine klare Niederlage zu überschwänglich abfeiern und loben zu lassen. Ein gutes Zeichen. Denn unterm Strich stehen in dieser englischen Woche nach Duellen mit den beiden Champions-League-Mannschaften aus Leverkusen und München 0 Tore und 0 Punkte. Und obendrein vier Gegentreffer.

Kann passieren gegen diese Qualität. Normal eben. Was gegen die Bayern, eine der drei besten Fußballmannschaften auf diesem Planeten, wirklich zählt, das ist der Anspruch an die eigene Leistung. Die war gut. Das haben die Anhänger honoriert. Aber: So richtig genervt haben die Workingclass-05er das Establishment nicht. Das sollte nicht als Vorwurf verstanden werden, lediglich als Feststellung. Und als Hinweis darauf, dass am kommenden Freitagabend bei der unangenehmen Aufgabe am Darmstädter Böllenfalltor das Ergebnis definitiv wieder mehr zählt als eine tapfere Leistung.

Lehren aus 90 Minuten gegen Weltauswahl

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Was können die 05er ableiten von diesen 90 Minuten gegen die Weltauswahl aus München? Das Schmidt-Team ist in der Lage, ein Meisterensemble zu neutralisieren. Mit einer taktisch hochwertigen und reifen Vorstellung. Das war in der ersten Halbzeit der Fall. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn die Bayern mit ihrer Abwehrreihe auf Höhe der Mittellinie verteidigen, wenn sie sich mit zehn Feldspielern in der gegnerischen Hälfte einnisten und ihr bis ins Detail geplante Pass-Karussell aufziehen und Zug für Zug darauf hinarbeiten, an den Seitenlinien den Geschwindigkeits- und Dribbelraketen Douglas Costa und Kingsley Coman die tiefen Räume zu öffnen. Diese Offensivmaschinerie haben die 05er bis zum Pausenpfiff im Kollektiv nahezu perfekt verteidigt.

Auch der Außenseiter hat mutig nach vorne verteidigt, die Mainzer haben dem Technik-Kunstwerk das Feld abgeschnitten, sie haben in diesem engen Kampf auf oft nur 30 mal 30 Metern Zweikämpfe geführt und gewonnen, sie haben dem aus anderen Sphären stammenden Gegner an Abschlussszenen nur eine Elfmeterchance und einen gewaltigen Weitschuss gestattet. Die 05er haben den Moment nach Thomas Müllers verballertem Strafstoß genutzt zu zwei couragiert durchgezogenen Konterattacken, in denen Yoshinori Muto und Pablo de Blasis jeweils die Gelegenheit hatten, mit einem Führungstreffer das eigene Selbstwertgefühl in einen Extremzustand zu manövrieren, das Stadion in einen Hexenkessel zu verwandeln und das Spiel damit in eine ganz andere Richtung zu lenken. Das war stark, das war läuferisch, kämpferisch und taktisch überzeugend. Und das galt auch für den Versuch, den Titelverteidiger immer mal wieder mit konstruktiven Flachpasskombinationen zu überraschen.

Stark behauptet im Mittelfeldzentrum

Was schwierig genug ist vor dem Hintergrund, dass Pep Guardiola es schafft, auch Weltklassespieler von der Wirkung eines physisch aufwendigen aggressiven Gegenpressingkonzepts zu überzeugen. Auch wenn die Bayern natürlich mehr Ballbesitz hatten: Julian Baumgartlinger und Danny Latza haben sich glänzend behauptet im Mittelfeldzentrum gegen am Ball überragende Strategen wie Xhabi Alonso und Thiago. Torjäger Lewandowski war bis zum Pausenpfiff abgeklemmt, isoliert, nahezu nicht anwesend im Schatten der sehr konsequent und stellungssicher arbeitenden Innenverteidiger Stefan Bell und Niko Bungert.

Man muss auf all diese aufeinander aufbauenden Züge der Bayern Antworten haben. Auf der ballnahen Seite wechselt der Außenstürmer oft in den Halbraum und wird dort zu einem zusätzlichen Mittelfeldspieler, dann rennt an dieser Linie der Außenverteidiger in die Tiefe. Und auf der ballentfernten Seite klebt ein Außensprinter auf der Kreidelinie, der für einen Meister des Überblicks wie Alonso jederzeit mit einem diagonalen Flugball zu erreichen ist. Und dann muss der gesamte Defensivverbund, der eben noch das bayrische Kurzpassfestival, möglichst in Überzahl, verteidigt hat, blitzartig auf die andere Seite verschieben. Denn wenn das nicht funktioniert, dann gerät der eigene Außenverteidiger in eine Eins-gegen-Eins-Situation, und dann wird es problematisch gegen den Turbolader eines Douglas oder Coman.

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Kraftraubendes Spiel gegen variable Bayern

Zweimal haben die Bayern genau diese Situationen ausgenutzt. Sprint Coman über rechts, hohe Flanke, Kopfball Lewandowski, das 0:1. Sprint Douglas über links, eine Hereingabe auf der Grasnarbe Richtung langen Pfosten, Abstauber Coman, das 0:3. Und als die 05er ein einziges Mal im Zentrum ungeordnet waren, das spielte der eingewechselte Arturo Vidal den auf der Abseitslinie lauernden Lewandowski frei, das 0:2.

Es kostet nicht nur sehr viel Kraft, diese Variabilität der Bayern zu verteidigen, es erfordert auch extrem viel Konzentration. Der permanente Ballbesitz der Bayern, mal mehr, mal weniger zielstrebig, aber immer geduldig ausgerichtet auf die Erarbeitung von Lücken und Löchern in der gegnerischen Festung, ist zermürbend, auch für den Kopf. Diesem Umstand haben die 05er Tribut gezollt. Dann passiert eben auch mal ein Stellungsfehler wie beim Führungstor durch den technisch überragend köpfenden Lewandowski.

Dass die 05er nach mutig schwungvollen ersten fünf Minuten nach der Pause einige unerzwungene Ballverluste zu viel einstreuten, das erleichterte den Bayern den Weg zum Pflichtsieg. Resümierend lässt sich sagen: In der Vorwärtsbewegung hätten die 05er noch giftiger, auch präziser agieren müssen, nur dann wäre der Topfavorit (vielleicht) in echte Bedrängnis gekommen. Spielerisch und taktisch einen Schritt nach vorne gemacht haben die Mainzer auf jeden Fall. Was unter Beweis zu stellen ist am kommenden Freitagabend in Darmstadt.