Rehbergs Birmingham-Tagebuch: Gelebter Konkurrenzkampf

Stefanos Kapino. Archivfoto: René Vigneron

Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie sich Neuzugänge in einer Mannschaft etablieren. Dazu gehören manchmal auch Provokationsspielchen. In Birmingham ist dies etwa bei...

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. Der 05-Kader verträgt durchaus auch mal Neuzugänge, die nicht aus der Messdienerabteilung kommen. Stefanos Kapino ist so einer. Der Grieche ist ein netter Kerl. Aber er versteht auch etwas davon, wie man sich als neuer Torwart gegen einen etablierteren Konkurrenten in Szene setzt. Kapino hat einen Gang wie ein Westernheld, er hebt kaum die Füße, er geht extrem aufrecht, die Arme nimmt er mit wie John Wayne, der jeden Moment seinen Schießprügel ziehen muss, um irgendwelche Schurken über den Haufen zu ballern. Ganz dicke Cochones, würde Oliver Kahn das wahrscheinlich nennen.

Auf dem Trainingsplatz im St. George´s Park brüllt und dirigiert der Grieche, als hätte es vor ihm oder neben ihm keinen anderen Torsteher in dieser Mannschaft. Weit ausgebreitete Arme, die ganz großen Gesten, und dann stellt sich der selbstbewusste 20-Jährige seine Abwehr. "Elkin! Position, Position, Position!" Dann rennt der Grieche raus, umarmt Gonzalo Jara, klopft ihm auf die Brust, belobigt ihn für eine Monstergrätsche. Daniel Brosinski muss sich anhören. "Press, press, press, in der Mitte, come on! Press, press, press!” Und als Nicolai Müller einen von Kapino abprallenden Ball zu einem gechippten Abstauber nutzt, da mimt der Grieche einen Ausraster: "No Goal, no Goal. Abseits, Offside!" Alles ein wenig theatralisch. Kollegen witzeln, der Grieche habe eventuell noch einen Nebenjob im Kreissaal: Press, press, press!

Karius bleibt cool

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Loris Karius? Der Bursche ist auch erst 20 Jahre alt. Und schlau genug, diese Herausforderung zu Provokationsspielchen erst gar nicht anzunehmen. Die Nummer eins bleibt betont cool. Karius verhält sich still wie eine Nonne beim Abendgebet. Da demonstriert einer Souveränität. Als hätte er das von Dimo Wache gelernt, der sich den ewigen Herausforderer Christian Wetklo jahrelang mit eingefrorener Gleichgültigkeit vom Leib hielt. Auch verbal bleibt Karius hinter seiner Deckung. Der Zaziki-Mann ist eine Gurke, der kann mir vielleicht das Wasser bringen, aber nicht reichen, solche unkonventionellen Töne wären mal interessant. Aber klar, das macht Karius nicht. Immer schön bescheiden bleiben. Und Kasper Hjulmand? Der Trainer lobt mit großer Gelassenheit: Robin Zentner, 19, die Nummer drei - oder vielleicht auch nicht. Sehr amüsant.

Nach Übungsende bleiben die Spieler manchmal noch gut 20 Minuten auf dem Platz. Zeit zur freien Gestaltung. Am Dienstagvormittag stürzte sich eine Gruppe mit Johannes Geis, Christoph Moritz, Sebastian Polter, Yunus Malli, Nicolai Müller und Torhüter Loris Karius in einen Schusswettbewerb. Sehr lustig. Gelebtes Teambuilding. Elfmeterschießen. Die Profis setzen sich gegenseitig unter Druck mit Sprüchen. Da werden Stresssituationen konstruiert: "Letzter Spieltag, letzte Minute, es geht gegen den Abstieg, Elfmeter, was macht er, ist er dem unmenschlichen Druck gewachsen?" Und Karius? Der imitiert den holländischen Elfmeterkiller Tim Krul, der bei der WM Junior Diaz´ Costa Ricaner mächtig genervt hat. "I know", stöhnt Karius im Stil eines Mafiabosses, also: Ich kenne deine Ecke! Viel Spaß, viel Gelächter, Liegestütz für die Verlierer - und Geis trifft fast immer. Und als die Schussentfernung vergrößert wird auf 16 Meter, da trifft Geis immer noch…

Pedersen läuft und läuft und läuft

Die Trainer halten sich in dieser Phase zurück, beobachten, plaudern, lachen. Alle Trainer? Nö. Flemming Pedersen ist das zu langweilig. Der kernige Däne, der mit seinem drahtigen Körper, seinen kantigen Gesichtszügen und seinem kahlen Schädel einem amerikanischen Drill-Sergeant ähnelt, dreht auf der Wiese rund um den Platz in der sengend heißen Sonne mal so eben ein paar große Runden, ohne Kappe auf dem Kopf, in einem extrem zügigen Tempo. Man könnte annehmen, der asketische Kerl fällt nach zwei Trainingseinheiten und einem netten mittäglichen 5000-Meter-Lauf in der Gluthitze abends todmüde ins Bett. Nö. Wir staunen nach dem Spättraining. Auf unserer Rückfahrt nach Burton am Trent verpasst der Kollege am Steuer im englischen Kreisel eine Ausfahrt. Auf einer uns unbekannten - sehr welligen, man könnte auch sagen ausgesprochen hügeligen - Landstraße wollen wir nach vier, fünf Kilometern wieder umkehren. Dann überholen wir einen einsamen Jogger. Den kennen wir doch!? Flemming Pedersen, der Laufextremist, trommelt mit seinen Füßen auf dem heißen Teerbelag. Zügiges Tempo, schwankender Laufstil, und wieder ohne Kappe. Respekt.

Wir haben beim netten, humorvollen, immer gut gelaunten 51-Jährigen nachgefragt. Mit 18 hat Flemming den Sprung in den Profifußball nicht geschafft. "Spielen kann ich nicht", sagt Pedersen laut lachend. "Aber ich kann laufen…!" Den Halbmarathon in Kopenhagen hat er kürzlich in glänzenden 1:28 Stunden bewältigt. Ohne Startvorbereitung. Raus aus der U-Bahn, direkt rein ins Getümmel.